Ein feministisches Desaster: Wonder Woman

Seit Wonder Woman vor zwei Wochen in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, bricht dieser Film Rekorde. Nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Ratings auf imdb, Rotten Tomatoes etc.pp. beeindrucken.
Spätestens der inzwischen oft gelesene Spruch „Wonder Woman – der beste DC-Film seit langem!“ sollte allerdings stutzig machen, denn in Anbetracht von Verbrechen an die Filmkunst wie Man of Steel, Batman v Superman und Suicide Squad muss man sich fragen, ob das tatsächlich eine großartige Leistung darstellt.

DC hat mich in der Vergangenheit einfach zu oft enttäuscht, um den euphorischen Berichten glauben zu können. Deshalb habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe und bin am ersten Tag der deutschen Veröffentlichung ins Kino gegangen, um endlich mitreden zu können.

Leider wurde ich erneut enttäuscht, wenn auch ganz anders, als ich vermutet habe. Ich habe einen mittelmäßigen Actionfilm mit feministischen Anklängen erwartet – tatsächlich ist es mir aber nach dem Kinobesuch völlig unbegreiflich, was an diesem Film feministisch oder überhaupt in irgendeiner Weise herausragend sein soll.

Spoilerwarnung – Details zur Handlung, inklusive Plottwists

Wonder Womans erster Coverauftritt, 1942

Einige scheinen zu glauben, Wonder Woman müsse feministisch sein, weil es ein Film mit einem weiblichen Superhelden ist. Das ist aber falsch. Ein Wonder-Woman-Film muss feministisch sein, weil Wonder Woman feministisch ist. Ihr Schöpfer William Moulton Marston erfand sie, weil es ihn ärgerte, dass alle Superhelden männlich waren. Er war selber Feminist und hat mit Wonder Womans Background als Amazone den Inbegriff weiblicher Macht und Unabhängigkeit gewählt. Wonder Woman begleitet Steve Trevor in die Welt der Männer, um den Krieg zu beenden, aber auch, um für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen (in der Neuinterpretation ihrer Figur Mitte der Achtziger war das sogar der Hauptgrund).

Und schon sind wir mittendrin in der feministischen Kritik. Das ist nämlich etwas, was im gesamten Film nicht mit einem Wort Erwähnung wird.

Dabei betritt Wonder Woman im Film eine Zeit, die inzwischen 100 Jahre in der Vergangenheit liegt. Doch nicht ein einziges Mal stutzt sie oder wird überhaupt wirklich konfrontiert mit dieser Welt, in der Frauen nicht wählen oder Kriegsdienst leisten dürfen oder überhaupt etwas zu sagen haben. Kein Stirnrunzeln, als die versammelten Generäle sich ereifern, weil sie, eine FRAU, es gewagt hat, in ihre Sitzung zu platzen. Nicht ein Wortwechsel zwischen Steve und seinen Compagnons, die ihn fragen, was um alles in der Welt er sich dabei gedacht hat, eine Frau auf ihre Mission mitzunehmen. Und damit auch keine Gelegenheit für Diana, sich gegen diese Behandlung zu wehren – und den Jungs demonstrativ zu beweisen, dass sie trotz ihres Geschlechts alles kann, was sie können, nur besser.

Eine Frau als Präsident? In 1000 Jahren vielleicht.

Es scheint inzwischen als feministisch zu gelten, eine Frau in eine klassische Männerrolle zu stecken und dann so zu tun, als würde das keinen Unterschied machen. Leider werden damit Tatsachen ignoriert, die aber nun mal existieren – heute und noch viel mehr vor 100 Jahren. Wonder Woman kommentiert den Sexismus dieser Welt nicht, sie registriert ihn ja nicht mal. Sie nimmt ihn vielmehr sogar an. Sie akzeptiert ohne Widerrede, dass sie sich nicht öffentlich in ihrer Uniform zeigen darf, auch wenn sie nicht weiß wieso, und lässt sich fügsam aus der Versammlung der Generälen führen, so, wie sie sich eigentlich den ganzen Film über von Steve Trevor führen lässt. Da bleiben auch die wenigen Male, als sie (endlich!) doch tut, was sie für richtig hält, nicht im Gedächtnis und ein Spruch wie „Ich lasse mir von dir nichts befehlen!“ wirkt eher hysterisch in seiner Hilflosigkeit. So typisch Weib eben.

Ich habe mir kein flammendes feministisches Plädoyer von einem Film gewünscht, im Gegenteil. Das wirkt schnell belehrend und nervt. Aber dieses völlige Ausblenden historischer Diskriminierungserfahrungen, sogar die bloße Nicht-Erwähnung des Umstands, dass Frauen im Jahr 1918 normalerweise nicht an die Front reisen und kämpfen – das ist geschichtsvergessen und schlicht ignorant.

Sexismus kennen übrigens auch die Amazonen – denn Männer, das sind für sie ausnahmslos Kriegstreiber, Gewalttäter, Tiere. Diana nun betritt in ihrer Achtziger-Version die Welt der Männer nicht nur als ihre Botschafterin mit dem Auftrag der Befreiung der Frau – sondern lernt, dass es auch gute Männer gibt. Steve ist einer davon, ihre späteren Kollegen Superman und Batman ebenfalls. Diese versöhnliche Botschaft geht über den vulgärfeministischen Ansatz eines William Moulton Marston, der von der Überlegenheit der Frau überzeugt war und sich ein Matriarchat herbei sehnte, weit hinaus und hätte Chancen geboten, die hier gnadenlos verspielt worden sind, weil das Geschlechterthema schlicht und ergreifend völlig eliminiert wurde.

Ein Superheldenfilm ohne Geschlechterthematik? Klar kann man das machen. Aber eben nicht bei Wonder Woman. Und wenn alle, die den Film bisher euphorisch gelobt haben, mal einen Schritt zurück treten würden, dann müssten sie erkennen, dass dieser Film nicht direkt ein feministisches Meisterwerk ist, nur weil im ersten Drittel ein paar durchaus coole Amazonen vorkommen.

Wonder Woman auf dem Cover des feministischen Ms.-Magazins

Allein dadurch wird Wonder Woman zu einem Film, der von dem Geschlecht der Superheldin abgesehen keine feministische Botschaft hat, sogar im Gegenteil unfeministischer ist als so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Selbst Deadpool, der eine Frau abknallt, weil er es irgendwie sexistisch findet, wenn er während seiner Tötungsorgie nur bei Frauen eine Ausnahme machen würde, ist da emanzipatorischer. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich nur eine einzige Szene zu wünschen, in der Wonder Woman einem Macho, der sie beleidigt, voll auf die Fresse haut?

Aber eine Frau hat Regie geführt! Kaum ein Artikel, der Patty Jenkins‘ Regiearbeit nicht besonders hervorhebt, als handle es sich hierbei um die Entdeckung des achten Weltwunders. Erwähnenswert dabei immer Monster, „Jenkins‘ Oscarfilm“ – tatsächlich hat einzig Charlize Theron, die die Hauptrolle spielte, für den Film einen Oscar erhalten, auch wenn die Formulierung etwas anderes nahelegt. Und da Jenkins seit Monster (von 2003!) keinen Kinofilm mehr gedreht hat, gibt es kaum eine Gelegenheit, ihre bisherige Arbeit zu bewerten und damit auch keine Möglichkeit, ihren persönlichen Stil zu erkennen. Vielmehr ist eine andere Handschrift unverkennbar – Zack Snyders, der bei Man of Steel und Batman v Superman Regie geführt hat und hier sowohl Produzent ist, als auch die Story beigesteuert hat. Slowmotion ist sein filmisches Markenzeichen. Die Zeitlupeneinstellungen während der Kämpfe, mit denen die ohnehin schon überrissene Akrobatik der Amazonen mehr als einmal haarscharf am Rande der Lächerlichkeit taumelt, nehmen den Kämpfen allerdings viel Dynamik und werden schlicht überstrapaziert. Das allerdings ist typisch für Snyder und Grund für so ziemlich allen Spott, den er für seine Arbeit erhält. Neben dem viel zu auffälligen CGI-Effekten natürlich. Diese, sowie sein Hang zu düsteren Farben, sind bei Wonder Woman und vor allem der Darstellung von Themyscira nicht ganz so ausgeprägt wie sonst, aber immer noch störend genug in ihrer Künstlichkeit. Bei Filmen wie 300 (Synders Durchbruch), den ich sehr mochte, war das ja noch neu und passend, aber ich kenne wirklich niemanden, der diesem Stil langfristig etwas abgewinnen kann. Umso unbegreiflicher, dass er immer noch solche Megadeals erhält!

Was allerdings wohl sicher auf Jenkins zurück zu führen ist – und das hat mich tatsächlich positiv überrascht, weil ich das in dieser Deutlichkeit noch nie bemerkt habe – ist das völlige Fehlen des „männlichen Blicks“. Aber selbst dieses wohltuend ungewohnte Stilmerkmal verkehrt sich ins Negative, wenn Steve Dianas zeitgemäße Verkleidung brüsk kommentiert: „Sie sollte doch WENIGER auffällig aussehen!“ – und die Kamera die ganze Zeit auf ihrem Gesicht bleibt. Die Aussage ist nicht nur lächerlich (das graue Kostüm kann man maximal adrett nennen), sondern auch unpassend umgesetzt, da ja aus seiner Sicht gefilmt wird, ohne einen Schwenk über ihren Körper aber der Eindruck entsteht, es sei wirklich nur ihr Gesicht und nicht etwa ihr knappes Superheldenoutfit, was ihn bisher gestört hat. Was hat er sich als Verkleidung vorgestellt, eine Burka?

Hätte ich einen Regisseur nennen müssen, der es versteht, Frauenrollen zu drehen, wäre mir auf Anhieb ein Name eingefallen: Joss Whedon. Das Mastermind hinter Buffy, der vielleicht besten Serie mit einer starken Frau in der Hauptrolle aller Zeiten, war auch verantwortlich für Avengers und hat dort mit Black Widow einen weiblichen Charakter interpretiert, der interessant, cool, stark und wahnsinnig tough ist. Eben das hätte ich mir für Wonder Woman gewünscht und sollte sie im kommenden Justice-League-Film so dargestellt werden, dann ist das ganz allein Whedons Verdienst, der kürzlich für den ausgefallenen Synder als Regisseur eingesprungen ist. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich möglich ist, gleichzeitig für Marvel und für DC zu arbeiten, wäre er als Regisseur für Wonder Woman meine allererste Wahl gewesen.

Tatsächlich war er vor Jahren schon mal im Gespräch gewesen als Regisseur, aber die Verhandlungen darüber scheiterten. So wurde es also Jenkins und wäre sie es nicht geworden, dann eine andere Frau, denn genau das war das alleinige Kriterium, nach dem Warner Bros. den Posten der Regie besetzte. Kompetenz egal, Hauptsache weiblich – das kann ich beim besten Willen nicht als Fortschritt ansehen, vor allem nicht eingedenk des vorliegenden Ergebnisses.

Nach eigener Aussage wollte Jenkins Wonder Woman schon seit Jahren drehen. Umso unverständlicher, warum dann ausgerechnet mit Wonder Womans Abstammung als Tochter des Zeus (der laut Überlieferung die Menschen übrigens NICHT erschaffen hat, aber wen interessieren schon solche Details) ein Storyelement in den Film Einzug hielt, das in den Comics erst seit 2011 etabliert wurde. Davor war ihre Schöpfung aus geformten Lehm Kanon gewesen – SIEBZIG JAHRE LANG.
Änderungen wie diese passieren in Comics häufig und regelmäßig und so gut wie immer sind die alteingesessenen Fans damit unzufrieden. Aber obwohl mir schon oft Pingeligkeit vorgeworfen wurde bei meiner Kritik an Neuheiten oder nicht-werkgetreuen Adaptionen, weigere ich mich, das dieses Mal gelten zu lassen. Was DC damals angerichtet hat, geht weit über die üblichen Umgestaltungen hinaus und hat der Wonder Woman als Figur massiven Schaden zugefügt.

Und das wird nun auch auf die Leinwand getragen: Nicht Hippolyte, die als Herrscherin über ein ganzes Volk voll starker, wunderschöner Frauen glücklich sein müsste, es aber nicht ist, weil sie sich nichts mehr wünscht als ein Kind, erschafft Diana. Zeus ist es. Doch zeugt er kein Kind der Liebe (oder auch nur der Lust), sondern eine Waffe gegen seinen entfesselten Sohn. Diana ist damit Mittel zum Zweck, kein vaterloses Wunder aus Lehm, dem Aphrodite aus Gnade gegenüber der flehenden Hippolyte Leben einhaucht, einer Tochter, die sie schuf um ihrer selbst willen, von den Göttern des Olymps ausgestattet mit Kräften weit über das menschliche Maß hinaus. Nein, stattdessen ist sie lediglich ein weiblicher Halbgott, wie es sie zu Dutzenden gibt. Und so stellt sie sich dann auch ihrer Bestimmung, nicht weil sie getrieben ist von ihrem unbedingten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern weil Zeus, ihr Vater, ein Mann, das eben so geplant hat.

Das ist mehr als nur ärgerlich. Es ist traurig. Und es macht die Figur schon auf der untersten konzeptionellen Ebene unfeministisch. Tatsächlich ist es so, als hätte man ihr damit die Seele ihres Schöpfers ausgetrieben. Der Film nun, der nicht verpflichtet gewesen wäre, dieser Neuinterpretation zu folgen, tut das nicht nur, sondern verhöhnt auch noch die ursprüngliche Idee. „Ach ja, du wurdest ja aus LEHM geformt,“ spottet Steve – und das ist zusätzlich auch noch unfassbar arrogant. Mit welchem Recht spuckt die Filmadaption auf eine Originstory, die im ersten Moment für Nicht-Comicleser vielleicht lächerlich klingt, sich aber wunderbar in das mythologische Setting einfügt, wesentlich origineller ist als die meisten anderen Superheldenentstehungsgeschichten und darüber hinaus noch die tiefgründige Bedeutungsebene der vaterlosen Geburt trägt?

Mein erster DC-Comic war Wonder Woman – und ich war als Kind absolut fasziniert von ihrer Geschichte, auch wenn ich diesen Subtext noch nicht verstand. Mein Fanherz blutete bei Steves Spott und mir ging das Messer im Sack auf. Ist es da ein Wunder, dass DC seit Jahren im Kino keinen Fuß auf den Boden bekommt, wenn sie so mit ihren Schöpfungen umgehen?

Abgesehen von dieser dezidiert feministischen Kritik möchte ich allgemein von der eigentlichen Handlung noch zwei weitere Dinge heraus stellen, die mir besonders negativ aufgefallen sind.

Zum einen wäre da die reichlich seltsame Entscheidung, das Setting von Wonder Woman, deren Historie über 75 Jahre eng mit dem 2. Weltkrieg verbunden war, in den 1. Weltkrieg zu verlagern. „Intelligent“, findet die FAZ, Nazis seien ja so ausgelutscht. Kann man so sehen, allerdings wusste selbst die grenzdebile Sarah-Palin-Doppelgängerin in Iron Sky, dass es keine besseren Schurken gibt als Nazis. Deshalb funktioniert die Änderung des Settings auch aus dem gleichen Grund nicht, aus dem Kriegscomics nach dem 2. Weltkrieg aus der Mode kamen, obwohl mit dem Koreakrieg der nächste große Konflikt gar nicht lange auf sich warten ließ: Das Feindbild ist einfach nicht besonders gut. Den 1. Weltkrieg allein Deutschland anzulasten, selbst wenn es unter dem Einfluss von Kriegsgott Ares stand, ist historisch bestenfalls fragwürdig und nötigt den Zuschauern einiges ab. Nazis dagegen, als alleinige Aggressoren, Hassprediger und Massenmörder schon schlimm genug, aber mit ihrem Mutterkult und einem Rollenbild, in dem die Frau nur als Gebärmaschine und gehorsame Dienerin ihres arischen Mannes Platz hat auch der Inbegriff eines Patriachats – das wäre was gewesen. Es ist nicht ausgelutscht, wenn es funktioniert.

