„Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Hilfe.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 1. August 2017 bei „Die Kolumnisten“

Diesen Satz habe ich die letzten Tage so oder ähnlich dutzende Male gelesen. Er findet sich zusammen mit den Nummern der Telefonseelsorge am Ende fast jeden Artikels zum Tode Chester Benningtons, der sich am 20. Juli das Leben genommen hat. Dieser kleine Zusatz ist die wohl sichtbarste Maßnahme, zu der sich viele Redaktionen seit Jahren selbstverpflichtet haben, um den Werther-Effekt zu vermeiden.

Der Werther-Effekt: Benannt nach Goethes tragischer Romanfigur beschreibt er die messbare Zunahme der Selbstmordrate in der Bevölkerung nach Suizidmeldungen. Aus diesem Grund empfiehlt der Deutsche Presserat, über Selbstmorde nur zu berichten, wenn sich das – wie bei einem Musiker mit Millionen Fans – nicht vermeiden lässt. Für solche Fälle gibt es wiederum einen von der Deutschen Depressionshilfe heraus gegebenen Katalog mit Richtlinien, welche die Gefahr der Nachahmung minimieren.

Nachahmungstaten sind tatsächlich deutlich zurückgegangen, seitdem sich zumindest die seriösen Medien daran halten. Der Grund ist offensichtlich. Wer will sich schon vorwerfen lassen, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein, noch dazu, wenn diese psychisch krank sind? Also werden Details zur Tat ausgespart, bei der Berichterstattung Distanz gewahrt, Hilfsangebote ergänzt. Und während der Richtlinienkatalog vorbildlich befolgt wird, erklärt man Kollegen und Lesern auch gleich wieso. Schreiben über den Werther-Effekt – sehr meta, aber auf diese Gefahr muss einfach hingewiesen werden.

„Hier finden Sie Hilfe.“ Leider kann ich nicht sagen, wie viele Selbstmorde durch dieses mustergültige Beispiel journalistischen Verantwortungsbewusstseins verhindert worden sind. Ich weiß nur, dass in den neun Tagen zwischen Benningtons Tod und dem Schreiben dieser Zeilen 246 Menschen in Deutschland Selbstmord begangen haben.

Mediale Belanglosigkeit

Zweihundertsechsundvierzig, im Schnitt natürlich. 27 jeden Tag, einer alle 53 Minuten. Insgesamt 10.000 jährlich. Die Zahl der versuchten Selbstmorde ist zehnmal so hoch, Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch diese Zahlen liefert die Deutsche Depressionshilfe, sie stammen aus demselben Medienguide, in dem auch der Werther-Effekt beschrieben wird. Doch während die Infos dazu aufgeregt geteilt werden, ist diese unglaublich hohe Zahl an Selbstmorden keine große Meldung wert. Wieso auch, die Rate schwankt seit Jahren kaum und anders als die Tode durch den Werther-Effekts kann ein Journalist diese ja wohl nicht verhindern. Leute bringen sich eben auch um, ohne dass ein Star ihnen das vormacht. Leider.

Als depressiver Mensch, wie ich einer bin, leidet man ja zeitweise unter der fixen Idee, ein wertloser Schwächling zu sein. Bei all der Unwissenheit und Ignoranz, die sich nach Benningtons Tod wieder Bahn brach, ist das auch sehr leicht. Depression? Jeder ist doch mal traurig. Reiß dich halt zusammen!

Margarete Stokowski hat vor einigen Tagen gegen solche dämliche Ergüsse einen Artikel geschrieben. Mir hat er nicht besonders gefallen. Nicht nur beschreibt sie darin eigentlich Selbstverständlichkeiten (man staune – Depression ist tatsächlich eine ernste Krankheit! Ob diese schlichte Feststellung irgendeinen Internettroll nachhaltig überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln) – sie liefert damit auch absolut nichts Neues. Solidarische Artikel dieser Art sind seit Jahren das einzige, was sämtliche Medien zu diesem Thema zustande bringen, gut gemeint, schlecht gemacht, immer neu aufgegossen, ohne Tiefgang. Fertig ist die neue „Depressionsdebatte“, als Sommerlochthema durchaus brauchbar.

