20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

 

 

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:
 

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

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Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

„Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.

Desinformationspolitik. Level: Katholische Kirche

„Ich ficke keine Kinder. Die sind doch viel zu klein!“
– Fear and Loathing in Las Vegas

Ich müsste es ja langsam besser wissen, aber schon wieder habe ich mein halbes Wochenende damit verplempert, mich mit Idioten im Internet zu streiten.

Manche Dinge sind aber auch so hirnerweichend blöd und bösartig, dass man gar nicht anders kann, als sich entweder am Schreibtisch ein Schädelhirntrauma zuzuziehen oder stattdessen in die Tasten zu hauen. Jedenfalls kann ICH nicht anders.

Naja. Darüber werde ich irgendwann mal mit einem Therapeuten reden müssen. Bis dahin rege ich mich gerne weiter über sowas auf:

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche dürfte ja jedem ein Begriff sein und die erbärmlichen Versuche der Institution, jegliche Schuld an den Vorkommnissen von sich zu weisen ebenfalls, aber welche Qualität diese perfide Desinformationspolitik stellenweise annimmt, war mir jedenfalls neu.

Na gut, dass ja irgendwie nur Schwule Messdiener und so missbrauchen, habe ich tatsächlich schon öfter gehört, doch hielt ich das für die exklusive Meinung von verwirrten Zeitgenossen, die keinerlei Wissen über den großen Themenkomplex Missbrauch & Pädophilie ihr eigen nennen können.

Stattdessen scheint so ein homophober Bullshit tatsächlich sowas wie Lehrmeinung der Kirche zu sein. Und um das zu verteidigen, ziehen sogar in hohen Würden stehende Psychiater mit.

Zenit.org ist eine nichtkommerzielle Nachrichtenagentur, die sich der katholischen Kirche verschrieben hat. Als solche veröffentlichte sie vor fast drei Jahren den Artikel Pädophilie, Ephebophilie und Homosexualität: Eine Klärung, der mir just an diesem Wochenende unter die Finger gekommen ist.

Die Lektüre lohnt sich wirklich. Anlass des Artikels waren die Äußerungen von Kardinal Bertone, einem Typen, von dem die meisten wohl noch nie etwas gehört haben, außer vielleicht eben in Bezug auf genau diese von ihm ausgelöste Debatte vor knapp 3 Jahren, der aber innerhalb der Kirche in der Hierarchie nur nen schlappen Handbreit unter dem Papst steht. Dieser Mann hatte behauptet, die meisten Missbrauchsfälle gingen nicht auf das Konto von Pädophilen, sondern von Homosexuellen, die sich perfiderweise unter die, äh, „normalen“ Priester gemischt hätten.

Weil so eine… These heutzutage natürlich nicht lange unkommentiert bleibt und viele Leute das irgendwie nicht so gut fanden, sah sich zenit.org dazu verpflichtet, mit einem Artikel Klarheit zu schaffen.

Ich spiele mal den Spoiler: Der Artikel ist Rotz.

Kardinal Bertone habe sich mit Sicherheit auf die Ephebophilie bezogen, so Cantelmi, das heißt auf das sexuelle Interesse für Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. „Und der Großteil der sexuellen Missbräuche durch Kleriker betrifft vor allem nachpubertäre Minderjährige, wobei die Täter homosexuell sind”, so Cantelmi.

Hier direkt der erste Fehler. Nur weil ein Psychiater behauptet, bei diesen Fällen von Pädophilie würde es sich in Wahrheit um Ephebophilie (was Wort!) handeln, stimmt das nämlich leider noch lange nicht. Die Altersangaben sind schlicht falsch. Allgemein wird nämlich als Zielalter für Ephebophilie ein Alter zwischen 17 und 20 angenommen.

Das muss man aber nicht mal wissen, um den offensichtlichen Unsinn zu erkennen. Wer sich an seine Zeit in der 5. Klasse zurückerinnert, wird vielleicht noch wissen, dass die Jungs damals noch allesamt wie glattwangige Chorknaben mit glockenhellen Stimmchen daher kamen. Natürlich gab es auch in jeder Klasse immer diesen einen Typen, der schon jeden Lehrer überragte und nach der Schule die Gilette-Klingen im DM-Markt nicht mit sehnsüchtiger Skepsis, sondern grimmigen Fatalismus betrachtete, weil er wusste,  dass es spätestens zum nächsten Weihnachten so weit sein würde, aber das ist ja egal. Solche Jungs sind die Ausnahme – denn bei den wenigsten setzt die Pubertät so früh schon ein.

Das weiß auch der DSM-IV, ein international anerkanntes Klassifikationssystem zu psychischen Störungen. Aus diesem Grund gilt im DSM-IV ein Mensch als Pädophiler, der ein sexuelles Interesse an Kindern im Alter von 13 Jahren oder jünger hat.