Tatsächlich wollte DC wohl einfach keinen Superheldenfilm mit Nazis drehen, wenn Marvel das doch schon mit Captain America vorgemacht hat. Aber die haben halt trotzdem kein Patent auf Nazis, und wenn man schon solche Angst vor Plagiaten hat, sollte man nicht General Ludendorffs Chefchemikerin eine Substanz erfinden lassen, die frappierend an Captain Americas Superserum erinnert, darüber hinaus aber nahezu keine Storyrelevanz besitzt.

Gleichzeitig mit dem Settingwechsel wird damit auch jegliche Verbindung zu Amerika gekappt. Nun ist der Standort USA neben Feminismus und griechischer Mythologie aber ein integraler Bestandteil der Figur. Wonder Woman ist schlicht eine amerikanische Heldin, nicht gerade in dem Maße wie Captain America, aber nah genug dran. Vor einigen Tagen schien sich das ganze Internet darüber zu amüsieren, dass FOX den fehlenden Patriotismus der Figur bemängelte, aber leider hat diese Kritik, so lächerlich sie auch wirken mag (und so antisemitisch motiviert sie in Wahrheit möglicherweise ist), einen wahren Kern, wenn man bedenkt, dass tatsächlich nicht ein einziger Amerikaner – von einem amerikanischen Ureinwohner an der belgischen Front einmal abgesehen – in diesem Film vorkommt. Der Frage, warum Wonder Woman dann ein Star-Spangled-Banner als Kostüm trägt, wurde zwar aus dem Weg gegangen, indem man die Sterne einfach wegließ – die Assoziation bleibt aber, denn Wonder Woman ist nun mal eine Ikone der Popkultur, deren Darstellung auch der bisher desinteressierteste Kinobesucher irgendwann schon einmal irgendwo gesehen hat. Das lässt sich nicht einfach so wegwischen, selbst wenn es die Verantwortlichen wirklich versucht hätten, wovon man aber wiederum nichts merkt. Gleichzeitig beweisen Dianas im Laufe des Films zunehmend übermenschliche Fähigkeiten bzw. der Umstand, dass diese bis zur Enthüllung ihrer Herkunft nicht erklärt werden, dass beim Publikum minimales Wissen um die Figur vorausgesetzt wird, was damit ja auch wieder inkonsequent ist.

Der zweite Punkt betrifft die Weglassung des Contests. In bisher fast jeder Adaption musste Diana zuvor eine Reihe von Wettkämpfen bestreiten, bis feststand, dass sie die beste Kämpferin unter den Amazonen und damit würdig ist, den Titel „Wonder Woman“ (sowie das dazu gehörige Kostüm und das Lasso der Wahrheit) zu tragen. Im Film dagegen entschließt sie sich einfach, die Insel zu verlassen, und handelt damit gegen den erklärten Befehl ihrer Mutter und Königin (deren hervorstechendes Merkmal ist aber ohnehin, dass sie sich erst über missachtete Befehle ereifert und dann doch nachgibt, worüber ich mir jetzt jeglichen Kommentar spare).
Der Unterschied ist offensichtlich: In der Ursprungsversion hat sie sich die Ehre VERDIENT, während sie in der Filmversion durch die Untätigkeit der Amazonen regelrecht dazu getrieben wird. Die Betonung ihrer edlen Gesinnung geht also zu Lasten derer ihres Volkes, dem die Kriegsopfer in der Außenwelt damit anscheinend ziemlich egal sind.

Natürlich MUSS ein Film, der nun mal eine begrenzte Laufzeit hat, an manchen Stellen gekürzt werden. Aber der Contest ist meiner Meinung nach zu essentiell, um gestrichen zu werden – anders als der Kampf der Amazonen gegen die eindringenden Deutschen. Natürlich: Man wollte sie kämpfend, eben in Aktion zeigen – aber gerade das wäre doch auch beim Contest der Fall gewesen. Und damit wäre auch die peinliche Frage vermieden worden, wieso die mächtige magische Barriere um Themyscira offensichtlich von jeder kleinen Nussschale von einem Boot durchbrochen werden kann.

Antiope, Dianas Tante und Ausbilderin (die in den Comics übrigens schon seit Jahrzehnten von der schwarzen Amazone Philippus verkörpert wird, was die große Masse der radikalfeministischen Wonder-Woman-Neufans glücklicherweise nicht weiß und wir damit einer weiteren ermüdenden Whitewashing-Debatte entronnen sind), hätte außerdem nicht sterben müssen. Das inzwischen nur noch nervige und dämliche Klischee eines toten Familienmitglieds als Motivation des Helden, das in Barry Allens (The Flash) ermordeter Mutter einen traurigen Höhepunkt gefunden hat, wäre vermieden worden. Vielmehr hätte sich hier die Möglichkeit geboten, Diana WIRKLICH als würdigste Kandidatin zu zeigen – indem sie Antiope im Kampf Frau gegen Frau erstmals besiegt. Die Schülerin übertrifft die Meisterin, Antiope senkt respektvoll ihr Haupt – wie großartig wäre das bitte gewesen.

Ich glaube, das hätte man durchaus unterbringen können. Natürlich hätte man dann an anderer Stelle kürzen müssen, aber bedenkt man die pure Dämlichkeit des eigentlichen Plots, wäre hier weniger eine Kürzung denn eine komplett andere Story nötig gewesen. Bis hierhin war der Verriss größtenteils eine Kritik an der ADAPTION einer Figur, die ich bereits vorher kannte. Aber auch als normaler Superheldenfilm ist Wonder Woman EINFACH NICHT GUT. Ludendorffs Plan, das neu entwickelte Supersenfgas gegen die englische Zivilbevölkerung einzusetzen, ist am Ende ein Twist aus dem Nichts und als Storyelement so löchrig wie die Gasmasken nach einer Behandlung mit eben diesem. Denn für einen solchen Angriff wäre keine jahrelange Forschung nötig gewesen – oder trägt etwa jeder Londoner eine Gasmaske im Bett, die man erst aufwendig zersetzen muss, bevor das Gas seine tödliche Wirkung entfalten kann? Überhaupt, was macht London als Ziel attraktiver als Paris, Moskau, Washington? Der gesamte Plan wirkt wie eine Rachaktion, wenn man auch nicht weiß für was – einen kriegsstrategischen Sinn vermag ich dahinter jedenfalls nicht erkennen, sofern Ludendorff nicht vorhat, die gesamte Weltgemeinschaft noch mehr gegen Deutschland aufzubringen und den Krieg auf diese Weise zu beenden, weil ihm die schon laufenden Waffenstillstandsverhandlungen irgendwie zu konventionell sind. Mein Gott, ist das so blöd! Ähnlich schwammig und verwirrend wirkt dann auch Ares‘ Plan, den ich nicht mal wiedergeben könnte, weil er total an den Haaren herbei gezogen ist.

Und selbst wenn man über so etwas in einem Actionfilm, der nicht zwangsläufig intelligent oder auch nur schlüssig sein muss, hinweg sehen kann, hat der Film noch weitere Probleme. Die Spezialeffekte machen stellenweise einfach fassungslos. Schon in der Szene, in der Diana als Kind von der Klippe springt (warum auch immer), also gerade mal gut 5 Minuten im Film, sind die Hintergründe so grauenhaft schlecht animiert, dass ich im Kino wirklich die Hände über den Kopf zusammen schlug. Ein Film mit diesem Budget, und DAS kommt dabei heraus?! Es gibt Filme, die zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und trotzdem bessere Effekte aufweisen können. Und die wurden noch mit Bluescreen gedreht! Leider kein einmaliger Ausrutscher, sondern fast in jeder Szene mit Special Effects, vor allem bei Wonder Womans Kampfszenen, zu bestaunen. Allein dafür könnte man schon fast sein Geld zurück verlangen. Das Studio weiß offensichtlich sowieso nichts damit anzufangen!

Und ja, ich weiß, dass das niemand hören will – aber Gal Gadot ist eine BESCHISSENE Schauspielerin. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeugt ihr Gesichtsausdruck von ihrer Karriere als Model, denn der Blick ist alles, nur nicht natürlich. Sie ist wunderschön, klar, aber gibt es in Hollywood solche Frauen nicht zu Hunderten, die deutlich besser schauspielern können? Da sie zuvor praktisch unbekannt war, kann dieser Faktor da auch keine Rolle gespielt haben. Das ist in der Tat eine Besetzung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und versaut mir auch noch den Spaß an den Szenen, die nicht pointless, unfreiwillig komisch oder auf andere Weise schlecht sind!

Fazit: Trotz der ikonischen Hauptfigur und einer reichen Veröffentlichungshistorie, aus der man sich bei Story und Konzeption hätte bedienen können, wurden bei Wonder Woman eigentlich nur falsche Entscheidungen getroffen – personell, narrativ, dramaturgisch. Das Ergebnis ist dann vom feministischen Standpunkt aus ein absolutes Desaster und auch ansonsten einfach kein guter Film, weder für normale Kinogänger, als auch im noch größeren Maße für Fans. Hätte man dieselbe Mühe, die man anscheinend darauf verwendet hat, Wonder Woman alles Feministische auszutreiben, in die Entwicklung einer guten Story gesteckt, wäre der Film ein Meisterwerk geworden. So ist er nur ein schreckliches Vorzeichen auf das, was mit Justice League noch kommen mag. Aus den Lobeshymnen kann man indes nur schließen, dass die Latte für DC-Produktionen inzwischen wirklich gewaltig niedrig hängt – und eine Frau als Hauptperson, die nicht eindeutig sexistische Klischees bedient, offensichtlich schon reicht, um das Label „feministisch“ zu verdienen.

Damit ist nicht Wonder Woman der beste DC-Film seit Langem, sondern weiterhin The LEGO Batman Movie und mein Gott, wie traurig ist das bitte.

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Rezension: Die Fettlöserin – eine Anatomie des Scheiterns

Nichole Jäger hatte schon immer Gewichtsprobleme und  vor einigen Jahren mit Mitte 20 schließlich das stolze Gewicht von 340kg erreicht. Inzwischen wiegt sie nur noch die Hälfte, ist Abnehmcoach und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben:

fettlöserin

Als ich zum ersten Mal über den Blog der Autorin stolperte, war ich begeistert von ihrer lockeren Art und konnte vieles mit vollem Herzen unterschreiben. Deshalb möchte ich vorab sagen, dass ich Frau Jäger für einen sympathischen und humorvollen Menschen halte und es sicher Spaß machen würde, mit ihr ein Bier trinken zu gehen.
Dabei sollte das Gesprächsthema jedoch besser nicht “Abnehmen” sein, denn inzwischen bin ich etwas klüger und weiß, dass die geschilderten Fakten und Gedanken zum Thema bestenfalls auf Halbwissen beruhen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch potentiell gefährlich für Leser, weshalb ich mich zu dieser Rezension entschlossen habe.

Zunächst zum autobiographischen Teil. Viele Rezensenten auf Amazon oder anderswo haben schon bemängelt, dass einige Details ihrer Geschichte einfach nicht ganz stimmig sind. Die ersten Diskrepanzen fallen ziemlich schnell auf, wenn man nur mit ein bisschen Aufmerksamkeit liest.

Wie kann sie beispielsweise im Abitur eine 2 in Sport erreichen, wenn sie mit 14 eine Hüft-OP über sich ergehen lassen muss und erst zwei Jahre darauf wieder selbstständig stehen kann? Was ist in den Jahren zwischen diesem Ereignis und dem Abitur passiert, zumal sie berichtet, nach ihrem Unfall nie wieder richtig mit Sport angefangen zu haben?

Direkt im Anschluss dann die Zeit, in der sie auf 340kg zugenommen hat. Sie hat sich Essen von Supermärkten und Pizzaservices liefern lassen, ok. Aber wer hat das bezahlt? Wer hat überhaupt ihren Auszug von zuhause, das viele Essen, ihr Leben finanziert? Was hat sie in der Zwischenzeit gemacht, wie hat sie es vor sich selbst gerechtfertigt, keine Ausbildung anzufangen, was ging in dieser Zeit in ihr vor, wie konnte sie auf diese Weise volle acht Jahre zubringen? Das sind Fragen, auf die keine Antworten gegeben werden.

Und dann ist da noch die generelle Frage bezüglich der Glaubwürdigkeit. Es gibt keine Fotos, keine Dokumente der Abnehmklinik, einfach nichts, was ihr Startgewicht oder die Schritte bis zum jetzigen Gewicht belegt. Es hat nichts mit Voyeurismus zu tun, bei einem so unvorstellbar hohem Gewicht irgendeine Art von Beweis zu verlangen. Frau Jäger vermarktet ihre große Gewichtsreduktion und das sehr aggressiv, TV-Auftritte und natürlich das Buch inklusive – da wird die Frage nach einem Nachweis ja wohl noch erlaubt sein.
Aus diesem Grund zweifeln nicht wenige ihr hohes Ausgangsgewicht an. Ich gehe allerdings noch einen Schritt weiter und bezweifle, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt wirklich “nur” 170kg wiegt. Vergleicht man sie mit anderen Frauen ihrer Größe und ähnlichen Gewicht, fällt auch hier auf, dass sie wesentlich massiger wirkt. Und das alles trotz des vielen Sports, der ja zum Muskelaufbau beitragen und damit optisch schlanker machen sollte?

Irgendwie passt da vieles nicht zusammen. Da ihr hohes Ausgangsgewicht und ihre Abnahme jedoch Kern ihrer medialen Präsenz ist, drängt sich die Frage auf, was passieren würde, käme heraus, dass hier Dinge falsch dargestellt worden sind. Wäre das nicht sogar ein Fall irreführender Werbung?

Möglicherweise tue ich und andere Rezensenten ihr hier Unrecht, aber ohne Fotos oder auch nur Gewichtskurven fällt es nun mal schwer, ihren Weg nachzuvollziehen und das alles auch zu glauben.

Das sind einige Dinge, die im Blog wenig aufgefallen sind, aber in dieser geballten Form als Buch leider zwangsläufig Fragen aufwerfen. Doch nehmen wir einmal an, die Darstellung stimmt, dann bleibt da immer noch der darauf folgende “wissenschaftliche” Teil.

Ich muss das leider in Anführungszeichen setzen, denn bis auf ein paar chemische Formeln und Fachvokabular erinnert hier leider nichts an Wissenschaftlichkeit. Zumal Frau Jäger der erstaunliche Spagat gelingt, eigentlich ziemlich einfache Informationen mit vielen Fremdwörtern unnötig kompliziert wiederzugeben und sich gleichzeitig an die Leser zu wenden, als hätte sie eine Schulklasse minderbegabter Achtjähriger vor sich. Der flapsige Schreibstil wirkt hier besonders unpassend und einfach nur enervierend. Müssen solche seitenlang ausgebreiteten “Sendung mit der Maus”-Vergleiche wirklich sein in einem Buch, das sich an ein erwachsenes Publikum richtet und dieses damit behandelt, als wäre es besonders schwer vom Begriff?

Vom Inhalt dieser physikalischen Exkurse ganz zu schweigen. So erklärt sie mit vielen Worten, wohin Fett eigentlich verschwindet, wenn es abgebaut wird. Es wird nämlich hauptsächlich ausgeatmet.
Aha… und jetzt? Das ist bestenfalls ein halbwegs interessanter Funfact, aber wie genau hilft das jetzt bei der Abnahme? Mir persönlich ist es ehrlich gesagt völlig egal, auf welche Weise das Fett meinen Körper verlässt, zumal dieses Wissen den Prozess weder unterstützt, noch beschleunigt!
Ihr wohl witzig gemeinter Hinweis, sich beim Sport nicht zu schämen, wenn man vor Anstrengung keucht und hechelt, da hier immerhin gerade Fett ausgeatmet wird, kann dann auch leicht missverstanden werden. Eine höhere Atemfrequenz = mehr Fettabbau? Nicht wirklich, ne? Dieser Eindruck könnte aber bei dem ein oder anderen Leser entstehen. Es gibt wesentlich bessere und vor allem wissenschaftlich exaktere Gründe, um die Leser zu mehr Bewegung zu animieren!