„Die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg (…) ein krankheitsbedingter Irrtum: Es gibt Hilfe,“ schreibt Stokowski in diesem gefeierten Text. Für mich war der Satz ein Schlag in die Fresse. Hilfe? Ob sie damit wohl die Telefonseelsorge meint, die auch am Ende dieses Artikels wieder erwähnt wird? Die Telefonseelsorge, übrigens ein ehrenamtlicher Verein unter kirchlicher Trägerschaft, der kaum staatliche Mittel erhält und fast nur von Spenden lebt, rettet täglich Menschenleben, aber kein Telefongespräch kann eine psychische Krankheit heilen. Hilfe dieser Art können nur ausgebildete Psychologen bieten. Wenn man sie denn lässt!

Stokowski und all ihre Kollegen glauben offensichtlich, dass die Krankheit nur ihr Stigma verlieren muss und alle Probleme wären gelöst. Zumindest wäre dann ja der Weg frei zu einer Behandlung, vor der Betroffene dann nicht mehr aus Scham zurück schrecken würden.

Diese Scham existiert, ich kenne sie selber, aber der Rest ignoriert offensichtliche Missstände so gründlich, dass es mich jedes Mal erneut fassungslos macht.

Meine Depression wurde mit 20 diagnostiziert, vor 12 Jahren. Seitdem scheitere ich daran, eine adäquate Behandlung zu finden. Die Wurzel dieses Scheiterns liegt in der Krankheit selbst: völliger Antriebsmangel. Dieser lähmende Zustand, der gerne mit Faulheit verwechselt wird, ist für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar, aber dieser Text ist nicht dazu da, gesunden Menschen ein authentisches Gefühl von der Krankheit zu vermitteln. Es reicht, die Symptome zu kennen – und schon wird ersichtlich, wo die echten Probleme liegen.

Niemand kann einen Depressiven zwingen, sich Hilfe zu suchen, wenn dieser das nicht will. Doch ist dieser Entschluss gefasst, folgt eine Odyssee, die von jedem Betroffenen eigentlich haargenau das abverlangt, woran es ihm durch die Krankheit mangelt. Es ist, als ließe man einen Mann, der beide Beine verloren hat, erst das Matterhorn hoch kriechen, bevor auf dem Gipfel angekommen nagelneue Prothesen auf ihn warten.

Ein Sadismus, den Depressive aber über sich ergehen lassen müssen – und für den die Krankenkassen verantwortlich sind.

Der Sadismus der Krankenkassen

„Es gibt Hilfe.“ Selbstverständlich: Die Therapie einer potentiell tödlichen Krankheit wie Depression wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Soweit die Theorie. Bis es soweit ist, vergeht aber Zeit, und davon viel. Sofern man nicht schon am Telefon abgewimmelt wird, sind je nach Standort Wartezeiten bis zu 6 Monaten absolut üblich, in manchen Regionen dauert es sogar noch länger. Und das bezieht sich lediglich auf das Erstgespräch – in dem eigentlich nur festgestellt werden soll, ob Therapeut und Patient überhaupt miteinander klarkommen. Wie hoch allerdings die Hemmschwelle ist, einen unpassenden Therapeuten abzulehnen, auf den man so lange warten musste, ist leicht vorstellbar. Die Folge: fruchtlose Sitzungen, eine Therapie, die nicht hilft. Eben das erlebte ich, als ich gut 10 Jahre nach meiner Diagnose endlich eine ambulante Therapie beginnen konnte. Ich habe sie inzwischen abgebrochen.

Anders als häufig angenommen ist diese Situation kein Schicksal, dem man sich einfach fügen muss, weil nun mal in Deutschland nicht genügend Therapeuten existieren. Das Gegenteil ist richtig: Therapeuten gibt es reichlich – Kassensitze sind dagegen Mangelware. Die Anzahl dieser Sitze beruhen auf Bedarfsrechnungen der Krankenkassen, die nicht einfach nur veraltet sind, sondern auch schon zum Zeitpunkt ihrer Erhebung viel zu niedrig angesetzt waren.

Hinter solchen Rechnungen steckt ein kompliziertes System, aber man muss wirklich kein Experte sein, um zu erkennen, dass bei so langen Wartezeiten ganz offensichtlich mehr Kassensitze nötig sind. Genau diese Tatsache streiten die Kassen jedoch seit Jahren ab. Sie treten dabei auf wie Olaf Scholz, der in Anbetracht dutzender Zeugenvideos von prügelnden Polizisten weiterhin stur auf seinem Standpunkt beharrt, Polizeigewalt hätte es während G20 nicht gegeben. Die Kassen gehen allerdings noch einen gewaltigen Schritt weiter: Sie phantasieren eine Überversorgung herbei. So absurd, dass man darüber lachen müsste, wenn es hierbei nicht um kranke Menschen ginge, die während der langen Wartezeit nicht gesünder werden. Und anders als bei Olaf Scholz bleibt der kollektive Spott in den sozialen Medien aus.