Um das nochmals zu betonen: Laut dem „Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen“ erzählt Professor Cantelmi Scheiße, wenn er die untere Altersgrenze zur Ephebophilie so niedrig ansetzt. Da fragt man sich doch, ob der gute Prof während seines Studiums mal in Kontakt mit dem DSM-IV gekommen ist?

Natürlich hat der DSM-IV seine Kritiker. Auch muss man sich fragen, ob es einen Pädophilen, der sich im Schwimmbad sofort in den süßen kleinen Kevin und seine glatten Achselhöhlen verliebt, großartig interessiert, dass der ein bedauerlicher Spätzünder und schon vierzehneinhalb Jahre ist. Aber in diesem Bereich kommt man nun mal ohne Kategorisierungen nicht aus, vor allem, wenn es juristisch wird, und dann muss man sich eben auf Mittelwerte stützen, die leider nur ungenügend abbilden, dass der Mensch und seine Entwicklung individuell ist, aber nun mal alternativlos sind.

Definitiv festhalten kann man dennoch, dass der DSM-IV mit seiner Altersgrenze der Wahrheit wohl wesentlich näher kommt als Professor Cantelmi, der hartnäckig darauf besteht, gerade rechtzeitig zu dieser Debatte eine ganz eigene Einteilung treffen zu dürfen.

Was bleibt, ist der meiner Meinung nach leicht durchschaubare, dabei tendenziöse Versuch, Ephebophilie (und damit AUCH Homosexualität) eben doch in Richtung Pädophilie zu drängen, da von „nachpubertären Minderjährigen“ die Rede ist, mit der Altersangabe aber bei den meisten Lesern Assoziationen von halbwüchsigen Jungs geweckt werden.

Da hilft es wenig, wenn er das

Der Psychiater hält fest, dass Pädophilie nichts mit Homosexualität zutun hat. „Die Pädophilie ist eine Krankheit, eine schwere Perversion, die nicht an die sexuelle Ausrichtung gebunden ist.“

nur kurz darauf wieder abstreitet.

Nachtrag (5. März): Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ein gewaltiges Problem bei dieser Argumentation habe ich doch glatt übersehen. Klar gibt es Jungs, die schon mit 11 in die Pubertät kommen, wie der Typ, der diesen Artikel an anderer Stelle lieferte, mir so abfällig bescheinigte, als hätte er eine Idiotin vor sich, aber wie viele sind in dem Alter wohl schon nachpubertär und damit interessant für Ephebophile?
Genau: keine!!

Cantelmi betonte, dass die Ursache für Pädophilie nicht der Zölibat sei. Der pädophiles Verhalten auslösende Faktor bestehe in einer Störung der Persönlichkeit. Diese sei im Allgemeinen narzisistischer und bösartiger Natur und stehe in Verbindung mit extrem manipulierenden Menschen, bei denen ein antisoziales und sadistisches Profil zu erkennen sei.

Kompletter Nonsens, allerdings werden hier schöne Klischees bedient (und das wollen die Leser ja, ne): Der Pädophile als Monster.
Pädophile sind keine Monster per se. Vielen Pädophilen ist vorrangig der Wunsch einer engen, zärtlichen Beziehung zu Kindern gegeben, in der viele übrigens sexuelle Erfüllung finden können, ohne überhaupt sexuelle Handlungen vor oder an dem Kind ausführen zu müssen (Michael Jackson scheint mir ein solcher gewesen zu sein). Den meisten ist sehr am Wohlergehen des Kindes gelegen und das ist wohl das Gegenteil von Bösartigkeit. Wen das genauer interessiert: klick

Nichtsdestotrotz ist pädophiles Verhalten natürlich in keinster Weise akzeptabel, auch wenn mein ganzes Mitgefühl den Pädophilen gilt, die gegen diesen ihnen angeborenen Drang verzweifelt ankämpfen. Wer ihm nachgibt, hat mein Mitgefühl selbstverständlich verspielt.

Man mag davon ausgehen, dass gerade die Menschen, die ihre Pädophilie ausleben (in Gegensatz zu denen, die es nicht tun)
1. einen stärkeren Trieb haben und/oder
2. weniger Empathie mit dem missbrauchten Kind verspüren und daher erfolgreicher darin sind, ihr schlechtes Gewissen zu unterdrücken. Aber geringe Empathie hat weder etwas mit Narzissmus, noch mit antisozialen/psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder Sadismus zu tun. Umgekehrt schon – Narzissten, Psychopathen und Sadisten geht Empathie völlig ab. Aber es ist ein Fehlschluss, von geringer Empathie auf die genannten Störfelder zu schließen. Oder ist etwa jedes kleine Arschlochkind, das seine Mitschüler in der Schule mobbt,ein Psychopath?