Die selben unnötig vielen, unnötig komplizierten Worte verschwendet sie bei ihrer Erklärung über Kohlehydrate (was den meisten ohnehin noch aus dem Bio-Unterricht bekannt sein müsste), bei der sie eine Lanze für diesen Makronährstoff bricht und die Leser gleich noch wissen lässt, dass sie vom Low-Carb-Trend überhaupt nichts hält.
Sie echauffiert sich über die Verteufelung der Kohlenhydrate, argumentiert dabei aber komplett am Thema vorbei. Es ist nämlich mitnichten so, dass Kohlenhydrate bei den meisten Low-Carb-Diäten als etwas böses gelten, das für alle Zeiten gemieden werden muss. Der Grund vieler Menschen, während ihrer Abnahme auf Kohlenhydrate zu verzichten, ist ganz schlicht der: weil Kohlenhydrate in egal welcher Form wahnsinnig viele Kalorien haben. Zumal sie meist Hauptbestandteil der Nahrung sind. Ein Esslöffel Öl macht Sinn, ein Esslöffel Nudeln dagegen nicht so, oder?
Diese Kalorien kann man genauso gut für Gemüse und mageres Fleisch aufwenden, zumal es in der Low-Carb-Küche inzwischen sehr viele leckere und kreative Alternativen für kohlenhydratreiche Produkte gibt – und damit wird man am Ende sogar satter als MIT Kohlenhydraten bei gleicher Kalorienmenge! Auch die von ihr so vielgelobten Ballaststoffe sind bei einer solchen Ernährung überreichlich vorhanden – ganz ohne kalorienreiche Vollkornprodukte.

Frau Jäger beschreibt lang und breit, dass jeder Mensch seinen individuellen Weg zum Abnehmen finden muss. Wie ist vor diesem Hintergrund diese Wut (ja, es ist richtige Wut!) zu rechtfertigen gegen eine Ernährungsform, die man übrigens weder täglich, noch für immer praktizieren muss, obwohl in vielen Versuchen gute Abnehmerfolge mit einer solchen Ernährung dokumentiert worden sind? Möglicherweise haben nicht alle Leser solche Probleme wie Frau Jäger, auf Nudeln zu verzichten (ihre eigene Aussage), aber ihre Abrechnung mit diesem “Trend” empfinde ich schon fast als beleidigend diesen Leuten gegenüber, zu denen ich mich auch zähle. Ist das wirklich das, was sie ihren Klienten mitgeben will – obwohl die doch selbst am besten wissen müssten, worauf sie verzichten können?

Was dann auch noch richtig unangebracht ist, ist ihr Vergleich mit Antidepressiva. Kohlenhydrate würden ähnlich wirken – daher mache Schokolade auch so glücklich. Da fragt man sich ganz böse, warum sie mit der Ananas-Diät so unzufrieden war? Die bestehen doch praktisch aus nichts anderem!
Der Verdacht drängt sich auf, dass sie nur eine Rechtfertigung sucht, weiterhin Nudeln zu essen, so wie sie Vollkorn und die darin enthaltenen Ballaststoffe lobt, denn darüber hinaus scheint ihr die Zusammensetzung der Lebensmittel ziemlich egal zu sein. Sie geht tatsächlich nur auf Ballaststoffe ein zur Ehrenrettung ihrer Kohlenhydrate. Als enthielten andere Nahrungsmittel nicht ebenfalls Ballaststoffe!

Was dagegen als wissenschaftlicher Fakt nur ganz am Rande erwähnt wird und gegenüber den Informationen zum Fettabbau eine wesentlich größere Daseinsberechtigung gehabt hätte, bezieht sich auf das Energiedefizit. Es ist nämlich so, dass jeder Mensch, egal mit welcher Ernährung, ziemlich genau 7000kcal einsparen muss, um 1 Kilo Fett zu verlieren. Das ist universell, das ist Physik und gilt für jeden. Warum widmet sie dieser Information nicht mehr als einen Halbsatz, den mit Sicherheit viele Leser gar nicht verstehen, weil ihnen diese Formel unbekannt ist?
Natürlich: Weil diese Rechnung Kalorienzählen nahe legt und Frau Jäger nichts vom Kalorienzählen hält. Warum, erwähnt sie übrigens nicht. Vermutlich, weil es irgendwie genussfeindlich ist, genau zu wissen, was man zu sich nimmt und seine Abnahme darauf aufbauend berechnen zu können? Oder weil es weh tut, schwarz auf weiß zu sehen, wie viel man da gerade gegessen hat, obwohl das doch so ausgewogen und ballaststoffreich war?

Damit zum definitiv größten Problem innerhalb des “wissenschaftlichen” Teils, nämlich ihrem Kapitel über den Jojo-Effekt und den sogenannten Hungerstoffwechsel.
Frau Jäger ist leider nicht die Einzige, die vollkommen überzeugt davon ist, dass der Körper anfängt, Fett zu “bunkern”, wenn man während einer Diät “zu wenig” isst. Dies führe dann in kürzester Zeit zu einer erst langsameren, dann völlig zum Erliegen kommenden Abnahme und schließlich zur Zunahme, da sich der Körper bei geringer Kalorienmenge in einer Hungersnot wähnt und den Stoffwechsel auf “Sparflamme” schaltet, und zwar auch noch dann, wenn man wieder mehr isst – der Jojo-Effekt.
Frau Jäger gibt sogar zu, dass bei dem Thema selbst unter Experten Uneinigkeit herrscht, propagiert die Angst vor dem Hungerstoffwechsel aber trotzdem munter weiter, wobei sie nicht einen einzigen Beleg liefert. Hat sie zuvor erklärt, der Grundumsatz sei das, was der Körper bei völliger Ruhe braucht, nur um seine lebenserhaltenden Funktionen ausführen zu können, weiß sie nun zu berichten, dass sich der Grundumsatz im Hungerstoffwechsel halbieren kann. Natürlich auch das völlig ohne Beleg!

Es fällt schwer, an dieser Stelle nicht entsetzt das Buch wegzulegen. Die Vorstellung, ein Körper, der mit 340kg das Fünffache (!!!) dessen wiegt, was bei Frau Jägers Größe normal wäre, würde sich im Krieg wähnen und anfangen “für schlechte Zeiten” zu bunkern, weil er länger als fünf Tage am Stück “zu wenig” Kalorien bekommt, ist einfach nur grotesk!

Zusammen mit dem Larifari-Ton, den Frau Jäger hier anschlägt (“vielleicht stimmt das ja doch nicht, aber selbst wenn nicht, habe ich trotzdem schon 170kg abgenommen”) entsteht der Eindruck einer eigentlich ob der schieren Menge an validen Daten, die allesamt die Existenz des Hungerstoffwechsels widerlegen, zutiefst verunsicherten Frau, die Dinge wiederkäut, mit denen sie sich im Grunde kaum befasst hat. Eigentlich bemitleidenswert, aber nicht akzeptabel ist dabei die Panik, die sie bei ihren Lesern verbreitet. Der Körper merkt innerhalb von fünf Tagen, dass er sich praktisch in einer Hungersnot befindet, braucht aber Monate, um den Stoffwechsel bei gesteigerter Nahrungsaufnahme wieder zu normalisieren – während er unweigerlich zunimmt? DAS ist beängstigend. Glücklicherweise stimmt es nicht.

Frau Jäger hat dann auch einen Tipp auf Lager, wie man diesen Zustand umgehen kann, nämlich indem man maximal 500kcal unter seinem Gesamtumsatz isst. Diese Information weiter zu geben scheint ihr allerdings Bauchschmerzen zu bereiten und nicht so recht ins Konzept zu passen, denn um das hinzukriegen, muss man Kalorien zählen und davon hält sie ja wie gesagt nichts. Sie tröstet den Leser jedoch, dass auf diese Weise eine Abnahme von einem halben Kilo in der Woche möglich wäre, ganz ohne in den Hungerstoffwechsel zu fallen.

Ein Richtwert also, an den sie sich selbst nicht hält, denn die ersten 60kg hat sie in 8 Monaten verloren, was in dieser Zeit einem durchschnittlichen täglichen Energiedefizit von ca. 1750kcal entspricht, also ca. 1,8kg die Woche. Diese hohe Abnahme ist natürlich nur möglich, weil ihr Grundumsatz bei ihrem Ausgangsgewicht schon bei über 4000kcal lag. Da sie aber in dieser Zeit nahezu bewegungsunfähig war, kann ihr Gesamtumsatz nur unwesentlich höher gewesen sein, was zusätzlich beweist, dass an der Maxime “höchstens 500kcal unter Gesamtumsatz, sonst Hungerstoffwechsel” nichts dran sein kann. Gleichzeitig berichtet sie, in der ersten Zeit ca. 3kg die Woche verloren zu haben, was damit ja auch wieder nicht zusammen passt!

Man fragt sich: Ist Frau Jäger nie aufgefallen, dass sie sich selbst nicht gemäß ihrer eigenen Regeln ernährt? Oder gibt sie tatsächlich nur die halbgaren, wissenschaftlich unhaltbaren Tipps wider, die sie während ihrer Diätkarriere aufgeschnappt hat, ohne auch nur einmal einen Taschenrechner in die Hand zu nehmen oder eine Studie dazu zu lesen?

Weitere konkrete Tipps sucht man in diesem Buch dann leider auch vergeblich. Ja, es soll kein Diätratgebr im klassischen Sinn sein… aber etwas mehr als “Vollkornprodukte, Gemüse und auch etwas Protein” wäre ja wohl doch zu erwarten?

So bleibt für den Leser nur ihr ständiges Credo: “Diäten sind schlecht und funktionieren nicht!” Wobei man sich dann fragen muss, wie SIE eigentlich abgenommen hat. Ob mit oder ohne Kalorien zählen, eine Nahrungsaufnahme mit einem täglichen Defizit von 1750kcal IST eine Diät, ob sie es so nennt oder nicht. Da sie darüber hinaus offensichtlich die physikalischen Mechanismen des Abnehmens ignoriert, ist es wenig überraschend, dass ihre Diäten nie langfristig funktioniert haben.

170kg abzunehmen ist definitiv eine Marke (Frau Jäger erinnert den Leser vorsorglich fast jede zweite Seite daran). Ein anderer Rezensent schrieb dann auch irgendwo begeistert, Nicole Jäger habe es geschafft.
Dem muss ich entschieden widersprechen. Frau Jäger hat es NICHT geschafft, sondern schleppt immer noch gut 100kg Übergewicht mit sich herum. Ein Wert übrigens, der sich laut ihrem Blog seit Monaten nur unwesentlich verändert hat.
Zusammen mit ihrem ebenfalls im Buch befindlichen Bericht darüber, schon mal bei 140kg angekommen zu sein, dann aber wieder auf 210kg ZUgenommen zu haben (der böse Jojo-Effekt), muss man auch ihrer eigenen Aussage widersprechen. Frau Jäger weiß eben leider NICHT, wie Abnehmen funktioniert.

Sie verteufelt Diäten, obwohl diese weder per se ungesund sind, noch im Jojo-Effekt enden müssen, wenn die Mechanismen des Abnehmens bekannt sind (darunter auch die Tatsache, dass der Grundumsatz bei sinkendem Gewicht ebenfalls sinkt, da weniger Masse versorgt werden muss und man deshalb nicht mehr “so essen kann wie vorher”, ohne zuzunehmen – was nicht das Geringste mit dem vielgefürchteten “Hungerstoffwechsel” zu tun hat). Sie propagiert eine gesunde, ausgewogene Ernährung, obwohl sie in ihrem jetzigen Zustand absurde Mengen vertilgen muss, um ihr Gewicht von 170kg zu halten. Würde sie sich gemäß des Gesamtumsatzes einer normalgewichtigen Frau ihrer Größe ernähren, würde ihre Abnahme wesentlich schneller vonstatten gehen. Sie schreibt leidenschaftlich gegen das Hungern an, obwohl jedem normalen Menschen klar sein muss, dass ein Magen, der an so riesige Mengen gewöhnt ist, wie sie sie zu ihren schwersten Zeiten zu sich genommen hat, völlig überdehnt ist und gar nicht anders kann, als mit Hunger zu reagieren, sobald er normale Portionsgrößen bekommt – womit der Tipp, bloß immer seinem Hunger nachzugeben, einfach nur eine Verlängerung der Leidenszeit bedeutet, zumal der Magen sich auch sehr schnell wieder umgewöhnen kann, wenn man ihn lässt.

Es steht jedem frei, aus diesem Buch, das darüber hinaus leider auch voll von ganzheitlichen Plattitüden ist (Liebe dich selbst! Verzeihe dir! Hinfallen ist nicht schlimm, wenn man danach wieder aufsteht!), irgendetwas gehaltvolles zu ziehen, was über das kurze Amüsement über die durchaus witzigen Kapitel, in denen Frau Jäger pointiert über das Leben als dicke Frau berichtet hinaus geht. Für mich ist dies allerdings eher ein Wellnessbuch statt ein echter Ratgeber, der mit Sicherheit dem ein oder anderen Leser das gute Gefühl gibt, sich mit seinem Übergewicht einrichten zu können, ohne wirklich was ändern zu müssen. Ob das auf die Dauer glücklich macht, wage ich zu bezweifeln.

Ich hatte lange nicht vor, mir das Buch zu kaufen. Leider ist nämlich von meiner anfänglichen Begeisterung für die „Fettlöserin“ nichts mehr übrig. Bei allem Gerede über „Schluss mit dem Selbstbetrug“ schreibt sie doch nur das, was der Leser gerne hören will – dass Diäten nichts bringen, der Stoffwechsel Schuld ist. Das ist sehr bequem, denn so muss man ja auch nichts radikal ändern. Lieber mal ein Brötchen weglassen, dafür ein Apfel mehr, bisschen Bewegung und „sich verzeihen“, dann klappt das schon…
Nein, es klappt eben nicht. Ich fand toll, was Frau Jäger schrieb und blieb trotzdem todunglücklich. Ich wollte abnehmen und hatte keine Ahnung wie. Ich glaubte an den Hungerstoffwechsel und daran, dass Diäten böse sind. Das Resultat war eine jahrzehntelange Leidenszeit voller Misserfolge und Selbsthass.

Und dafür sind nicht zuletzt Ergüsse wie das vorliegende Buch verantwortlich. Ich habe es mir schließlich doch aus Neugier gekauft. Ich ahnte schlimmes, aber es kam noch viel schlimmer, wie ich hoffentlich erschöpfend dargelegt habe. Dieses Buch ist schlicht völlig ungeeignet für Übergewichtige und reproduziert den selben unwissenschaftlichen Mist, der auch in Frauenzeitschriften, Internetforen und anderen Diätratgebern zu finden ist. Ich kann gut verstehen, warum viele Menschen so begeistert davon sind, aber einlullendes Feelgood dieser Art und das Verbreiten von Mythen, wo Fakten angebracht wären wird irgendwann zu einem bösen Erwachen führen.

Das habe ich glücklicherweise schon hinter mir und habe auf diese Weise mein Übergewicht endlich verloren. Allen anderen, die dieses Buch mit der Hoffnung, wirklich konkrete Abnehmtipps zu finden, gekauft haben oder kaufen wollen, sei deshalb stattdessen das hervorragende Buch “Fettlogik überwinden” von Dr. Nadja Herrmann ans Herz gelegt. Darin schildert die Autorin mit echten wissenschaftlichen Background, vielen Belegen und trotzdem allgemein verständlich und unterhaltsam die wahre Anatomie des Abnehmens, die es jedem Leser möglich machen wird, sein Idealgewicht zu erreichen, sofern er denn willig ist. Zumal die Autorin bei einem Startgewicht von 150kg und jetzigen Gewicht von 63kg im Gegensatz zu Frau Jäger WIRKLICH behaupten kann, es “geschafft” zu haben.