Nun gibt es gesetzliche Vorgaben, um die Kassen für falsche Bedarfsrechnungen zu bestrafen: Wer unzumutbar lange auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten warten müsste, kann sich eine Privatpraxis suchen und die Kosten (50-150 Euro pro Sitzung) dafür von der Krankenkasse zurück fordern. Aber auch das ist bloße Theorie.

Was bedeutet „unzumutbar“? Wie viele Absagen sind nötig, um sich für eine Kostenerstattung zu qualifizieren? Patientenvertreter finden: 3-5 Absagen sollten reichen. Halten müssen sich die Kassen an solche Empfehlungen allerdings nicht. Selbst wenn man alles richtig macht – heißt, den gesamten bisherigen Weg lückenlos dokumentiert, sich die Absagen der Kassentherapeuten schriftlich aushändigen lässt und bereits die Bestätigung eines Facharztes (auch hier gibt es allerdings exorbitante Wartezeiten) eingeholt hat, der die Dringlichkeit einer Therapie bescheinigt – werden 80% der Erstattungsanträge abgelehnt. Und das muss man schon fast Glück nennen: Wohl Dank des Internets, durch das sich Patienten leichter über ihre Rechte informieren können, hat sich die Zahl dieser Anträge seit Anfang des Jahrtausends zwar verfünffacht, aber sie werden bewusst verschleppt.

Achtzig Prozent. Das heißt nicht, dass ein zweiter (dritter, vierter, fünfter) Versuch nicht erfolgreich sein kann. Aber da hartnäckig zu bleiben, den Papierkram zu bewältigen – da würden auch viele gesunde Menschen kapitulieren. Als würde man dem Mann ohne Beine auf dem Gipfel des Matterhorns sagen: „Schön, dass du es geschafft hast, aber die Prothesen kriegst du erst, wenn du jetzt auch noch den Mount Everest besteigst. Und dieses Mal darfst du nur eine Hand benutzen.“ Ja, total zumutbar.

Im Januar 2016 wurden von den Krankenkassen Servicestellen eingerichtet zur zeitnahen Vermittlung von Facharztterminen. Innerhalb von vier Wochen sollen Patienten künftig Termine bekommen. Darüber wurde auch berichtet. Was vielen dabei allerdings nur eine Randnotiz wert war: Psychotherapeuten wurden aus dieser Regelung ausgenommen.
Nun weiß ich selbst, wie ätzend eine Facharztsuche ist. Aber als ich einmal einen Nuklearmediziner brauchte, bin ich dafür ins Krankenhaus gegangen. Ich musste zwar ein paar Stunden warten, aber dann wurde ich am selben Tag behandelt. Diese Möglichkeit haben Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen jederzeit, wenn es dringend ist, aber für Depressive gibt es sowas nicht. Eine Psychiatrie ist da keine Alternative, dort finden keine Therapien statt. Man wird in einem sehr stressigen Umfeld verwahrt, stabilisiert und dann irgendwann wieder heim geschickt – ohne weitere Behandlung.

Erst am 1. April 2017 haben die Kassen diese neue Regelung ausgeweitet. Seitdem müssen die Therapeuten zwei Stunden die Woche für Sprechstunden freihalten, außerdem müssen sie 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein, wobei letzteres auch auf eine Praxishilfe abgewälzt werden darf. Unter Umständen soll also eine Sprechstundenhilfe, die im Regelfall keinerlei psychologische oder therapeutische Ausbildung hat, während eines Telefonats entscheiden, ob ein Patient wirklich krank ist oder nicht. Wow, ob das nicht schon fahrlässig ist?
Die Sprechstunde dagegen ist eine ganz hervorragende Idee. Dann kann man sich seine Absage in Zukunft persönlich abholen – an den Wartezeiten für die Behandlung selber hat sich nämlich nicht das Geringste geändert. Wie sollte es auch, wenn die Zahl der Kassensitze gleich geblieben sind – und jedem dieser Therapeuten jetzt auch noch zwei Stunden in der Woche fehlen?

Nutzt eure Macht. Wofür habt ihr sie sonst?