Psychopathen und Sadisten gibt es in jeder sexuellen Orientierung und einige sind sicher auch pädophil, aber jeden Pädophilen als Psychopathen zu bezeichnen, ist grob falsch und ekelhaft polemisch, um das verzerrte Bild der jubelnden Massen vom sinisteren Pädophilen zu bedienen.

Wer sich fragt, warum ich so gegen diese pauschale Verurteilung von Pädophilen bin, obwohl die doch so viele Gründe liefern, sie zu hassen: Ich finde, ein solches Bild in der Öffentlichkeit erschwert die Therapiearbeit und führt letztendlich zu mehr Übergriffen auf Kinder durch untherapierte Pädophile.

Prof. Cantelmi betonte des weiteren, dass die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft zu einem Punkt eine einheitliche Meinung vertrete: „Es gibt keinen Beweis, aufgrund dessen gesagt werden könnte, dass der Zölibat die Basis der Pädophilie ist. Der Zölibat hat damit nichts zu tun.”

Da hat er sogar Recht: Das Zölibat macht Männer nicht pädophil. Allerdings sind die meisten Täter sexuellen Missbrauchs ja auch nicht pädophil, sondern bedienen sich den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen als sogenanntes Ersatzobjekt. Und da spielt das Zölibat schon eine Rolle.

Es wird somit deutlich dass das Phänomen des sexuellen Interesses an Kindern und Jugendlichen (Pädophilie und Ephebophilie/Parthenophilie) zweifellos von homosexuellen Neigungen und homosexueller Praxis zu unterscheiden ist.

Ich glaube, das ist mein liebster Absatz (und das nicht nur wegen des fehlenden Kommas vor dem „dass“)!

Der Meinung zu sein, Männer, die sich an Elfjährige ranmachen, seien nicht pädophil oder auch nur, äh, ersatzhandelnd, sondern schwul – geschenkt. Die Meinung KANN man in einem solchen Artikel vertreten, wenn man keine Ahnung hat. Aber es ist was GANZ anderes, sich innerhalb einer Argumentationskette selbst zu widersprechen – und genau das tut der Artikel hier.

Hat der werte Prof. Cantelmi nicht just etwas weiter oben so zufriedenstellend herausgearbeitet, dass Ephebophilie eine homosexuelle Spielart ist? Und jetzt wieder doch nicht? Äh-häm.

90% aller Pädophilen sind heterosexuell, verheiratet und von gehobener Kultur.

…wow.

Echte Pädophile sind nicht heterosexuell, sondern – tada! – pädophil. Und innerhalb der pädophilen Störung fühlen sich fast genauso viele männliche Pädophile zu Mädchen wie zu Jungs hingezogen (in geringerem Umfang auch zu beiden Geschlechtern im gleichen Maße). Es gibt also annähernd genauso viele heterosexuelle Pädos wie homosexuelle, dazu kommen die bisexuellen.

Vielleicht denkt der gute Cantelmi an eine durchaus interessante Diskussion innerhalb der Fachwelt darüber, ob man weiterhin „Pädophilie“ oder „Pädosexualität“ sagen soll. Da „-philie“ irgendwie etwas zu niedlich und verharmlosend klingt, hätten viele Opfer es lieber, wenn man stattdessen „-sexualität“ nimmt, während andere Opfer auch dagegen sind, da sie (und, traurigerweise, auch viele Täter, die sind dann aber dafür) dies als Schritt zur „Normalisierung“ dieser Störung auffassen. Sprich, Pädophilie wird mit der Form „Pädosexualität“ in eine Reihe gestellt mit den normalen, nichtgewalttätigen Formen der Sexualität (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität).

Die Verteidiger dieser Umbenennung argumentieren, dass hiermit die Definition präzisiert wird: Laut ihnen wären Pädosexuelle dann Menschen, deren Präferenz sich ausschließlich auf Kinder bezieht, Pädophile allerdings Menschen, die eine andere Sexualität haben, aber Kinder halt irgendwie auch ganz geil finden (Beispiel: Ich bin heterosexuell, aber leicht homophil, da ich gewisse nackte Frauenkörper recht erotisch finde, auch wenn ich niemals mit einer Frau schlafen wollte).

Sollte Prof. Cantelmi diese Unterscheidung, die sich allerdings weder in normalen Sprachgebrauch, noch in der Fachliteratur endgültig durchgesetzt hat, im Kopf gehabt haben, als er diesen Satz sagte, könnte man mit viel guten Willen die Behauptung, Pädophile seinen heterosexuell, noch durchgehen lassen, wobei ich die Zahl 90% dennoch für unbelegten Schwachsinn halte. Da der gesamte Artikel vorher aber immer nur von Pädophilen redete und damit eigentlich Pädosexuelle meinte, wäre das trotzdem im besten Falle unpräzise, im schlechtesten Fall schlichter Bullshit.