Leider scheint es darüber hinaus so, als würde sich Frau Jäger momentan auf ihren immer noch absurd hohem und gesundheitsschädlichen Gewicht einrichten, weil es sich offensichtlich finanziell für sie lohnt, sich als “der lustige Abnehmcoach, der selber fett ist” zu vermarkten – und hat sich damit meiner Meinung nach ziemlich an die Wand manövriert.

Ich hoffe für sie, dass sie dahingehend noch die Kurve kriegt.

Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Awareness: Ein Nachtrag an meine Kritiker

Dies ist ein weiterer Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und richtet sich an diejenigen, die ihn kritisiert haben. Alle anderen bitte hier entlang.

Liebe Leser, liebe Kritiker: Ich habe einen Fehler gemacht.

Aber bevor ihr euch jetzt freut: Nein, dies wird keine Entschuldigung für meinen Artikel. Er war mir sehr wichtig und ich stehe hinter jedem Wort. Dennoch habe ich einen Fehler gemacht. Und auch, wenn ihr so tierisch gut darin seid, über Nonmentions zu hetzen und mir Dinge zu unterstellen ohne den geringsten Willen, vielleicht mal nachzufragen, ob die leise Möglichkeit besteht, dass ihr vielleicht etwas falsch verstanden habt, damit ich mich erklären kann, sei mir auf meinem eigenen Blog eine Klarstellung gestattet. Diese geht so:

Dies ist mein Blog. Die Artikel, die ich hier schreibe, ordne ich in Geiste in zwei Kategorien. Die erste Kategorie nenne ich „banal“ – es geht um Dinge (meist Filme, Musik, lustiger Alltag) die mich interessieren, die aber, so ehrlich muss man sein, nicht gerade weltbewegend sind, auch wenn es mir Spaß macht, Beiträge darüber zu schreiben und es hoffentlich ein paar Leuten Spaß macht, sie zu lesen.
Die zweite Kategorie nenne ich „Debattenbeitrag“ – und hier ordne ich Artikel ein, die ich in irgendeiner Weise für relevant halte, so beschränkt das auch manchmal sein mag.

Es befinden sich Artikel in dieser Kategorie, die ich selber nicht besonders gelungen finde. Andere dagegen schon. Mein „Awareness“-Artikel gehört zu letzteren.

Nun kann ich nach ein paar Jahren bloggen ungefähr abschätzen, wie gut ein Artikel ankommt oder auch nicht. An normalen Tagen, an dem ich gar keinen Artikel veröffentliche, bekomme ich etwa 200-300 Klicks, an Tagen mit Artikel bis zu doppelt so viel. Mein bisher bester Artikel erreichte, wenn ich mich recht erinnere, knapp tausend Klicks am Tag seiner Veröffentlichung. Das mag für diverse etablierte Blogger ein Fliegenschiss sein, aber für meine Verhältnisse war das sehr viel.

Was ich damit sagen will: Ich war und bin stolz auf meinen Artikel und ich wusste auch, dass er gut ist, aber nichts, was ich bisher blogtechnisch veranstaltet habe, hätte mich darauf vorbereiten können, wie sehr dieser Artikel einschlägt. Oder um das zu illustrieren:

Blogstatistik

Normalerweise gehe ich davon aus, dass meine Artikel von Bloggerfreunden und einigen Followern auf Twitter geklickt und gelesen werden. Mit anderen Worten: Leuten, die mich ein bisschen kennen. Und hier lag mein Fehler. Ich habe schlicht unterschätzt, wie relevant der Artikel tatsächlich war (und es ist mir scheißegal, ob das jetzt arrogant klingt). Ich konnte nicht damit rechnen, dass er so oft geteilt wird und ein Stefan Niggemeier ihn auf Facebook verlinkt und dass er deshalb hauptsächlich Leser erreicht, die mich NICHT kennen und deshalb einige davon gewisse Inhalte falsch einordnen (wollen).

Ich stelle darum hiermit klar:

Ich habe weder etwas gegen den Hashtag #notjustsad, noch sollte der Artikel ein Angriff gegen seine Initiatorinnen sein, da ich diesen im Gegenteil für den Hashtag sehr dankbar war, und erst Recht nicht wollte ich damit Menschen verhöhnen, die unter diesem Hashtag von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen berichtet haben.

Tja, aber das glaubt ihr mir jetzt nicht, stimmt’s? Das Label „Feind“ passt ja auch so gut. Aber wenn ihr mich und meine Onlineaktivitäten schon nicht kennt, dann wäre ein bisschen Recherche ja vielleicht ganz hilfreich gewesen. Dabei wäre man beispielsweise auf diesen Tweet gestoßen:

Oder den hier:

Oder den:

See? Ich habe VON ANFANG AN unter diesen Hashtag getwittert. Die (vollständige?) Liste findet man ganz einfach bei Twitter, wenn man sich denn die Mühe macht, danach zu suchen. Meine vielen Retweets sind da leider nicht enthalten, ich weiß nicht, wie man die ermitteln kann. Warum um alles in der Welt sollte ich jetzt Leute dumm anmachen, die den Hashtag benutzen? Ich habe ihn doch selber benutzt!! Das gilt im Übrigen auch für den vergleichbaren, aber zu meinem Thema an sich viel passenderen Hashtag #isjairre, der leider nicht so viel Würdigung erfahren hat.

Falls das immer noch nicht reicht: Ich habe mich auch regelmäßig an ähnlichen Hashtags beteiligt. #Aufschrei war sogar der Grund, weshalb ich mich überhaupt bei Twitter angemeldet habe!!! Zudem habe ich ihn, wenn nötig, immer verteidigt (nachzulesen beispielsweise hier, hier und hier).

Und um dem Ganzen noch ein Krönchen aufzusetzen, habe ich SOGAR SELBST mal einen aktivistischen Hashtag erfunden, der wenigstens kurze Zeit munter benutzt worden ist.

So. Sehe ich mit diesem Hintergrund für euch wie eine Person aus, die Leute blöd von der Seite ankackt, weil sie Hashtags erfinden oder sich gar nur des schröcklichen Verbrechens schuldig machen, darunter zu twittern?!

Hätte ich gewusst, dass der Artikel so populär wird, hätte ich ihn anders geschrieben. Nicht, weil ich nicht hinter der harten Kritik stehe, die ich darin äußere, sondern weil ich nicht davon ausgehe, dass diese ganzen mir unbekannten Leser auf Twitter aktiv sind und den Hashtag #notjustsad kennen. Twitter ist und bleibt in Deutschland ein Minderheitenmedium. Ich hätte die ein oder andere Erklärung mit eingeschoben, aber an meiner Kritik hätte sich nichts geändert, auch wenn mir die zahlreichen Kommentare egal ob auf meinem Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail von Betroffenen, die sich bei mir bedankt haben, deutlich zeigten, dass die meisten sich nur von dem Teil „persönlicher Erfahrungsbericht“ angesprochen gefühlt haben. Das ist für mich völlig ok, beweist mir aber auch, dass die Kritik, ich hätte ALLE Betroffene damit beleidigt, absolut substanzlos ist!

Meine einzige Sorge bei dem Artikel war, dass sich Leute angesprochen fühlen könnten, die mir in den letzten schlimmen Monaten durch liebe Worte, virtuelle Hugs oder besorgte Nachrichten beigestanden haben. Das hat mir sehr gut getan, auch wenn ich oft nicht darauf reagieren konnte, und ich fürchtete sehr, dass sich von DIESEN Leuten jemand attackiert fühlen könnte. Deshalb habe ich den Disclaimer gesetzt:

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

 

Und that’s it. Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, man könnte dahinter einen Angriff gegen #notjustsad und seine Nutzer vermuten.

Jetzt könnte ich hier einen Cut machen und es mir am Arsch vorbei gehen lassen, dass manche den Artikel falsch verstanden haben. Aber einiges, was ich an Kritik dazu gelesen habe (und ich habe bewusst nicht viel dazu gelesen – wenn man schon zu feige ist, mich persönlich anzusprechen), ist so himmelschreiend blöd, dass ich ein paar Perlen herauspicken will.

Damit also nochmal zu dem Vorwurf, ich hätte ALLE Betroffenen beleidigen wollen, die den Hashtag benutzt oder Tweets, die darunter geschrieben wurden, retweetet haben. Das ist Schwachsinn. An wen ich adressiere, wird bereits in einem der ersten Absätze klar, wenn man denn willig ist zu verstehen:

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Diese Sätze stammen von mir, sind aber ganz klar NICHT aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben und jeder, der das nicht erkennt, sollte vielleicht die 7. Klasse Deutsch wiederholen. Glaubt ihr ernsthaft, irgendein Betroffener würde von „diesen armen Depressiven“ reden? Oder sich gar GUT fühlen, wenn er einen solchen Tweet teilt?
Ich sage euch, wie ICH mich bei jedem Retweet gefühlt habe: absolut beschissen. Weil die Tweets Dinge ansprachen, die ich kenne und unter denen ich leide. Das zu retweeten hat KEINEN Spaß gemacht und hat mir auch keine moralische Erleichterung verschafft!

Stattdessen habe ich damit Menschen ansprechen wollen, die glauben, sie hätten durch ein oder zwei Retweets ihre gute Tat des Tages vollbracht und sich ganz arg cool dabei fühlen, Dinge zu wissen (sprich, aware zu sein), die eigentlich jedes Schulkind wissen sollte. Euch ist bewusst, dass eine Depression NICHT NUR TRAURIGKEIT bedeutet? Herzlichen Glückwunsch: DAS IST KEINE LEISTUNG!!!
Es können hier gar keine Betroffenen gemeint sein, denn diese sind sich logischerweise ihrer Probleme aware, ob sie wollen oder nicht!

Die Awareness dieser Menschen – und erzählt mir BITTE nicht, dass es solche Leute nicht gibt!! – ist nichts dolles, sondern Scheiße! Selbstzentrierte „Ach was bin ich doch so ein guter Mensch“-Scheiße! Ein reines Kreisen um sich selbst, pure Selbstbeweihräucherung, die, wenn überhaupt, Betroffenen nur aus Versehen tatsächlich nutzt – und darum ist es eine völlig falsche Art Awareness, die ich weder akzeptieren, noch abfeiern muss!

Es wurde mir darüber hinaus zur Last gelegt, ich sei mit einem bestimmten Artikel dazu nicht einverstanden gewesen. Das ist ebenfalls Bullshit. Ich war mit fast KEINEM Überblicksartikel dazu so richtig einverstanden, egal ob in Blogs oder, für mich wesentlich massiver, in Onlinemedien! Diese waren, ich schrieb es bereits, „beiläufig, oberflächlich und an den tatsächlichen Problemen vorbei“.

Ich könnte hier jeden beliebigen Artikel dazu rauspicken, egal ob Spiegel, Focus, FAZ etc. pp.. Am besten haben mir ja die gefallen, die ganz „kompakt“ in einem Satz aufgezählt haben, was für Symptome mit Depressionen einher gehen. Darunter natürlich die Evergreens: „Schlaflosigkeit“ (tja, ich habe genau das Gegenteil!), „Antrieblosigkeit“ (mein großes Hauptthema, das in dieser Kürze aber nur zu der dämlichen Frage führt, warum ich es dann schaffe, einen so langen Text darüber zu schreiben) oder „verminderter Appetit“ (mein Liebling, da völlig unzutreffend. Ich höre sie schon ungläubig stammeln: „Wenn du depressiv bist, warum bist du dann so fett?“).
Viele dieser Symptome treffen nur auf einen Teil der Betroffenen zu und viele Symptome äußern sich bei einen Teil in umgekehrter Weise. Es ist genau diese Art Halbwissen, das für mich keine Awareness darstellt, sondern das Gegenteil! Und wenn das Ganze, wie bei fast jedem Artikel dazu, dann noch von einem semiinformierten Autor, der gerade Geld dafür bekommen hat, seinen Lesern einen Wikipedia-Besuch zu ersparen, mit einem lieblos hingeklatschten Link zum Sorgentelefon (das übrigens zu meiner Zeit immer besetzt war) garniert wird, fühle ich mich als Betroffene nicht nur nicht wirklich repräsentiert, sondern offen beleidigt!

Dann haben sich einige offensichtlich an dieser Passage gestoßen:

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem.

Ich las, ich würde damit einerseits allgemein Leute beleidigen, die sich in Psychiatrien einweisen lassen, und Menschen mit Schizophrenie und Psychosen im Besonderen. Ähähä – nein.

Kurze Anekdote: Ich war mal in einer Drogenrehaklinik. Nicht als Klientin, sondern als Praktikantin. Dort traf ich ein Mädchen, das die 9-monatige Reha nach drei Tagen abbrach und deshalb von den Therapeuten total gehatet wurde.
Dabei war das Mädchen dort einfach nur falsch. Sie hatte mit Sicherheit psychische Probleme und brauchte Hilfe, aber in dieser Klinik war sie eine Kifferin unter Junkies. Männern, die sich mit Beschaffungskriminalität strafbar gemacht haben, Frauen, die sich (teilweise von frühster Jugend an) prostituieren mussten, um ihre Sucht zu finanzieren. Ein Teil bestand aus verurteilten Gewaltverbrechern, deren Gefängnisstrafe vom Gericht mit der Auflage zur Bewährung ausgesetzt worden war, eine Drogentherapie zu machen, ein Teil hatte ansteckende Krankheiten wie HIV oder Hepatitis C, jeder einzelne entstammte einer völlig anderen Lebenswelt.
Versteht mich nicht falsch: Alle Klienten hatte eine schwere Vergangenheit hinter sich und die meisten waren furchtbar liebe Menschen, die einfach nie eine Chance im Leben hatten. Aber das Mädchen passte da nicht rein. Sie hat, Herrgott nochmal, nur gekifft. Vermutlich ist sie von ihren Eltern dorthin verfrachtet worden, die nicht sehen wollten, dass ihr Substanzmissbrauch lediglich ein Symptom für eine andere psychische Erkrankung war. Sie steckte da mit Hardcore-Drogensüchtigen mit Lebensgeschichten wie aus einem Thriller, die noch dazu auf sie herab blickten, und fühlte sich so unwohl, dass sie es nicht mal eine Woche ausgehalten hat.

Versteht ihr, was ich damit sagen will? Sowohl das Mädchen als auch die anderen Klienten brauchten Hilfe, VERDIENTEN Hilfe, aber das heißt noch lange nicht, dass man sie ZUSAMMEN behandeln sollte und kann!!

Man legt eine Frau, die gerade ihr Baby verloren hat, im Krankenhaus nicht mit einer frischgebackenen Mutter auf ein Zimmer, man steckt 60jährige Alkoholiker nicht in eine Klinik für Magersüchtige, man behandelt traumatisierte Missbrauchsopfer nicht zusammen mit Pädophilen. Komischerweise leuchtet DAS jedem ein. Warum darf also ICH nicht für MICH bestimmen, was ich ertragen kann und was nicht?

Hier äußert sich eine weitere abartige Scheinheiligkeit dieser sogenannten Awareness, die einerseits weit über’s Ziel hinaus schießt, als auch völlig an der Sache vorbei geht: der diskriminierte Mensch als ewig unschuldiges Opfer. Und das ist wiederum diskriminierender (wenn ihr es so wollt „ableistischer“) als viele andere Diskriminierungserfahrungen.

Ich bin kein besserer Mensch, weil ich Depressionen habe. Im Gegenteil. Ich weiß, dass ich dadurch schwieriger werde, meinem Umfeld einiges abverlange. Als ich vor einigen Monaten so richtig am Boden war und mein Mitbewohner mich hilflos trösten wollte, antworte ich auf die Frage, woran ich gerade denke: „Wem ich mein ganzes Zeug vermache.“
Klar ist es scheiße, dass ich armes krankes Ding in diesem Moment an Selbstmord dachte – aber es war auch scheiße, ihn mit einem solchen Spruch zu belasten. Nun ist es von meiner Seite aus absoluter Standard, auch in den schlimmsten Momenten seinen Freunden beizustehen, aber dennoch kann man sich deswegen nicht alles erlauben! Genau das scheinen jedoch einige für uns Betroffene in Anspruch zu nehmen – dass wir in Watte gepackt und jedes noch so belastende Verhalten unsererseits nicht hingenommen werden kann, sondern hingenommen werden muss.