„Es gibt Hilfe.“ Nein, die gibt es nicht. Dafür fehlen die Kassensitze und die Alternativen werden nicht genehmigt. Therapeuten protestieren regelmäßig dagegen. Die Krankenkassen wissen das, auch wenn sie es leugnen. „Man kann von solchen Wartezeiten nicht auf eine Unterversorgung schließen.“ Ja, worauf denn dann? Nicht einmal wirtschaftlich macht das Sinn: Eine unbehandelte Depression verursacht in der Folge wesentlich höhere Kosten als eine Therapie – durch Arbeitsausfälle, Klinikaufenthalte, Selbstmorde. Für die Kassen, für die Allgemeinheit. Es ist furchtbar, den Wert eines Menschenlebens aufzurechnen, aber in diesem Fall wäre eine streng kapitalistische Denkweise, darauf ausgelegt, Menschen schnell gesund und damit arbeitsfähig zu machen, tatsächlich die barmherzigste.

All das ist bekannt. Über all das wurde auch schon berichtet. Aber setzt man diese Berichterstattung in Relation zu dem Getue um den Werther-Effekt oder der Menge an gefühlsduseligen Artikeln über das harte Schicksal Depressiver, frage ich mich ernsthaft, wie es aktuell um das Selbstverständnis von Journalisten bestellt ist. Dummen Internettrollen zu erklären, dass eine Depression ja schon schlimm ist – habt ihr wirklich davon geträumt, als ihr diesen Berufsweg eingeschlagen habt und Teil der vierten Gewalt des Staates wurdet? Oder wolltet ihr eure Macht nicht sinnvoll einsetzen, um gnadenlose Reportagen zu liefern, welche die da oben zum Zittern bringen, pointiert, investigativ, knallhart recherchiert?

Die Aufgabe von Journalisten besteht auch darin, Missstände anzuprangern. Nur handelt es sich bei der Unterversorgung psychisch Kranker durch die Krankenkassen um keinen Missstand. Wenn viele Menschen leiden und sogar sterben, weil sie keine Hilfe bekommen, spricht man von einer humanitären Katastrophe. Natürlich ist der Begriff eher bei Kriegen gebräuchlich, aber genau darum handelt es sich hier: Einen Krieg der Kassen gegen psychisch Kranke. Sie versorgen sie nicht, sie helfen ihnen nicht, sie lassen sie sterben. Und obwohl das alles offen liegt… fehlt dieser Aspekt in eurer Depressionsdebatte.

Wo bleibt da der Aufschrei? Die journalistische Verantwortung? „Es gibt Hilfe.“ Dieser kurze Satz ärgert mich mehr, als es ein ungebildeter Troll jemals könnte. Es gibt keine Hilfe. Und das ist kein „krankheitsbedingter Irrtum“, weil ich selber depressiv bin. Bei Chester Bennington mag das ja zutreffen, als reicher Rockstar konnte er sich ganz unbürokratisch die besten Therapeuten leisten. Aber andere, die dem deutschen Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist, aber ausgerechnet bei diesem Thema so völlig versagt, haben diese Möglichkeit nicht. Offensichtlich kann eine Therapie nicht jeden retten, aber das entbindet die Krankenkassen nicht von ihrer Pflicht, es wenigstens zu versuchen – und die Medien nicht von ihrem journalistischen Auftrag, genau da einzuhaken und nachzubohren, immer und immer wieder. Bis die Kassen endlich einknicken oder die Politik sie dazu zwingt.

Bis dahin stirbt weiterhin alle 53 Minuten ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Trotz Telefonseelsorge, die ohnehin meist besetzt ist.

Hinweis: Ich habe diesen Artikel ursprünglich den „Kolumnisten“ angeboten, weil er mir extrem wichtig war und ich wollte, dass er oft gelesen wird. Da mich aber der Umgang der Verantwortlichen mit dem Thema sehr geärgert hat (es erschien ein absolut kenntnisfreier Folgeartikel, der mir widersprach und inhaltlich einfach fassungslos machte – dazu wollte ich eigentlich auch mal Stellung nehmen, aber haha, Depression und Antriebslosigkeit und so), habe ich mich jetzt entschieden, ihn nun auch hier zu veröffentlichen.

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Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe

Es heißt ja, dass man nichts so hoch schätzt wie etwas, für das man richtig hart kämpfen musste. Wenn das stimmt, dann hätte mir meine Therapie, auf die ich immerhin neun Jahre gewartet habe, so teuer sein müssen wie ein ein kleines Juwel oder mein Erstgeborenes.