Und natürlich sind Menschen, die pädosexuell sind, aber heterosexuell leben, weil sie das nicht ausleben wollen, trotzdem pädosexuell (im weiteren Text werde ich wieder zum gebräuchlicheren „pädophil“ wechseln). Jahrhundertelang haben Homosexuelle geheiratet und Kinder bekommen, weil sie ihre Sexualität nicht ausleben durften und es sicherer war, sich mit einer „normalen“ Beziehung zu tarnen, das machte sie aber innerlich trotzdem nicht heterosexuell.

Bei dem Rest kann ich nur den Kopf schütteln. Pädophile sind grundsätzlich höher gebildet? Soll das jetzt Akademikerbashing sein oder was? Wie passt das denn mit der zuvor bescheinigten antisozialen Persönlichkeitsstörung zusammen? Oder bezieht er sich hier auf die Irren, die in der jüngeren Vergangenheit Pädophilie als normale Spielart der menschlichen Sexualität anerkannt sehen wollten? Wobei sich die Frage stellt, ob das alles Kernpädophile waren (eher nicht)? Sehr mysteriös!

Gleichzeitig ist der unabhängigen statistischen Studie des „John Jay College of Criminal Justice” der „City University of New York” aus dem Jahr 2004 zu entnehmen, dass 81 Prozent der Kleriker, die zwischen 1950 und 2002 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagt wurden, homosexuelle Neigungen hatten.

So, und hier wären wir also bei der dreckigsten Lüge im gesamten Pamphlet angekommen!

Wollt ihr wissen, wie diese 81% zustande kommen? Ganz einfach: Die Studie fand heraus, dass 81% der Missbrauchsopfer männlich waren. Und daraus macht diese ekelhafte Propagandaseite dann eben mal Opfer homosexuellen Missbrauchs, obwohl der größte Teil (60%!!!) der Opfer (männlich und weiblich, hier wird leider nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt, aber in Bezug auf Pädophilie ist das ja auch egal) 13 Jahre oder jünger waren.

Edward Norton war schon 27, als er im Film "Zwielicht" missbraucht worden ist. Der übrigens viel besser ist als "Twilight".

Edward Norton war schon 27, als er im Film „Zwielicht“ missbraucht worden ist. Der übrigens viel besser ist als „Twilight“.

Das passt weder zur gängigen Definition von Pädophilie (13 Jahre oder jünger), noch zu Cantelmis exklusiver Definition von Ephebophilie (ab 11, über 20% der Opfer waren 10 Jahre oder jünger!)!! Nicht mal, wenn man annimmt, dass alle Opfer unter 11 Jahren nur Mädchen waren, was natürlich völliger Blödsinn ist!

Es ist mir persönlich völlig unbegreiflich, wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, eine ziemlich einfache Statistik so dermaßen falsch wieder zu geben!

Der Rest des Textes ergeht sich in homophoben, dabei paradoxen Gewäsch, welches darin besteht, Homosexuelle einerseits für untauglich zum Priesteramt zu erklären (“immerhin ficken die unsere jungen Messdiener!!!!einself”), andererseits aber in ach so einfühlsamer Weise die Diskriminierung von Homosexuellen ablehnt, weil die Schätzchen dafür ja nichts können (das MÜSSEN sie schreiben: Sie können ja nicht behaupten, Pädophile wären so schon geboren, um abstreiten zu können, dass das Zölibat daran schuld ist, dann aber behaupten, Homosexualität wäre eine „Entscheidung“). Am Ende steht dann noch ein Rundumschlag gegen Sexualität an sich:
Der Aufruf zur Keuschheit stellt somit keinen „Sonderfall für Homosexuelle” dar, sondern betrifft den gesamten Umgang der menschlichen Sexualität, die sich allein in der Ausrichtung auf die wahre Freiheit verwirklicht.

Damit wäre ich am Ende (sprichwörtlich, so viel abartige Lügen machen mich müde). Ich möchte betonen, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen keinesfalls nur ein Problem innerhalb der katholischen Kirche ist, aber mit solchen Artikeln gewinnen die Ereignisse nachträglich noch eine ganz neue Qualität!

Lustigerweise kam der John Jay Report, der so großspurig herangezogen worden ist, um die Thesen zu untermauern, zu nachfolgenden Fazit:

The John Jay report identified the following factors contributing to the sexual abuse problem:
– Failure by the hierarchy to grasp the seriousness of the problem.
– Overemphasis on the need to avoid a scandal.
– Use of unqualified treatment centers.
– Misguided willingness to forgive.
– Insufficient accountability.