Und DAS ist diskriminierend. Ich leide NUR an Depressionen. Mein Verstand funktioniert hervorragend. Ich WEISS, wenn ich mit einem solchen Verhalten zuweit gehe und möchte KEINE Sonderrechte auf Kosten der Gesundheit anderer. Das bedeutet für mich nur, dass ich nicht für voll genommen werde. Und DAS ist beleidigend!

Aber genau diese Haltung macht mich nun offensichtlich nicht mehr zum unschuldigen Opfer, sondern zur verachtenswerten Täterin, die es doch tatsächlich wagt zu sagen, dass psychisch Kranke anstrengend sein können.

Aber eine Psychiatrie ist kein Mädchenpensionat. Ich habe mehrere als Besucherin von innen gesehen und von noch mehr ist mir berichtet worden. Natürlich ist eine Psychiatrie für viele die letzte Rettung und daher absolut notwendig und jedem, der sich einweisen lassen will, gebe ich meine besten Wünsche auf den Weg. Aber ich fühle mich dort nicht wohl. ICH fühle MICH dort nicht wohl. Und ja, das liegt auch an Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen, die ich weder komplett erfassen, noch in Situationen, in denen es mir so richtig dreckig geht, ertragen kann. Schizophrenie ist eine oft (nicht immer) schwere Krankheit mit Wahrnehmungsstörungen, mit der ich selbst in meiner besten Verfassung nicht umgehen kann. Und eine Psychose, ob drogeninduziert oder nicht, ist einfach ein krasser Ausnahmezustand für alle Beteiligten, womit ich ebenfalls nicht klar komme. Von gesunden Menschen, die einfach nur zu viel gesoffen haben, aber deswegen die halbe Nacht randalieren oder kotzen, gar nicht erst zu reden. In einem solchen Umfeld kann ich mich nicht meiner eigenen Genesung widmen, in einem solchen Umfeld stünde ich permanent unter Stress, den man sonst nur professionell ausgebildetem Personal zumutet.

Ich weiß nicht, wie oft schon rumgejault wurde, weil Veranstaltung X oder Barcamp Y keine „Safe Spaces“ bietet, und das längst nicht nur von Personen mit Beeinträchtigungen, sondern körperlich und geistig völlig gesunden Menschen, die trotzdem aus welchem Grund auch immer keine Lust hatten, mit bestimmten Personengruppen einen Raum zu teilen. Wer seid IHR, MIR als einer Betroffenen einer psychischen Erkrankung dieses Recht in einem Raum, der auf Heilung ausgelegt ist, abzusprechen!? Wer seid IHR, dass ihr MICH dazu zwingen wollt, mich in meinen schlimmsten Momenten mit schwerwiegenden Störungen auseinander setzen zu müssen, mit denen ihr als Nichtbetroffene niemals in Berührung kommen werdet?! Und wer seid IHR, MIR wegen dieses realistischen Blicks auf diese Störungen, gegen den ihr die Augen verschließt und das Awareness nennt, und meiner eigenen Einschätzung meiner Fähigkeit, damit umzugehen, DISKRIMINIERUNG vorzuwerfen?!

Was, zur Hölle, erlaubt ihr euch?! Um es mal in eurem Jargon zu sagen: CHECKT MAL EURE VERDAMMTEN PRIVILEGIEN!!!

Und damit wären wir bei den größten Heuchlern von allen angekommen. Die, die ich ganz besonders ansprechen wollte. Die, die an andere moralische Maßstäbe anlegen, die bis zum Mond reichen, aber selber so unreflektiert und anmaßend sind wie Scheiße.

Das größte Problem nämlich, das einige mit meinem Artikel zu haben schienen, war dieses: Ich bin ich. Ich habe eine Meinung. Diese Meinung deckt sich nicht mit ihrer Meinung. Und darum bin ich The Ultimate Evil, schlimmer als Hitler und die AfD zusammen.

Warum sonst, liebe Leute, spielt es auch nur die geringste Rolle, dass ich feministische Positionen vertrete, die andere nicht teilen? Was um alles in der Welt hat das damit zu tun, dass ich als Depressive nicht die Hilfe bekomme, die ich brauche? Was steckt dahinter, wenn nicht purer Hass gegen alles, was nicht mit diesen Leuten auf einer Linie ist?

Es ist das und GENAU DAS, was ich schon in meinem Artikel schrieb: „Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politische Programm passt.“

Und das ist die pure Heuchelei. ICH halte „Definitionsmacht“ und „Privilegientheorie“ für unzureichende Konzepte – aber IHR nicht. IHR müsst euch an euren eigenen moralische Ansprüchen messen – und versagt dabei kläglich. Eine Betroffene, die von Diskriminierungserfahrungen berichtet, jede Kompetenz abzusprechen, weil sie bei einem anderen Thema anderer Meinung ist, ist reine Bösartigkeit und genau die Art beschissene Awareness, die einzig dem Selbstzweck dient, sich toll und gut zu fühlen. Aber ihr seid nichts davon. Ihr seid keine guten Menschen. Euch sind andere Leute E-G-A-L. Und wenn es jemanden wie mich braucht, das auszusprechen und dafür die Twitterprügel zu kassieren, dann ist das eben so. Es ist nur der eindrückliche Beweis für eure Scheinheiligkeit, wenn ihr euch jede Debatte unter den Nagel reißt, sobald ein Thema aufkommt, und sie mit eurer Scheißmeinung füllt, bis jeder, der das nicht schluckt, der Feind ist und mit allen Mitteln bekämpft gehört.

Ein großes Thema dieser Meinungsführerinnen ist stets die „Intersektionalität“. Intersektionalität am Arsch. Es reicht ja nicht, depressiv zu sein, nein, man muss depressiv sein UND euren Feminismus teilen, sonst hat man von euch GAR NICHTS zu erwarten. Das ist kein Aktivismus, das ist Faschismus in Reinform!!

Das halte ich im Übrigen auch für den Grund, warum die Klassismusdebatte in Deutschland nie so wirklich in Gang gekommen ist. Von Klassismus betroffene Menschen sind nämlich nicht so fancy gebildet wie ihr, wählen in der Regel keine Studiengänge, bei denen man nicht sicher sein kann, danach einen Job zu bekommen und verstehen die ganzen Pseudoprobleme nicht, die ihr aus eurer Literatur ableitet, weil sie sie nicht gelesen und wichtigere Probleme haben oder, Gott bewahre, sie HABEN sie gelesen und kommen zu einem anderen Urteil als ihr. Dabei ist Klassismus Bildungskiller Nummer Eins in Deutschland. Nicht das Geschlecht, nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe – nein, es ist Klassismus. Aber die Betroffenen machen sich halt nicht so gut, die geben gar Widerworte, das sind keine guten Opfer, die man vorführen kann, also weg mit ihnen, auf zum nächsten Thema, die sind eh scheiße, ne?!

Es wurde über mich gehetzt, Anschuldigungen erhoben und mir auf eine Art und Weise die Möglichkeit geraubt, mich zu erklären, die mich sprachlos machen würde, wenn ich das jetzt nicht schon so oft beobachtet hätte. Keine Sau hat es interessiert, wie es MIR dabei geht. Glücklicherweise bin ich auf dem Loch wieder rausgekrochen, in dem ich den halben Winter lang saß, aber das ist nicht EUER Verdienst, wie überhaupt gar nichts, was Betroffenen hilft, euer Verdienst ist, weil ihr euch nur um euch selbst und die Bestätigung eurer Filterbubble dreht. Ich kann nur heilfroh sein, dass mich diese Scheiße nicht in einer schlimmen Phase erwischt hat. Nicht, dass das EUCH interessieren würde.

Und das war der letzte Tropfen in diesem Fass, das bereits randvoll war mit radikalfeministischer Scheiße der selbsternannten Twitterelite, die Menschen, sobald sie auch nur ein Jota von ihrer Meinung abweichen, mit Hohn und Hass überziehen und sich dafür von ihren Lemmingen feiern lassen.

Aber ich mache da nicht mit. Kapiert einfach, dass ich mich nicht an euren moralischen Maßstäben messen lasse, weil ich nämlich andere habe. Ich habe mich eurer Maßstäbe teilweise in meinem Artikel bedient, um zu demonstrieren, was ihr damit anrichtet, und dafür hattet ihr nichts als Verleumdung und Hass übrig, ohne die geringste Reflexion darüber, dass ihr euch damit gerade selbst fickt. Deshalb seid ihr nichts als Heuchler. Umso mehr, wenn ihr die Unzulänglichkeiten des Gesundheitssektors, die ich mit dem Artikel thematisiert habe, jetzt totschweigt, nur weil der aktuelle Anstoß dazu von MIR kam.

Und jetzt lasst meinetwegen den Mob los, twittert, wütetet und empört euch. Es interessiert mich nicht. Ich habe die nächsten Tage im Real Life zu viel zu tun, um mich mit eurer Scheiße zu befassen. Tobt euch aus auf Kosten einer psychisch Kranken und teilt morgen einen traurigen Tweet, wenn ihr euch dann besser fühlt. Aber erwartet dafür von MIR keinen Respekt, ihr ach so awaren scheinheiligen Pseudos, denn ihr kotzt mich immer noch an!

Fickt euch und Tschüss!

Awareness. Und jetzt?

Dies ist ein Nachtrag zu Eure Awareness kotzt mich an! Als solcher ist er aber eigentlich viel, viel wichtiger als der Ursprungsartikel. Ich freue mich über Feedback.

Leute: WOW. Noch nie ist ein Artikel von mir in nur zwei Tagen so oft geteilt und damit auch (hoffentlich, trotz der Länge) so oft gelesen worden wie „Eure Awareness kotzt mich an!“ Und noch nie habe ich so viel ausschließlich positives Feedback bekommen (auch, weil die, an die er gerichtet war, ihn beharrlich ignorieren – aber das ist ne andere Geschichte).

Ich freue mich total über das Interesse. Es zeigt mir aber auch, dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich frage mich, wie viele von uns es da draußen gibt, die von blinden Aktivismus genervt sind und sich nicht vertreten fühlen. Die viel wichtigere Probleme haben – wie dieses, trotz fehlender Hilfe von Seiten unseres Gesundheitssystems einfach den nächsten Tag zu überleben.

Es hat gut getan, mich auszukotzen, aber das reicht mir nicht. Was wirklich nötig ist, fernab von Awareness, die nicht über ein banales #notjustsad hinaus geht, wäre eine wirkliche Diskussion: darüber, wie man es ändern kann. Und dann auch tatsächlich einen Weg einzuschlagen, DER es ändert. Das habe ich bisher leider nicht wahrgenommen, aber DAS lässt sich ja ebenfalls ändern.

Mir ist es völlig egal, ob eine solche Diskussion über mich oder meinen Blog geschieht, solange sie nur bitte, bitte geschieht. Ich fasse im folgenden trotzdem meine spärlichen Ideen zusammen. Und dann hoffe ich, dass sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, die klüger sind als ich – damit sich was bewegt.


Fehlende Kassensitze

Jemand meinte gestern auf Twitter als Kommentar zu meinem Artikel, dass Therapeuten fehlen. Das stimmt so allerdings nicht (und habe ich auch nicht behauptet). Was fehlt, sind Therapeuten, die einen Kassensitz haben und ihre Behandlung daher über die Krankenkassen abrechnen. Diese Kassensitze sind nun aber, wie erschöpfend dargelegt, viel zu knapp bemessen – UND DAS WISSEN DIE KRANKENKASSEN. Sonst würden die ja nicht an ihre Therapeuten appellieren, keine Bescheinigungen auszustellen, die genau das bestätigen. Sie wissen es und sie tun NICHTS. DAS ist der eigentliche Skandal, DAS ist eines Shitstorms gewaltigen Ausmaßes würdig, DAS gehört auf eine politische Agenda!

Wo sind also die Politiker, die sich dafür einsetzen, die wirklich Druck machen können? Jeder Mensch in Deutschland ist gesetzlich gezwungen, krankenversichert zu sein – aber dann sollte man die Kassen auch zwingen, Leistungen in dem Maße zu erbringen, wie sie nachgefragt werden!

Natürlich gibt es auch noch die privaten Therapeuten, die ohne Kassensitz praktizieren, aber selbst solche, die bereit sind, für weniger Begütete günstiger zu arbeiten, verlangen Minimum 50 Euro pro Sitzung, was demnach bei einer Therapie, die idealerweise einmal die Woche stattfindet, schon mal locker 200 Euro im Monat ausmacht. Kein Mensch in der Ausbildung kann das bezahlen, kein Student, kein Arbeiter mit Familie. 200 Euro sind verdammt viel Geld. So ausgelutscht es ist: Gesundheit sollte keine Frage des Geldbeutels sein.

Wirtschaftlichkeit

Ich hasse es, bei einem solchen Thema utilitaristisch zu argumentieren. Aber natürlich ist unser Gesundheitssystem trotz aller Menschenfreundlichkeit wirtschaftlichen Überlegungen unterworfen. Doch das ist kein Argument GEGEN mehr Kassensitze. Es ist eines DAFÜR.

Ein depressiver Mensch, der keine Therapie beginnt, kostet natürlich kurzfristig erstmal gar nix, aber langfristig ist jede unbehandelte psychische Erkrankung eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und den Staat an sich. Irgendwann häufen sich unweigerlich die Krankentage. Notfallhilfe, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man sofort interveniert, ist auch nicht billig. Ein einziger Tag in einem Krankenhaus oder einer Psychiatrie, der vielleicht wegen eines Unfalls durch SVV (Selbstverletzendes Verhalten) oder gar eines Selbstmordversuchs nötig ist, ist so teuer, dass man davon locker mehrere Sitzungen bei einem Therapeuten bezahlen kann.

Ach ja – Selbstmord? Todesursache Nummer Eins bei jungen Menschen, die den Staat bis dahin Kindergeld, Geld für Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, vielleicht sogar Studium und Ausbildung gekostet haben, ohne dass sie davon mittels ihrer Arbeitskraft auch nur einen Cent zurück geben können – weil sie nämlich TOT SIND.
Ja, das klingt ekelhaft, wenn man es so sagt, aber es muss gesagt werden, um diesen idiotischen Tunnelblick sogenannter „wirtschaftlicher Überlegungen“ als das zu demaskieren, was er ist: Bullshit, den selbst ein Kleinkind durchschauen könnte.

Und dann ist da ja noch diese kleine Sicherheitsfrage. Ja, ich rede hier von Andreas Lubitz, der fast 150 Menschen mit in den Tod riss. Auch wenn ich stark bezweifle, dass der NUR an Depressionen gelitten hat – Depressive wollen sich in der Regel, wenn überhaupt, nur selbst schaden – sind wir uns doch hoffentlich alle eilig, dass dieser Mensch psychische Probleme hatte, die mit der richtigen Behandlung vielleicht hätten geheilt werden können, bevor es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich haben wir hier ein Extrembeispiel, aber ich will nicht wissen, wie viele Menschen (vor allem Kinder) indirekt unter unbehandelten Erkrankungen Dritter leiden, ebenfalls krank werden, wieder Geld kosten. Psychische Erkrankungen sollten KEIN Stigma sein – aber das heißt noch lange nicht, dass wir alle harmlose Engelchen sind, die niemanden absichtlich oder unabsichtlich verletzen können. Das schreibe ich als Kind einer Mutter, die ebenfalls depressiv ist.

Betroffenen zeitnah Therapien zur Verfügung zu stellen ist demnach billiger, als es nicht zu tun – auch DAS wissen die Krankenkassen. Und auch hier tun sie NICHTS. Vielleicht stecken dahinter ja irgendwelche Schreibtischtäter, die nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung denken. Vielleicht ist es auch einfach bequemer, ein beschissenes System beizubehalten als die Mühe auf sich zu nehmen und ein besseres zu entwerfen. Ich weiß es nicht. Aber ändern muss es sich.