An wie viel Realitätsverweigerung muss man leiden, um solche Studien zu zitieren und für sich positiv auszulegen?

Der bedauernswert kirchenhörige Typ, der mir diesen Artikel lieferte, fragte höhnisch nach meiner Expertise, als ich ihm sagte, dass ich ihn scheiße finde.
Ich denke, man kann festhalten, dass meine Expertise darin besteht, auch andere Texte als solche, die von der Kirche abgesegnet sind, lesen zu können!

#aufschrei: Ein dummes Lämmlein blökt zurück

Nerdbarbie hat mir unter meinem letzten Blogpost den Artikel Das Schreien der Lämmer von Frau Meike geliefert. Als ich ihr meine ausführliche Meinung dazu posten wollte, merkte ich, dass dies den Rahmen der Kommentarspalte eindeutig sprengt, sowohl hier, als auch bei Frau Meike. Dennoch möchte ich Frau Meike darlegen, warum ich ihren Artikel, O-Ton, „ziemlich schlecht“ fand – gerade weil er in der  momentanen Sexismusdebatte immer wieder als sachliche Gegenstimme zitiert wird, obwohl er in meinen Augen zahlreiche nicht zu übersehende Schwächen hat.

Liebe Meike,

dein Blogpost hat mir leider einige Ansätze geliefert, die ich so auf keinen Fall unterschreiben kann, weshalb ich ihn, wenn auch nicht unbedingt vom Grundgedanken, jedoch von der Ausführung her nicht gut finde. Ich möchte dir erklären wieso.

Beginnen wir mit deinem ersten Kritikpunkt, Die Verquickung von z.B. Sexismus und Kindesmissbrauch, Sexismus und Vergewaltigung, Sexismus und körperlichen Übergriffen. Hier hältst du fest, dass sexuelle Gewalt bagatellisiert würde, wenn man sie mit Sexismus in einem Topf wirft. Kindesmissbrauch und Vergewaltigung seien ja viel schlimmer, ein Verbrechen.

Hier direkt zwei Probleme.
Erstens: „Sexismus ist kein Verbrechen“ – das kann man so nicht sagen. Im Grundgesetz ist der Schutz vor Sexismus verankert. Je nachdem, wer sich wo und wie sexistisch äußert oder handelt, kann ganz empfindliche Strafen erhalten – beispielsweise der Chef, der einen Mann befördert, obwohl eine Frau da wäre, die besser qualifiziert wäre. Die Arbeitsgerichte sehen sowas gar nicht gern!
(Falls du jedoch „Verbrechen“ im juristischen Sinne meinst, dann sei dir gesagt, dass sexueller Missbrauch von Kindern nach §176 StGB auch nur in schweren Fällen ein Verbrechen ist)

Zweitens: Du kritisierst die Vermengung der Begriffe, ohne deinerseits eine ordentliche Definition zu liefern. Nach dem, was du schreibst, kann man aber leider nicht davon ausgehen, dass du weißt, worum es sich bei den genannten Taten im einzelnen genau handelt. Sexuelle Gewalt scheint bei dir irgendwie nur als „Penis in Vagina“ zu existieren.
Alles andere ist bagatellisierend? Tja, sexuelle Gewalt ist aber viel mehr. Auch Kindesmissbrauch ist viel, viel weitgehender, der kann sogar schon anfangen, wenn das Kind nicht mal berührt wird. Bei vielen Missbrauchsfällen kommt es nie zur Penetration… und wenn, ist das schon schwerer Missbrauch. Wissen die meisten nicht, ist aber so.

Ist jeder Vergewaltiger ein Sexist? Spontan würden das wohl viele bejahen, aber wenn man etwas drüber nachdenkt, muss man wohl zum Schluss kommen, dass diese Einschätzung zu einfach ist. Bei manchen mag das sicher zutreffen, aber die meisten Vergewaltiger werden sich über ihre Opfer nicht hermachen, weil sie Frauen sind und Frauen für sie per se weniger wert sind, sondern weil sie sich einfach nicht unter Kontrolle haben. Für viele steckt da wohl kein richtiges Schema dahinter – zumindest keines, dem sie sich bewusst sind.

Ist jeder, der Kinder missbraucht, ein Sexist? Das wohl noch weniger. Echten Pädophilen ist es scheißegal, ob ihr Opfer männlich oder weiblich ist, es zählt allein die Kindlichkeit. Und der große Rest, der Kinder missbraucht, tut dies einfach, weil sie – die Kinder – gerade da sind; sie werden zum „Ersatzobjekt“. Das Geschlecht ist beim Kindesmissbrauch recht nebensächlich, auch wenn immer noch mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden.

Damit kommen wir zur sexuellen Belästigung, die deiner Meinung nach überhaupt nichts mit Sexismus zu tun hat. Ich mach es kurz: Du liegst falsch. Wer mich „Fotze“ nennt oder mir ungefragt an die Brüste packt, während er schmierig grinst, macht sich nicht nur juristisch der Beleidigung bzw. der sexuellen Belästigung schuldig, sondern zeigt ausgeprägte sexistische Züge. Ein mir entgegen geschleudertes „Fotze“ dient nicht der sexuellen Befriedigung des Täters, sondern soll mich einfach nur demütigen, mich in meiner Weiblichkeit abwerten, indem ich auf mein primäres Geschlechtsorgan reduziert werde, ich zu einem Loch werde, womit systematisch und gewollt meine Grenzen überschritten werden.

Was ist Sexismus, wenn nicht das?

Was dir irgendwie gar nicht auffällt: Mit der Forderung, doch bitte beim Thema Sexismus zu bleiben und die „Schlagworte nicht zu verquicken“, verbietest du im Grunde den Opfern sexueller Gewalt (für dich also lediglich Vergewaltigungsopfer und als Kind sexuell missbrauchte Menschen), sich bei der #aufschrei-Aktion zu äußern, die nun mal unter dem Titel „Sexismusdebatte“ in die Mediengeschichte eingehen wird, da beides ja in deinen Augen nichts (und wie du siehst, in meinen auch nicht so wirklich) mit Sexismus zu tun hat. Aber wer bist du, Frauen, die jahrelang still gelitten haben, zu sagen, dass sie jetzt bitte nicht im Eifer des Gefechts mit der Teminologie durcheinander kommen sollen? So von wegen Ohrfeige ins Gesicht aller Opfer?

Wenn eine Vergewaltigung und ein Kindesmissbrauch schon nicht sexistisch sind… der ständige Druck auf die Opfer, doch bitte nicht so ein Fass aufzumachen, ist es schon. Pola Kinski kann ein Lied davon singen.

Bei deinem zweiten Punkt, Das Ignorieren unterschiedlicher Wahrnehmungen fragst du dich, was sexistisch ist und was nicht und bringst Beispiele.
Ich finde den Punkt unnötig: Die Frauen, die bei #aufschrei mitmachen, empfanden die geschilderten Aktionen wohl in jedem Fall übergriffig, sonst würden sie ja nicht davon berichten. Es ist doch völlig egal, ob das nicht der Fall gewesen wäre, wenn die übergriffige Person eine andere gewesen wäre.
Ich habe auch einige Vorfälle gelesen, die ich nicht als Übergriff empfunden hätte, wenn sie mir passiert wären. Aber das ändert ja nichts an der Wahrnehmung der Frau, die es erlebte. Für eine Beurteilung vor Gericht wäre dieser Maßstab freilich nicht ausreichend.

Am Ende bleibt aber dennoch: Wenn hier jemand unterschiedliche Wahrnehmungen ignoriert, dann bist das doch leider du.

Dein Punkt drei, Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen, ist mir auch absolut zu pauschal. Klar soll man lernen, sich zu wehren, aber wenn ich einem Kerl, der mir an den Busen grabscht, eine Ohrfeige verpasse, ändert das nichts daran, dass dieser Busengrabscher passiert ist und sich nicht rückgängig machen lässt. Vielleicht für die nächste Frau, vor deren Linse er gerät, aber mir persönlich bringt es nichts (außer Genugtuung), zumal man sich in unserer verdrehten Gesellschaft dann auch noch vorwerfen lassen muss, man wäre gewalttätig.

Ich mag das Wort „Verantwortung“ in diesem Zusammenhang nicht. Liegt es in meiner Verantwortung, wenn ein Mann mich begrabscht? Nein, das war seine eigene und exklusive Entscheidung. Nicht mal meine Klamotten kann man dafür verantwortlich machen, denn ich kleide mich nicht sehr weiblich.

Von wegen, Frauen sollen bei der Beseitigung des Problems auch mal tätig werden – ähm, das wird doch gerade gemacht!? Aber das ist auch wieder nicht richtig. Es wäre doof, Männern einfach zu sagen, dass sie sich ändern sollen. Aber warum soll ICH mich ändern, damit Männer mich nicht mehr begrabschen? Ich hab doch gar nichts gemacht!
Also: Wehren ja, wehren ist toll! – aber die Verantwortung für einen Übergriff hat niemand sonst als der Übergriffige selbst!

Schön finde ich es auch, dass du diese vielen Tweets liest und einfach so davon ausgehst, dass sich die Betroffenen in keiner Situation gewehrt haben. Steht das dabei? Nee, das erfindest du dazu.
Davon ab: Wie soll man sich in allen Situationen wehren? Manche geschehen so plötzlich, so schnell, so unerwartet, dass man einfach nur zur fassungslosen Salzsäule erstarrt. Wie soll ich mich wehren, wenn mir jemand aus einem vorbeifahrenden Auto „Ey Schlampe, zeig mal deine Titten“ entgegen brüllt? Ich bin nicht schneller als ein Auto!