Mangelnde Qualität

Der Punkt ist vielleicht ein bisschen gemein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Therapeuten diesen Weg (der bedeutet, nach einem abgeschlossenen Studium noch eine zeit- und kostenintensive Ausbildung zu absolvieren) gewählt haben, weil sie wirklich den Drang haben, Menschen zu helfen. Trotzdem haben die zwei Totalausfälle, von denen ich berichtet habe, mich mehr zurück geworfen als alles andere (über Therapeut Nr. 2 hätte ich mich sogar gerne beschwert… wenn ich denn gewusst hätte wo).
Eine liebe Bloggerkollegin, selbst Therapeutin, schilderte vor kurzem treffend, dass die Qualität der Behandelnden und damit auch die Behandlung an sich steigen müsste, wäre sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Momentan scheinen sich dagegen einige Therapeuten auf ihrem Kassensitz auszuruhen, der ihnen Dank der schon angesprochenen Unterversorgung fortwährend und ohne die geringste Mühe Nachschub an neuen Patienten verschafft.
Wie wäre es, wenn Therapeuten wirklich um Patienten kämpfen müssten, Erfolge vorweisen müssten? Das findet momentan schlicht nicht statt. Dazu diese unsägliche Praxis, Kassensitze zu VERKAUFEN – womit ein solcher nicht von Qualität, sondern nur von einem dicken Geldbeutel zeugt.
So wirklich habe ich auch keine Ahnung, wie man es besser machen könnte. Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten? Ein zusätzlicher Test? Kassensitze zeitlich begrenzt auf Probe mit anschließender Evaluation? Ich weiß nicht, was hier die beste Methode wäre, um die wirklich fachlich und menschlich besten Kandidaten auszuwählen. Ich weiß nur: Geld ist es mit Sicherheit nicht.

Betreuung

Das ist ein für mich schwieriger Punkt. Es ist mir peinlich, mir selbst und anderen eingestehen zu müssen, dass ich nicht mal in der Lage bin, ein paar Telefonate zu führen. Und doch ist das der Punkt, der nicht nur bei mir am meisten hakt.

Viele waren sehr schockiert über diese Zahl: neun Jahre. Neun gottverdammte Jahre, fast mein gesamtes Erwachsenenleben. So lange suche ich schon nach einem ambulanten Therapieplatz. Aber selbst mit unserem trägen Gesundheitssystem ohne genügend Kassensitze könnte ich schon längst austherapiert sein – wäre ich am Anfang nur am Ball geblieben.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die mich hier hindert. Es ist schlicht und ergreifend die psychische Belastung, die mit dieser Suche einher geht. Vielleicht habt ihr ja schon mal wegen einer Grippe bei eurem Arzt angerufen und euch während genau diesen zwei Minuten Gespräch mit der Sprechstundenhilfe elender gefühlt als sonst im gesamten Krankheitsverlauf. Tja, so geht es mir auch. Vergessen wir die leichte (fast überwundene) Soziale Phobie, die ich ebenfalls mein Eigen nennen darf und die Telefonate allgemein recht unangenehm macht, vergessen wir auch den Stress und die Übermüdung, die mit dem Jonglieren Dutzender verschiedener Sprechzeiten einher geht: Muss ich bei einem Therapeuten anrufen, ist der Tag gelaufen. Oft kamen mir schon die Tränen, bevor überhaupt jemand abhob, und wenn man mich dann auch noch aufforderte, „kurz zu erzählen“, was mein verdammtes Problem ist, ging die Sirene erst richtig los.

Es schlaucht. Es triggert. Es macht mich fertig. Und für was? Wie man sieht: für nichts.

Damit stehe ich nun wirklich nicht alleine. Ja, es ist peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man in diesem einen speziellen Fall tatsächlich jemanden braucht, der einen ans Händchen nimmt, weil man sonst immer wieder aufgibt. Aber genau so jemanden sollte es geben. Was mir vorschwebt, ist eine Art Betreuer, der vielleicht sogar selbst Therapeut sein könnte, aber ein Sacharbeiter (mit entsprechender Fortbildung) würde ja auch schon reichen. Dieser Person schildert man im persönlichen Gespräch EINMAL seine Situation, statt sie zehnmal wiederholen zu müssen und SIE erledigt dann die Therapeutensuche. Ist genügend Vorwissen vorhanden, kann dabei ja auch schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen werden (es bringt wohl wenig, einen fünfzigjährigen Alkoholiker zu einem Therapeuten zu schicken, der sonst vor allem Essstörungen bei Jugendlichen behandelt. Aber woher soll man sowas als Betroffener wissen? Die wenigsten Therapeuten haben Internetauftritte.). Auch eine vorläufige Diagnose wäre hierbei schon möglich, wenn auch nur im sehr, sehr beschränkten Rahmen.
(Auch wäre ein System denkbar, das ähnlich wie die Programme funktioniert, die an Unis zur Anmeldung für Veranstaltungen verwendet werden. Damit wäre für den verantwortlichen Betreuer beispielsweise ersichtlich, welcher Therapeut noch freie Kapazitäten hat, am besten zum Profil des Patienten passt o.ä. Hier würde sich allerdings die Frage nach einem adäquaten Datenschutz stellen.)

Wie schwer kann es sein, solche Betreuer zur Verfügung zu stellen? Und falls es sowas schon gibt: Warum weiß ich nichts davon?

Veränderung – aber wie?

Hier kommen wir zum Hauptpunkt und hier bin ich leider ratlos. Ich besitze keinen Einfluss, habe kein politisches Amt und kenne keinen Weg, irgendetwas zum Besseren zu wenden außer, mich fortwährend lautstark zu beschweren.

Genau das scheint allerdings bei dieser Thematik momentan ein riesiges Problem zu sein. Die so hochgejubelte Awareness, die ich kritisiert habe, ist beiläufig, oberflächlich und geht an den wirklichen Problemen vorbei. Sie fokussiert sich einzig auf den Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen mit dem ach so hehren Ziel, die dann irgendwann gesellschaftlich völlig akzeptierten, nun viel selbstbewussteren Betroffenen auf diese Weise zu motivieren, sich Hilfe zu suchen – und übersieht dabei völlig, dass es keine Hilfe gibt. Das ist entweder, wie schon gesagt, einfach nur heuchlerische Selbstprofilierung – oder pure Unwissenheit.

Gegen Heuchelei kann man als Außenstehender nun leider nicht viel tun. Gegen Unwissenheit aber schon. Ja, nennt mich bekloppt, aber ich plädiere hiermit für Awareness! Keine Awareness hinsichtlich der traurigen Tatsache, dass selbst im 21. Jahrhundert viele erwachsene, gebildete Menschen „psychisch krank“ immer noch mit „unzurechnungsfähig“ gleichsetzen oder glauben, Depressive wären einfach nur weinerliche Jammerlappen. Klar tut das weh. Trotzdem: Vergesst diese Idioten. Ich rede von Awareness dahingehend, wie schwer es uns selbst völlig ohne Stigmatisierung gemacht wird, gesund zu werden. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet, darüber ist viel zu wenig bekannt. Aber genau das muss sich ändern.

Ich kenne keinen Weg, etwas zu ändern, außer mich zu beschweren. Das habe ich hiermit getan. Aber wir Betroffenen sind viel zu leise… weil wir alle krank sind. Weil wir häufig schon froh sind, morgens aus dem Bett zu kommen. Deshalb müssen sich viel, viel mehr Leute beschweren und nach gangbaren Lösungen suchen – Leute mit Energie, Grips und Macht.

Gründe dafür habe ich nun wirklich genug genannt. Konkrete Hindernisse, die es aus dem Weg zu räumen gilt, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie das gehen soll. Aber ich hoffe auf eine echte Debatte über das Thema „Versorgung psychisch Kranker“ – hinausgehend über die mitleidige Feststellung, was wir doch alles für arme, kleine Hascherl sind.

Es ist ein unmenschliches, ineffektives und darüber hinaus auch noch wahnwitzig kostenintensives System, das eine grundlegende Reform benötigt. Wenn das geschafft ist, kommt das Ende des Stigmas übrigens ganz allein. Nichts würde mich glücklicher machen, als in zehn Jahren auf irgendeinen saublöden Spruch über Depressionen zu antworten: „Weißt du was? Ich war auch mal depressiv und kuck, wie gut es mir heute Dank der richtigen Therapie geht!“

Bis dahin gibt es noch zu viel zu tun, um uns an Kleinigkeiten aufzuhängen. Ich hoffe, ihr seid dabei.

Eure Awareness kotzt mich an!

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

Dieser Tag beginnt, wie der letzte endete: mit Tränen.

Viel weinen oder gar nicht, viel fressen oder wenig, viel schlafen oder sich rumwälzen.

Manchmal schlafe ich 10 Stunden am Tag. Eine kleine Flucht, die mir bleibt. Ich träume meist intensiv, oft totalen Schwachsinn, aber wenigstens ist es nicht langweilig. Ich schlafe so viel, dass mir der Rücken weh tut. Oft lege ich mich ins Bett, weil ich nicht mehr sitzen kann. Und stehe ich morgens, das heißt mittags, aus dem Bett auf, geht’s nach einem Abstecher ins Bad erst mal auf die Couch – zum Ausruhen. Ausruhen vom Aufstehen. Das ist kein Witz.

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Und jetzt?

Sagt mir nicht “Bitte such dir Hilfe!” Es gibt keine Hilfe. Ich möchte, dass ihr das kapiert: Es gibt keine Hilfe. Eine Depression ist nicht wie ein fauler Zahn, der einem sofort einen Notfalltermin beim Zahnarzt verschafft. Nee, hier fault nur die Seele, das ist was anderes.

Anrufen, Therapeutentermine vereinbaren. Irgendwo kommt ein Stückchen Elan her und ich greife zum Hörer. Die Therapeuten habe ich mir vorher aus einer Liste ausgesucht.
Dabei die Frage: Kann ich da überhaupt Ansprüche stellen? Wenn man so lange warten muss, nimmt man dann nicht das, was man kriegen kann? Auch wenn man persönlich von einem rein psychoanalytischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt ist? Brauche ich einen abgehobenen Freudianer, der mir erzählt, dass all meine Probleme im Endeffekt darauf zurück zu führen sind, dass meine Mutter mich nicht stillen konnte? Ach ja, und irgendwas mit Penis?

Es gibt Therapieplätze und davon viel zu wenige. Wenn ich morgen irgendwo da anrufe, habe ich mit Glück einen Termin in einem halben Jahr.
Nicht, dass ich morgen einfach irgendwo anrufen könnte. “Einfach irgendwo anrufen” ist nämlich nicht. Depressionen gehen mit Antriebsschwäche einher. Das Internet sagt dazu “Prokrastinieren”. Dieses Scheiß-Internet. Antriebsschwäche fühlt sich eher so an wie in einem Eisblock eingeschlossen zu sein. Ein Eisblock auf meiner Couch, den starren Blick auf einen Stapel Dreckwäsche gerichtet, die dringend gewaschen werden muss, weil ich nichts mehr zum Anziehen habe und es anfängt zu müffeln und mit jedem Tag wächst der Berg trotzdem weiter, aber ich sitze einfach nur da und starre. Manchmal werde ich nachts wach, denke an überfällige Bücher oder was auch immer gerade ansteht und bekomme Herzrasen. DANN könnte ich es sofort machen, aber dann ist ja Nacht, da ist die Bibliothek zu. Und am nächsten Morgen hat sich das Eis wieder um mich geschlossen.

Ich habe die Liste vor mir, die mir mein Hausarzt gab mit den besten Wünschen. Ich habe die Therapeuten markiert, die meine favorisierte Methode anbieten. Zehn Therapeuten. Zwölf verschiedene Sprechstundenzeiten.
Mir laufen wieder die Tränen. Ich lausche den Ansagen vom Band, notiere mir die Sprechstundenzeiten, darunter so Perlen wie “Montags zwischen viertel vor 9 und 9″. Ich habe einen Schritt gemacht und er war umsonst ohne den nächsten.
Der nächste Schritt. Der nächste Schritt. Zwei bis achtzig Wochen später, Montagmorgen. So lange habe ich gebraucht, bis ich rechtzeitig aufstehen konnte. 8 Uhr fünfundvierzig. Es klingelt. Niemand geht ran. Ich probiere es noch drei Mal. Nichts.

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem. Krankenhäuser, die Psychiatrien angeschlossen haben, schicken dort am Wochenende gerne Komasäufer hin. Die sind nämlich laut und kotzen, das nervt, also raus aus dem Krankenbett, ab zu den Psychos, und diese zwar zu hart feiernden, aber ansonsten völlig gesunden Menschen müssen am nächsten Tag Fragen zu ihrer nicht vorhandenen Suchtproblematik beantworten, weil die in der Ambulanz behauptet haben, die hätten eine Suchtproblematik, weil sie die ja sonst nicht in die Psychiatrie hätten abschieben können.

Nein, da will ich nicht hin.

Ich komme durch, bekomme einen Termin. Endlich. Therapeutin: Ein Megafail. Ich soll erzählen, also erzähle ich und mittendrin unterbricht sie mich und verbietet mir, weitere Taschentücher zu nehmen, weil sie später noch Gruppentherapie hat und das ihre letzte Packung Kleenex ist. Wir verabreden einen zweiten Termin. Sie sagt ihn ab, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse schreibt, den meine Mutter erreicht.

#NotJustSad. Depressive sind nicht einfach nur traurig. Wow. Haltet die Druckerpressen an, wir haben hier die banalste Schlagzeile der Welt.
Ihr habt studiert? Könnt Wikipedia bedienen? Warum wisst ihr das dann nicht? Und der Rest, die ganzen Arschlöcher, die einen für unzurechnungsfähig erklären oder für kleine Mimosen… denkt ihr, die lassen sich von einem Hashtag beeindrucken oder ein paar Artikeln?
Aber man liest es ja doch und fühlt sich voll aware, haut ein paar Internetadressen raus (“Hilfsangebote”) und weiter zum nächsten Skandälchen. Vielleicht hat ja jemand offizielles irgendwo “Schwule” gesagt und “Homosexuelle” gemeint, sowas geht doch nicht, Shitstorm on.

Zweiter Therapeut. Schlaffer Händedruck, ausdrucksloses Gesicht. Er sieht mich während der gesamten Sitzung nicht an und gibt mir am Ende eine Liste mit Therapeuten. Ich frage, warum er mir nur Frauen empfiehlt, mir ist das egal, ich habe keine Missbrauchserfahrung oder sonstiges, was es mir unmöglich macht, zu einem männlichen Therapeeuten zu gehen. Er nennt die Frage sinnlos. Ich deute an, dass ich aufgetaucht bin, weil ich ja bei IHM Therapie machen wollte. Er schnarrt: “Abgelehnt!” Ich bin fassungslos, springe auf, stammle irgendwas. “Unglaublich… in diesem Land…!”
Ich bin schon an der Tür. Er antwortet stoisch: “Dann wandern Sie doch aus.”

Ich weine auf dem Weg nach Hause, denke, dass diese Ignoranz mich hätte umbringen können, wäre ich gerade suizidal. Ein Teil von mir wünscht, ich wäre es.

Nur sehr wenige Behandlungsmethoden werden von der Krankenkasse anerkannt und übernommen. Eine neue Behandlungsmethode zur kassenärztlichen Legitimation zu verhelfen – ein jahrelanger Prozess, selbst wenn der Erfolg nicht wegzudiskutieren ist. Als würde man jemanden mit Schmerzen Aspirin verabreichen, weil irgendwie noch nicht abschließend geklärt ist, ob dieses ominöse Morphium auch tatsächlich wirkt.
Die Lösung besteht darin, sich einen Therapeut zu suchen, der beides kann: Die Behandlung, die von der Kasse bezahlt wird und die Behandlung, die tatsächlich am besten für einen ist. Der Therapeut therapiert dann nach der einen Methode, schreibt aber für die Kasse die andere auf die Abrechnung. So fickt man das System. Das System wollte es doch so.