„Man soll miteinander reden“, schreibst du, da die Männer ja nicht wissen können, ob sie sich noch auf angemessenen Flirtterrain bewegen oder doch schon übergriffig sind. Sorry, aber wie einfach kann man es sich eigentlich machen? Wer mich „Schlampe“ nennt oder mir in die Brust zwickt, dem muss ich doch wohl nicht erst erklären, dass ich sowas nicht als Auftakt zu einem aufregenden Flirt empfinde!

Verantwortung sollen doch bitte die Männer übernehmen, die sowas für normale Umgangsformen halten!

Dein Punkt vier, Die Opferhaltung vieler Frauen, die sich in der Debatte äußern zeigt ein Problem auf, das mich auch immer wieder ankotzt, nämlich die durch und durch negative Konnotation des Wortes „Opfer“. Es klingt immer so, als wären Opfer schwächliche, kleine Mäuschen, die nur ihr Gesicht in den Armen vergraben und gar nichts machen können.

Ich bin kein Mäuschen, aber wenn ich sexuell belästigt werde, bin ich trotzdem ein Opfer, nämlich eines der sexuellen Belästigung. Das ist für mich völlig wertfrei!

Victim Blaming, Opferbeschuldigung, sagt schon viel aus, nur ist es meistens nicht auf das konkrete Ereignis beschränkt, indem man dem Opfer eine Mitschuld zuschiebt und ihm damit Komplizenschaft unterstellt („Na, wenn du SO rumläufst…!“ – „Selbst Schuld, wenn du nachts allein unterwegs bist“ – „Du hast bestimmt falsche Signale gesendet“) sondern man wird schon einfach so beschuldigt, nur weil man Opfer ist. Man ist scheiße, weil ein anderer Mensch sich dazu entschlossen hat, einen anzugreifen. Classic!

Ich bin mit dir einer Meinung, dass Frauen öfter mal auf den Putz hauen und sich wehren sollten. Aber DAS geht in meinen Augen nicht klar. Auch geht es nicht, dass du deine Geringschätzung echten Opfern gegenüber damit begründest, noch nie selbst in solche Situationen gekommen zu sein. Du schreibst das, als wärst du stolz darauf, als wäre das dein eigener Verdienst. Aber das ist es nicht – du hast, falls das stimmt, einfach nur Glück gehabt.

Netzwertig meldet, dass in nur zwei Tagen 25.000 Tweets mit dem Hashtag #aufschrei über den Schirm gelaufen sind. Weißt du wahrscheinlich, denn du wurdest mit deinem „differenzierten Blickwinkel“ verlinkt.

Jetzt überleg mal: 25.000 Tweets, „ohne Spam“! Was das für ne Masse ist!

Natürlich kann man die nicht alle zählen. Ich nehme an, Trolle wurden nicht herausgefiltert, wie sollte das auch gehen? Dafür müsste man jeden Tweet einzeln lesen.
Nehmen wir mal (ganz hoch angesetzt) an, bei drei Fünfteln der Tweets handelt es sich um Trollerei oder um Aphorismen. Dann bleiben immer noch 10.000 Geschichten von Frauen und den sexuellen Übergriffen, die sie erlebt haben. Nach deiner eigenen Schätzung („60% der Schilderungen fand ich erschreckend, der Rest Pillepalle“) sind das immer noch 6000 Tweets, die schockierende Erfahrungen mit sexueller Gewalt zum Thema haben! Und das in zwei Tagen! Kannst du mit dieser Zahl vor Augen immer noch so relativieren, wie du es in deinem Blogpost getan hast?

Dazu möchte ich anmerken: Ich kenne niemanden persönlich, der Twitter benutzt. Keine einzige meiner Freundinnen ist bei Twitter. Twitter ist für mich eine Randerscheinung, ein Special Interest für Leute, die sich ohnehin überwiegend im Netz aufhalten und es mitgestalten. Meine Freundinnen nutzen das Internet, um Nachrichten zu lesen, Youtubevideos zu kucken, Konzertkarten oder Flugtickets zu bestellen, Rezepte zu suchen, auf Facebook rumzugammeln, was bei Wikipedia nachzuschlagen, nach der korrekten Rechtschreibung eines Wortes zu suchen oder Antworten auf Fragen wie „Wie entfernt man Kaugummi aus Haaren?“ oder „Darf man Spülmittel in die Spülmaschine tun?“. Das wars. Und meine Freundinnen sind damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Deutschen, ob Frau oder Mann, nutzen Twitter nicht. ICH habe Twitter nicht genutzt. Konkrete Zahlen sind schwer zu bekommen, aber es ist unübersehbar, dass Twitter im Vergleich zu Facebook und Co. gewaltig abstinkt.

Trotzdem diese vielen Beiträge. In zwei Tagen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Versicherung, dass man SELBST nie sowas erlebt hat.
Ganz ehrlich: Ich glaube dir das nicht. Bist du wirklich noch nie „Schlampe“ oder ähnliches genannt worden? Hat noch nie ein Mensch, den du nicht mal kanntest, eine unangemessene Bemerkung über dein Aussehen oder deine Brüste oder Hintern gemacht?
Wenn es wirklich so ist: Herzlichen Glückwunsch. Ich beneide dich. Nur muss  ich dir leider sagen: Das ist vollkommen egal. Kaltmamsell hat dazu einen wunderbaren Artikel geschrieben, den du dir mal zu Gemüte führen solltest. Sie schreibt ebenfalls, dass sie sowas noch nie erleben musste, aber kommt zu einem komplett anderen Schluss. Ihrer lautet: „Es geht nicht um mich.“

Wenn es tausende Frauen allein auf Twitter, dem Minderheitenmedium, gibt, die von ihren Erlebnissen berichten, dann ist es doch völlig unwichtig, dass du sowas noch nie erlebt hast. Das beweist gar nichts, höchstens, wie gesagt, dass du ein besonderes Glückskind bist. Aber damit hast du nicht den Beweis geliefert, dass sexuelle Gewalt in Deutschland kein Thema ist. Nein, du hast lediglich den Männern in die Hände gespielt, die tausend Tweets mit Leichtigkeit ignorieren können, solange nur eine Frau sich hinstellt und sagt: „Das ist doch gar nicht schlimm.“

Bei Punkt 5, Nicht alles ist Sexismus, stimme ich dir bis zu einem gewissen Grad zu, aber ich glaube, das ist schlicht und ergreifend momentan egal. #aufschrei ist zu einem Selbstläufer geworden, der keinen klaren Richtlinien unterworfen ist, weil die Erfinderinnen niemals auch nur im Traum erwartet hätten, was für eine Lawine sie da lostreten könnten. Das in dieser Debatte, wie in eigentlich jeder Debatte, nicht alles astrein läuft und dass vieles möglicherweise auch übertrieben wird, liegt in der Natur der Sache. Dieser einzigartigen, großartigen Sache, die so viele Frauen dazu gebracht hat, endlich ihr Schweigen zu brechen und damit auf eine Weise tätig zu werden, die du einerseits forderst, andererseits aber verurteilst. Wenn dabei teilweise über das Ziel hinaus geschossen wird – sei es drum! Momentan will sich jede nur Luft machen und das ist auch dringend nötig. Niemand will Männer verletzen, die sich Frauen gegenüber respektvoll verhalten und von den ganzen geschilderten üblen Vorfällen tief betroffen sind (schämen müssen die sich übrigens nicht – warum auch, wenn sie nichts gemacht haben?).

Ich finde #aufschrei einfach gigantomanisch. Vielleicht könntest du dich darauf mehr einlassen, wenn du mal über folgendes nachdenken würdest: Nicht alles ist KEIN Sexismus.

Damit bin ich fast am Ende, habe aber noch eine letzte Frage. Du schreibst direkt zu Anfang:

Dennoch möchte ich sagen, was mich wütend macht und warum.

Du hast mit mehr oder weniger schlüssigen Argumenten dargelegt, was dich an der Debatte gestört hat, aber das Warum hast du nicht beantwortet. Daher noch mal die Frage: Warum macht dich das so wütend? Warum kannst du nächtelang deswegen nicht schlafen? Warum heulst du deswegen? Warum schreibst du sechs Stunden lang an einem Blogpost, der einzig zum Ziel hat, diese Aktion schlecht zu reden? Warum nutzt du die letzten Sätze deines Posts, um deine übertriebene emotionale Betroffenheit herauszustellen?

Was stört dich denn so daran, wenn Frauen endlich gemeinschaftlich von Übergriffen sexueller und sexistischer Art berichten, die nicht okay sind, egal wie oft sie noch relativiert werden?

Ich fürchte, dieser Post wird dir nicht gefallen. Es lag mir fern, dich zu beleidigen, auch wenn ich mich selbst von deinem Post ein wenig beleidigt gefühlt habe. Das Beste daran war leider der Titel.

Sorry.

lg
Robin

Edit: Mehr Contra: 

Haltungsturnen: Derailing und die Lämmerfrage
Frau Elise: Wir sind keine Lämmer
Und allgemein:
Natalie: Aufschrei-Argumente
Journelle: Danke #aufschrei