Termin 3. Therapeutin, sympathisch, perfekt. Leider für mich nix frei. Aber sie empfiehlt mir Therapeuten und streicht sie für mich an.
Anruf. “Wir KÖNNEN Sie auf die Warteliste setzen, aber das dauert ein halbes Jahr!”
“Ist okay. Bitte setzen Sie mich drauf.”
“Wir haben SEHR viele Anfragen und viele kriegen zwischenzeitlich anderswo einen Therapieplatz, ohne sich bei uns abzumelden. Das ist sehr aufwendig und ärgerlich für uns. Bitte rufen Sie deshalb in drei Monaten wieder an, um zu bestätigen, dass Sie immer noch warten.”

Haha. In drei Monaten nochmal anrufen. Klar. Easy. Was spricht dagegen. “Einfach so”.

Ich bedanke mich, lege auf und notiere diese Frist in dem Wissen, dass ich sie niemals einhalten werde.

Nein, eigentlich will das System nur eines: mich tot sehen. Mich und andere wie mich. Wir kosten zuviel. Natürlich koste ich momentan überhaupt nichts, so ohne Therapieplatz, und so soll das auch bleiben. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – nicht bei unseren Krankenkassen. Künstliche Verknappung.
Wer als Therapeut Patienten auf Rechnung der Krankenkassen behandeln will, braucht einen Kassensitz. Ein Kassensitz muss er sich aber erst kaufen gegen viele, viele tausend Euro. Und selbst wenn er so viel Geld mal einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, kriegt er wahrscheinlich keinen, weil es ja nicht zu viele Therapeuten mit Kassensitz geben soll, denn so viel Bedarf besteht ja nicht. Also wird die Anzahl der Kassensitze klein gehalten, obwohl ein Bedarf nach Therapeuten mit Kassensitz eindeutig da ist. Angebot und Nachfrage – sonst gäbe es ja keine Wartezeiten von einem halben Jahr. Es sei denn, man ist reich und bezahlt die Behandlung selber.

Wusstet ihr nicht, ne?

Anderer Therapeut. “Die Wartezeiten für Einzeltherapie sind gerade sehr lang. In der Gruppentherapie sind aber noch Plätze frei!”
Ich mag keine Gruppentherapie. Ich hasse es, vor Fremden zu weinen. Und es interessiert mich nicht, ob Peter seit dem Tod seiner Frau keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht oder Paula in der Schule immer gemobbt worden ist. Ich fühle mich herzlos, wenn ich das denke, aber es ist so. Ich habe keine Kraft für andere. Ich habe keine Kraft für eine kaputte Gruppe.

Ich komme auf die Warteliste. Ich soll das in einem halben Jahr nochmal bestätigen. Haha.

Wenn ein Therapeut mit Kassensitz nichts mehr frei hat, kann der einen genau das bescheinigen. Sammelt man genug dieser Absagen, kann man damit zur Krankenkasse gehen. Dort knallt man denen das als Beweis auf den Tisch, dass sie mit der Berechnung des Bedarfs an Kassensitzen Scheiße gebaut haben. Die Krankenkasse bezahlt dem Patienten dann einen Therapeuten ohne Kassensitz. So bluten sie dann doch für ihre selbst erzeugte Knappheit.

Vor ein paar Jahren ging von den Krankenkassen eine Anweisung an ihre Therapeuten, solche Bescheinigungen nicht mehr auszustellen. Man wollte den Leuten keinen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, auch wenn alle anderen Therapeuten schon ausgelastet waren. Dagegen haben sich die Therapeuten dann aber gewehrt. Unethisch sei das. Recht hatten sie.

Wusstet ihr nicht, ne?

Therapieambulanz. Wurde mir bereits ein Dutzend mal empfohlen. Geht schneller, ist für harte Fälle besser. Ich bin skeptisch: eine Ambulanz? Was für Ansätze verfolgen die? Können die überhaupt was?
Jahre später. Therapieambulanz, jetzt endlich. Tägliche Sprechstundenzeiten. Keiner geht ran. Aber wenigstens gibt es eine Emailadresse. Protokoll, Ausschnitt:
“Wir senden Ihnen die Unterlagen zu. Die Wartezeit beträgt sechs Monate.”
“Mir wurde gesagt, bei euch geht es schneller. War das eine Fehlinformation?”
“Ja, das war leider eine Fehlinformation.”

#NotJustSad, ja, lest das und denkt, wie schlimm das doch alles ist. “Du bist ein toller Mensch! Such dir bitte Hilfe!”
Alles klar, Leute. Wie wär’s mit einem Hashtag #NotSoEasy. Not so easy at all.

Und jetzt stellt euch vor, man würde einem Querschnittsgelähmten die Reha verweigern und was für ein Skandal das wäre. Aber ihr sagt, das wäre dasselbe. „Ableismus“. Von „to be able“ – „fähig sein“. Die Diskriminierung von behinderten Menschen, die gewisse Dinge nicht so können wie gesunde Menschen. So wie ein blinder Mensch nicht sehen kann. So wie ein gelähmter Mensch nicht gehen kann.

So wie ein depressiver Mensch nicht… was? Was, zur Hölle?

Es war selbstverständlich absolut ableistisch von mir, als selbst Betroffene anzumerken, dass ich mich gegen diesen Begriff verwehre. Nicht als behindert gelten zu wollen kann ja nur bedeuten, dass ich was gegen Behinderte habe, ableistisch bin – unaware. Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politsche Programm passt.

Ich habe selbstverständlich absolut nichts gegen Behinderte. Die meisten Behinderten möchten ihre Behinderung nicht als tatsächlichen Makel verstehen. Recht haben sie. Und jede offene, freie Gesellschaft MUSS in der Lage sein, Behinderten und ihren Besonderheiten einen Platz bereit zu halten, eine Möglichkeit, ein zufriedenes Leben zu führen, auch ohne Sehvermögen oder funktionierenden Beinen.

Dagegen meine Depression. Oh, dafür sollte man dich nicht verurteilen und dieser Typ in diesem Flugzeug, also, dass die einfach behaupten, der sei depressiv gewesen, das KANN ja gar nicht sein! Shitstorm! Sieh nur, ich akzeptiere deine Besonderheit! Ich bin aware!

Oh mein Gott, ihr Arschlöcher, hier für euch eine Durchsage: Ich hasse meine Depression. Ich hasse sie, weil sie mein Leben zerstört, mein Leben bedroht und das letzte was ich will ist, dass ihr sie „akzeptiert“. Ich will, dass ihr sie genauso hasst wie ich und wie hoffentlich kein Behinderter seine Behinderung hasst!!!

„Aber nein, das verstehst du falsch. Ableismus, okay, damit wird meist auf Behinderungen rekurriert, aber, naja, „able“ heißt „fähig“ und umfasst alles, was damit irgendwie zu tun hat.“

Okay, ich bin also nicht fähig, morgens auf dem Bett aufzustehen, mich an Dingen zu erfreuen, glücklich zu sein. Ich bin außerdem nicht fähig, japanisch zu sprechen oder mit Computern umzugehen und einmal habe ich in einem Anfall selbstzerstörerischer Leichtsinnigkeit eine Glasscheibe eingeschlagen, musste ein paar Tage einen Verband tragen und war nicht fähig, meine Hand zu benutzen. Ableismus, Diskriminierung aufgrund fehlender Befähigung? Meine Güte, Wikipedia hat angerufen: Sie hätten gerne eine Definition, die nicht auf alles passt.

Einmal hat mir jemand, sicher in bester Absicht, mitfühlend geschrieben, wie schwer das sicher alles ist, so als Depressive. Allein, wie man auf der Arbeit diskriminiert wird. Und ich musste stumm kichern. Depression, das ist keine Behinderung, denn Depressionen kann man verstecken, jedenfalls bis es zu spät ist. Und kein depressiver Mensch geht damit in seinem echten Leben bei fremden Menschen hausieren.

Millionen Menschen leiden an Depressionen, hundert- und tausendmal mehr Betroffene als bei anderen „Besonderheiten“, für die ihr schicke neue Namen für Diskriminierungsformen erfindet, aber psychische Erkrankungen sortiert ihr bei Ableismus unter „ferner liefen“. Danke für diese Bestätigung meiner heimlichen Überzeugung, unwert zu sein. Danke für nichts.

Mich über Unwichtigkeiten ereifern, jetzt tue ich es schon selber. Nennt das, was man uns antut, halt „Ableismus“, ignoriert Stimmen von Betroffenen.
Natürlich ist es DAS, was mich eigentlich stört – nicht ein dämliches Wort. Betroffene werden nur gehört, wenn das, was sie zu sagen haben, zur Agenda passt. Und die Agenda heißt: Shitstorm. Moralische Empörung. Political correctness.

„Hab den Mathetest verhauen. Bin voll depri.“ Oh, das hat die Tussi jetzt NICHT gesagt, so ne Ignoranz, einfach medizinische Fachbegriffe zweckentfremden, wissen die Leute denn nicht, wie sich Betroffene bei sowas fühlen, Shitstorm, auf sie! Wir sind AWARE!!!

Ich lese „depri“ und fühle nichts. Weil es so unbedeutend ist. Umgangssprache. „ABER WORTE SCHAFFEN REALITÄT UND SPRACHE KANN BELIEBIG GEWANDELT WERDEN!“ – Ja, und deswegen heißt „depri“ hier „down“ und „Ich leide an Depressionen“ heißt „Ich leide an Depressionen“. So wie „Wenn ihr wirklich helfen wolltet, hättet ihr besseres zu tun als euch über so eine unwichtige Scheiße aufzuregen, ihr Idioten!!“ meint… nun, genau das. (Nur darf man „Idiot“ ja auch nicht mehr sagen. Das beleidigt Idioten. Aber möglicherweise ist es ja doch beleidigender, bei „Idiotie“ an geistige Behinderungen zu denken statt an Idioten.)

Währenddessen setzt irgendeine von euch eine Triggerwarnung über eine sexistische Werbung oder nennt eine prekäre Lebensituation „traumatisch“ und nein, das deckt sich ja so überhaupt nicht mit der medizinisch-psychiatrischen Definition, aber keine Sau interessiert’s, wer genug Fans hat, hat die Definitionsmacht, Scheiß auf Betroffene, außer die trinken mit dir einen Club Mate nach der Vorlesung und teilen deine Artikel auf Twitter. Nein, ich kritisiere keine Begrifflichkeiten, ich kritisiere diese unerträgliche Bigotterie und öde Irrelevanz eurer Awareness in Angesicht einer Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt.

Man hat mir einen Anamnesebogen geschickt. Ich habe ihn vor mir, sechzig Seiten mit vielen intimen, distanzlosen, triggernden, ja wirklich triggernden Fragen und ich heule wieder. Fragen, steril formuliert, schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne persönlichen Kontakt, niemand, der meine unmittelbare Reaktion sieht und mich auffangen könnte. Ich bin überfordert, denn ich weiß nicht, wie der Scheiß genau ausgewertet wird. Wenn meine Verfassung aber zu schlecht scheint, nehmen sie mich nicht. Gehen Sie in die Psychiatrie, da haben die all die tollen Drogen und ein schönes Zimmer, das Sie mit einem Komasäufer teilen können, der die ganze Nacht kotzt und sich einscheißt und morgen wieder weg ist.

Und wenn Sie nicht gehen und auch den Fragebogen nicht zurück schicken können, weil das schon wieder ein zu großer Schritt ist, weil wir Ihnen nicht helfen, weil Ihnen in diesem großen reichen Land niemand hilft, am allerwenigsten die, die es am lautesten behaupten, denn diese hysterischen Heuchler ohne auch nur das geringste Verständnis dafür, was es heißt, wirklich NICHT NUR TRAURIG und damit ALLEIN GELASSEN zu sein kreisen nur um sich selbst in ihrer billigen Imitation eines Menschen, dem andere nicht scheißegal sind – wenn Sie also letztendlich zusammenbrechen, dann tun Sie uns wenigstens den Gefallen und sterben leise.

Ich bin Robin, ich suche seit neun Jahren einen Therapieplatz und eure selbstgefällige Awareness kotzt mich so dermaßen an.


Wegen der großen Resonanz habe ich noch einige Ergänzungen nieder geschrieben. Darüber, was falsch ist, darüber, was sich ändern muss. Eure Ideen? Bitte lest hier: Awareness. Und jetzt?

Edit: Und noch zwei Nachträge:
1. Für die, die den Artikel mochten
2. Für die, die sich darüber aufregen

Game of Thrones – [positive Kritik not found]

Spoilerwarnung bis zur aktuellen Folge (Season 4, Episode 3). Leichte Spoilerwarnung für Nichtbuchleser, aber ich versuche mich auf ein Minimum zu beschränken.

Leute, ich bin megamäßig angepisst. Das hat in diesem Fall zwar etwas gedauert, aber nun hätte ich nicht übel Lust, zu den Drehorten von Game of Thrones zu fahren und und dort die gottverdammten Sets abzufackeln.

Wisst ihr, bis letzte Woche hatte ich fest geplant, endlich (der Plan steht schon seit der dritten Staffel im letzten Jahr) die feministische Kritik an dieser Ausnahmeserie in einem langen Artikel so richtig auseinander zu nehmen, denn ich mag die Serie und teilte die Kritik nicht. Ich wollte auf den völlig hanebüchenen Vorwurf eingehen, die Serie würde – wieder mal – keine starken weiblichen Charaktere bieten. Ich wollte darlegen, wie dämlich es ist, der Serie Homophobie vorzuwerfen, nur weil George R. R. Martin sich entschlossen hat, kein Gleichberechtigungs-Winterwunderland zu erschaffen, welches die gesellschaftlichen Umstände, Sitten und Gebräuche von Westeros völlig ignorieren würde. Und ich wollte versuchen zu erklären, warum die Darstellung von Vergewaltigung, wie sie z.B. Daenerys in der ersten Staffel immer wieder erleiden muss, nicht notgedrungen zu verurteilen und voyeuristisch ist, nur weil es halt IMMER einen Wichser geben wird, der sowas geil findet, statt verdammt noch mal etwas Mitgefühl aufzubringen.

Dann kam die letzte Folge. Und mein ganzes schönes Konzept krachte völlig zusammen.

In Folge 3 wird Cersei von ihrem Bruder und (ehemaligen) Geliebten Jaime vergewaltigt. Ich konnte erst nicht glauben, dass dies wirklich passiert. Fassungslos wartete ich während der ca. zweiminütigen Szene auf irgendetwas, was diese Grässlichkeit stoppen würde. Aber es passierte nichts. Und kaum wurde abgeblendet, schlug ich die Hände über den Kopf zusammen und stöhnte: „Das wird SO VIELE Diskussionen geben!!!“

Dem war so, obwohl ich mich ein paar Tage lang stur und absichtlich nicht damit befasst habe. Doch jetzt ist Schluss. Ein einziger Artikel, über den ich gestolpert bin, hat einen regelrechten Damm gebrochen und nun könnte ich wirklich platzen vor Wut.

Es gibt zwei große, GROSSE Probleme mit dieser Szene. Das erste, das offensichtlichste Problem besteht darin, dass Regisseur Alex Graves behauptet, es wäre keine Vergewaltigung. Well… dann ist ja alles in Ordnung. NICHT!!!
Wenn er darüber labert, dass der Sex „gegen Ende einvernehmlich wird“, beschreibt er eine recht verbreitete Art der, nun, nennen wir es „sexuelle Eroberung“, im filmischen Kontext (und ich bin überzeugt davon, dass so etwas schon öfter in Filmen dargestellt wurde, als es in der Realität überhaupt vorkommt). Er hatte wohl sowas im Sinn:

Pussy Galore (ach… no comment) erwidert den Kuss am Ende und das, was danach kommt (man geht davon aus, dass sie danach Sex hatten, aber es wird dann wohl abgeblendet, so dass man es nicht mit Sicherheit wissen kann) offensichtlich. Verbalisiert käme wohl sowas unglaublich dämliches raus wie „Nein, James, nicht, nein, nein… oh… oh, ja! JA!“ Ich kann zwar ein Stück weit nachvollziehen, warum manche auch mit solchen Szenen Probleme haben – man kann ja nicht wissen, ob der gute James aufgehört hätte, wäre sie NICHT plötzlich dahin geschmolzen – aber für mich ist das keine Vergewaltigung.

Es wäre demnach auch bei Cersei und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen, hätte sie so reagiert. Genau darauf wartete ich dann auch die ganze Zeit. Selbst kleine Anzeichen hätten mir ja schon genügt. Man ist ja anspruchslos. Aber die gibt es nicht. Die Szene ist von hinten bis vorne eine Vergewaltigung.
Nach einem (einvernehmlichen) Kuss, den Cersei abbricht, zischt Jaime was von Liebe, packt Cersei, reißt ihr Kleid (oder ihren Unterrock) kaputt, drängt sie schließlich zu Boden. Cersei wehrt sich mit Taten und Worten („stop it, stop it“, „it’s not right“, „no“), fängt an zu weinen und zu schluchzen, verzieht das Gesicht vor Schmerz, dreht es (mit geschlossenen Augen) weg. An einer einzigen Stelle, als beide noch stehen, scheint sie kurzzeitig ein wenig, äh, zugeneigter, aber das erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, weil sie danach offensichtlich weiterhin keinen Sex will. Jaime interessiert ihr Geschluchze nicht („I don’t care“).
EINE – VERGEWALTIGUNG. Ganz klar. Genauso klar ist die darauf folgende feministische Kritik. Aber nicht nur Feministinnen sehen das so. Und selbst Idioten, die nicht kapieren, warum die Szene scheiße ist, sehen die Vergewaltigung. Wie um alles in der Welt kann Graves behaupten, es sei keine?!

Nehmen wir mal an, Graves lügt nicht, weil er jetzt so viel Kritik aushalten muss (armes Hascherl!), wenn er sagt, dass die Szene einvernehmlich geplant gewesen war. Dann hätte ich da eine Frage: Mr. Graves, warum sind Sie so ein unglaublicher Loser?! Wie kann man seine Intention als erfahrener Künstler so grandios verfehlen?! Denn ein Regisseur ist IMMER die letzte Instanz – in diesem Fall nach der Vorlage von George R. R. Martin, den Drehbuchschreibern und den Schauspielern. ER IST DER VERANTWORTLICHE. Und als solcher hat er einfach nur himmelschreiend versagt. Er ist ein Versager. Und offensichtlich ein blödes Arschloch, das nicht den Unterschied zwischen einer wenig hübschen, aber nicht vollends verwerflichen „Sie mag erst nicht und dann ja doch“-Sexszene und einer offensichtlichen Vergewaltigung kapiert!!!

Das ist eine Problematik, die erst durch sein dämliches Kommentar so schlimm geworden ist – aber es sieht noch wesentlich beschissener aus, wenn man die Bücher kennt.

Offensichtlich kann sich das verlinkte Basler Provinzblatt keinen Autoren leisten, der die gottverdammten Bücher gelesen hat. Angeblich sei die Szene nur deshalb kritisiert worden, weil sie sich so nicht in der Vorlage findet und darum sei das alles ja wieder mal nur feministische Hysterie und #aufschrei und höhöhö, kuck dir mal die frustrierten Emanzen an.

Tja, DIESE frustrierte Emanze hier HAT die Bücher gelesen. Auch dort ist die Sexszene an Joffreys aufgebahrter Leiche nicht gerade ein Ausbund an Romantik. Im Buch kehrt Jaime erst an dieser Stelle aus seiner Gefangenschaft zurück und fällt, kaum wird er Cersei ansichtig, von Lust übermannt über sie her. Auch hier fragt er nicht erst nett, ob sie mit ihm schlafen will, aber sie öffnet sich für ihn und empfängt ihn willig. Ja, nicht gerade supi, aber keine Vergewaltigung.

Aber das ist nicht das Problem. Es geht nicht darum, dass ein einvernehmlicher Verkehr für die Serie zu einer Vergewaltigung umgeschrieben worden ist (obwohl, wie ich finde, die Frage danach, warum die Macher glauben, so etwas sei nötig, durchaus legitim ist). Es geht auch nicht darum, dass die Serie von der Vorlage abweicht. Das ist ja schon öfter passiert und interessiert außer ein paar Puristen keine Sau. Einige der Änderungen fand ich sogar extrem gelungen, so dass die entsprechenden Szenen in meinen Augen sogar besser waren als in den Büchern. So bin ich auch sehr damit einverstanden, dass in Daenerys‘ Hochzeitsnacht ebenfalls eine Vergewaltigung stattfindet (dies ist offensichtlich, es sei denn, man gehört zu den armseligen Gestalten, für die es keine Vergewaltigung ist, wenn eine völlig verzweifelte Frau in Angesicht ihres Riesen von Ehemannes bemerkt, dass sie komplett chancenlos ist und sich daher nicht wehrt), obwohl der Verkehr im Buch als einvernehmlich geschildert wird. Im Buch wird Daenerys genau wie in der Serie nicht gefragt, ob sie Khal Drogo heiraten will, ist aber dort erst 13 Jahre alt – lächerliche Vorstellung, sie würde dem Sex in ihrer Hochzeitsnacht freudestrahlend zustimmen, zumal die folgenden Zusammenkünfte dann wieder als nicht-einvernehmlich beschrieben werden. Das hat im Buch schlichtweg keinen Sinn gemacht, daher ist es gut, dass sie das geändert und eine wirklich starke, sehr gut gespielte Szene daraus gemacht haben, in der die ganze Ausweglosigkeit von Daenerys‘ Situation eindrücklich deutlich wird.
Es geht auch nicht einfach nur darum, dass eine Vergewaltigung dargestellt wird. Das war nicht das erste Mal in der Serie und wird wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Die gesamte Serie ist ausgesprochen brutal – dämlich, ausgerechnet Vergewaltigungsszenen anzuprangern, solange sie nicht voyeuristisch ausgeschlachtet werden.

Nein, die Szene ist deshalb zum Kotzen, weil sie damit mal so eben nebenbei Jaimes Charakter vollständig zerstört.

Jaime ist am Anfang der Serie ein Arschloch. Ein arroganter Wichser, so ein echter Lannister halt, der nicht nur Ned Stark angreift, sondern sogar vor seiner eigenen Familie nicht halt macht, wenn er, um zu fliehen, den Verwandten, der zu ihm in seinen Käfig gesperrt wird, mal eben umbringt (das hat sowieso keinen Sinn gemacht, denn dieser altbekannte „kranker Mitgefangener“-Trick hätte auch funktioniert, hätte er seinen Cousin oder wer der Typ war einfach darum gebeten, sich tot zu stellen). Erst der Verlust seiner Hand, aber vor allem seine Wanderschaft mit Brienne läutet einen Wandel ein.
Überhaupt – Brienne. In der 3. Staffel unterhält er sich mit ihr noch darüber, wie ekelhaft Vergewaltigung ist und rettet sie dann auch noch vor einer eben solchen, und jetzt vergewaltigt er mal so eben die Liebe seines Lebens?! Aber nee, ich vergaß: Es war ja alles total einvernehmlich *kotz*

Wer die Bücher nicht gelesen hat und vielleicht nicht mal weiß, dass die Szene im Buch anders ist, der wird nicht verstehen, warum das so unglaublich schrecklich ist. Es sah dann halt eben zwar so aus, als hätte Jaime sich gebessert, aber tja, alte Gewohnheiten, ne? Ist er wohl doch ein Arschloch, Lannister halt.
Genau das ist er eben nicht. Hier muss ich leider ein bisschen spoilern, also nicht weiter lesen, wenn ihr minimale Ausblicke auf das Kommende nicht lesen wollt. Fakt ist, dass so ziemlich alle Charaktere der Reihe nicht eindeutig gut oder eindeutig schlecht sind, sondern jeder gute und schlechten Anteile hat. Jaime war am Anfang ziemlich eindeutig schlecht (davon abgesehen, dass er mal eben so ganz King’s Landing gerettet hat, wofür ihm nie gedankt wurde), ein Charakter, den ich mit Vergnügen gehasst habe, entwickelt sich aber stark. Bis dato (die Reihe ist ja noch nicht beendet) hat sich das noch nicht sehr in konkreten Taten ausgedrückt, aber als Point-of-View-Charakter, also ein Charakter, aus dessen Sicht Teile der Handlung geschildert werden, wird ein Einblick in seine Innenwelt gewährt und die ist eindeutig.
Besonders beeindruckend ist hierbei sein Verhältnis zu Cersei. Nachdem er sich so nach ihr gesehnt hat und seine Sehnsucht sich in ihrem einvernehmlichen Sex entladen hat, wird ihm im Folgenden immer mehr bewusst, was für ein schrecklicher Mensch Cersei eigentlich ist – liebt sie aber immer noch. Das ist ein schmerzvolles Dilemma und eine vielschichtige Charakterzeichnung, die einfach großartig ist. Allerdings typisch für die Reihe – ein Grund, weshalb ich sie so liebe und warum sie so erfolgreich ist.

Die Macher der Serie nun haben das alles ab Jaimes Rückkehr sehr zuverlässig versaut. Keine Ahnung, warum sie die Sexszene direkt bei seiner Ankunft gestrichen haben – ich hatte die (wie ich jetzt weiß idiotische) Hoffnung gehegt, sie wollten vielleicht einfach den Titten- und Sexcontent ein bisschen zurück schrauben. Das allein wäre jedoch noch vertretbar gewesen. Schlimm wurde es erst, als Jaime sich im Folgenden – WOCHEN nach seiner Rückkehr – versucht, an Cersei ranzumachen und sie dies beständig abblockt. Sie knallt ihm sogar an den Kopf, dass er sich nicht genug Mühe gegeben habe, schneller zu ihr zurück zu kehren, wohlgemerkt aus seiner GEFANGENSCHAFT. Das findet sich so zwar auch im Buch, allerdings nur als verbitterte und typisch egozentrische Gedanken Cerseis in den Teilen, die aus ihrer Sicht geschildert worden sind.
Mir hat das überhaupt nicht gefallen, wird doch damit Jaimes intrinsische Motivation aus den Büchern zu einer extrinsischen. Er ändert sich nicht langsam, weil er selbstständig merkt, dass Cersei eine saublöde Kuh ist, sondern weil sie so asozial mit ihm umgeht. Damit wird diese wunderbar beschriebene Charakterentwicklung zu einer reinen Trotzreaktion auf Cerseis Arschigkeit. Und das ist unglaublich scheiße!!

Dennoch wird diese Entwicklung zum Guten wohl auch in der Serie so beschrieben werden – und genau deshalb ist die Vergewaltigung so schlimm. Die einzige Möglichkeit, das wieder hinzubiegen, wäre wirkliche, ehrliche Reue; wenn die Vergewaltigung ein letztmaliges Zurückfallen in alte, böse Verhaltensmuster gewesen wäre und der letzte Anstoß, den Jaime braucht, um sich vollends in Richtung „gut“ zu entwickeln. Zwar wäre das immer noch eine selten schreckliche und beschissene Art, seine Wandlung zu initiieren, aber es hätte wenigstens noch leidlich funktioniert.

Tja, ratet mal, warum das so nicht kommen wird?! Ganz genau: Weil der Sex ja EINVERNEHMLICH gewesen war! Und weil Arschloch-Regisseur Graves ja so dermaßen davon überzeugt ist, KANN Jaime seine Gewaltanwendung ja gar nicht bereuen. Warum auch, wenn es einvernehmlich war?!

Ist damit klar, warum die Szene so unendlich beschissen ist? Die Szene wird im Folgenden vermutlich ignoriert werden, eine wirkliche Auseinandersetzung wird nicht statt finden. Und Jaime wird sich von seiner schrecklichen Schwester abwenden, weil er ja so viel besser ist als sie, und zum Sympathieträger. Ein Vergewaltiger. Bravo. Einfach nur toll gemacht, ihr Vollidioten. This is how you ruin a character.

Gleichzeitig ist damit auch Cerseis Charakter total kaputt. Sie ist eine furchtbare Frau, eine arrogante Zicke, ein intrigantes Miststück, eine schreckliche Diplomatin und ein grausamer Mensch. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr hassen. Auch DAS haben die Macher versaut.
Natürlich kommen schon die Assis angekrochen, die meinen, Cersei hätte es halt verdient, eben weil sie so scheiße ist. So wie auch im echten Leben immer Rechtfertigungen gesucht werden, warum ein Vergewaltigungsopfer ja doch irgendwie selbst Schuld ist. Yay, victim blaming galore. Mal was ganz neues!!

Man mag argumentieren, dass dies ja auch Vielschichtigkeit sei – wenn man bösen Charakteren böse Dinge zustoßen lässt. Aber wisst ihr, das ist schwer. Offensichtlich ja ZU schwer für die Verantwortlichen. Zumal es vermutlich keine großartigen Auswirkungen auf Cersei haben wird, denn mit ihren vielen Hör-aufs hat sie ja zugestimmt. Meine Fresse, ist das einfach nur so schlecht!!

Somit wird des billigen Schockeffekts wegen mal eben so ein Bild dem Zuschauer implementiert, das für das fortgesetzte Leid vieler Vergewaltigungsopfer verantwortlich ist. Und MIR hat es den Spaß an einer meiner Lieblingsserien versaut. Das ist natürlich im Vergleich keine Tragödie, aber es kotzt mich trotzdem an. Und nun habe ich, obschon ich so lange geplant hatte, die Serie vor Vorwürfen zu verteidigen, das dringende Gefühl, die ganze Zeit im Hinblick auf die für die Handlung völlig unnötigen Nacktszenen, die vielen so bemüht expliziten Gespräche und dieses ganze Setting um Littlefingers Puff erstens etwas blauäugig und zweitens zu nachsichtig gewesen zu sein. Ich meine, wenn man sich als Mädchen in Jungsdomänen herum treibt (zumindest halten die Macher dieser Serie Fantasy offensichtlich für ein Jungsgenre), wie ich es schon mein ganzes Leben lang tue, dann muss man einiges hinnehmen. Man stumpft ab, verdreht nur die Augen, wenn Wonder Womans Titten mal wieder völlig überdimensioniert und unrealistisch gezeichnet werden oder Steel Panther von Schlampen und Nutten singen. Man akzeptiert den Fanboyservice in einer solchen Serie, auch wenn HBO das eigentlich nicht nötig hat und ganz klar ist, dass ein solcher Erfolg gar nicht möglich wäre, hätte die Serie nicht auch viele weibliche Fans.

Aber offensichtlich sind HBO seine weiblichen Fans egal, wenn sie es zu Anfang jeder Staffel gerade mal 13 Minuten (3. Staffel) bzw. 11 Minuten (4. Staffel) aushalten, bis die erste von Littlefingers Nutten ihre nackten Titten durchs Bild schwingt.

Und jetzt das. Eine für den Handlungsverlauf und die Charakterentwicklung völlig kontraproduktive Gewalttat, die angeblich keine ist, und darum auch nicht als solche behandelt werden wird, mit keinerlei Auswirkungen auf die Beteiligten. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Ich bin ehrlich: Ich werde mir die Serie weiter ansehen, weil der Rest einfach immer noch viel zu gut ist. Noch habe ich auch einen winzigen Rest Hoffnung, dass es anders weitergehen wird, als ich es hier vorhergesagt habe. Die neue Folge kommt schließlich schon heute Nacht und eine Frau hat Regie geführt. Ob das irgendwas ändern wird, bezweifle ich, zumal ich nicht weiß, wie die Serie gedreht wird (chronologisch oder parallel) und ob sie die Endfassung der letzten Folge überhaupt sehen konnte, bevor die 4. Folge gedreht worden ist. Möglicherweise hat sie sich auf die reine Beschreibung verlassen (müssen) und dachte auch, das alles wär ja so super einvernehmlich abgelaufen.

Aber ein Stück weit ist die Serie für mich nun wirklich ruiniert – und das finde ich so unglaublich scheiße.