Und dennoch habe ich meine Therapie abgebrochen.

Das passierte auch schon wieder letzten Sommer. Zu diesem Zeitpunkt lief sie schon fast ein Jahr mit Unterbrechungen halbwegs regelmäßig einmal die Woche. Nach all dieser Zeit war der Abbruch ein großer Schritt, der leider auch nicht völlig glatt vonstatten ging. Aber er war nötig und überfällig. Um das zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen.

Was passt zu mir?

Erstmal muss man wissen, dass Therapie nicht gleich Therapie ist. In Deutschland werden insgesamt drei Therapieformen von der Krankenkasse anerkannt, nämlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Therapieformen oder spezielle Methoden, die sich nicht so ganz in diese drei Kategorien einordnen lassen, aber von verschiedenen Therapeuten trotzdem zusätzlich erlernt und angeboten werden.
Ich spare mir mal eine genaue Erklärung dieser Therapieformen und ihrer Unterschiede (es ist ja auch nicht so, als blicke ich da selber vollständig durch). Es reicht zu wissen, was ich gerne für mich gehabt hätte. Von Psychoanalyse halte ich beispielsweise GAR NICHTS – das hat meiner Meinung nach was von Gedichtinterpretationen oder freien Assoziieren. Kann stimmen, muss aber nicht, und die Gefahr der Überinterpretation ist groß. Mit Freud und seinen kruden, anachronistischen Sextheorien hat das heutzutage zwar nicht mehr wirklich viel zu tun, aber dennoch ist das für mich einfach nichts. Und Verhaltenstherapie? Der Name sagt es schon: Der Fokus liegt auf einer Änderung des Verhaltens, nicht auf der emotionalen Ebene, obwohl man das natürlich nicht strikt trennen kann. Trotzdem, letztendlich roch diese Behandlung für mich immer eher nach reiner Symptombekämpfung und kam damit auch nicht wirklich in Frage.

Ich wollte also eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Ich bekam eine Verhaltenstherapie.

Zeitweise wusste ja das halbe Internet Bescheid über meine Probleme bei der Therapiesuche. Umso peinlicher ist es dann auch zuzugeben, was den Ausschlag gab dafür, mich für eine Therapie zu bewerben (anders kann man das nicht formulieren) die mir nicht wirklich zusagte: Erstens hieß es, die therapeutische Ambulanz, bei der ich schließlich landete, hätte keine langen Wartezeiten. Und zweitens konnte man sich ohne lächerlich kurze Telefonsprechzeiten per Email melden. Damit waren mehrere Hemmschwellen weg, die mich bisher gebremst haben.

Tja, das mit der Wartezeit stimmte nicht, aber immerhin hatte ich nach sechs Monaten dann schließlich meinen ersten Termin. Auch wenn es nicht die richtige Therapieform war, war ich erstmal froh, überhaupt wieder eine Chance bekommen zu haben und dachte, dass ich es einfach mal ausprobieren sollte. Schaden kann es ja (in den meisten Fällen) nicht.

Diese Ambulanz, in der ich landete, muss man sich wie eine Art Lernkrankenhaus vorstellen, in dem Therapeuten ihre Ausbildung absolvieren. Deshalb lief das von Anfang an etwas anders als bei einem normalen Therapeuten. Und leider lief es von Anfang an irgendwie schief.

Startschwierigkeiten

Es fing bereits bei meinem Erstgespräch an. Mich begrüßte ein quietschiges kleines Persönchen, das ungefähr so viel Autorität und therapeutische Seriosität ausstrahlte wie ein Teletubby. Dieses Mädel stellte mir dann in eineinhalb Stunden ungefähr achtmillionen Fragen zu meinem Lebenslauf und meiner Krankengeschichte, womit ich in dieser geballten Form nicht so wirklich gerechnet hätte. Deshalb war ich nach kürzester Zeit ein einziges heulendes Nervenbündel. Nicht hilfreich dabei waren ihre lieb gemeinten, für mich aber unerträglichen Versuche mich aufzupäppeln. „Sie haben sich also Ihre soziale Phobie selbstständig abtrainiert? Das ist ja toll! Darauf können Sie richtig stolz sein! Sooooo toll!!!“
Nun mag das objektiv stimmen, subjektiv habe ich aber nunmal ein Problem damit, für etwas gefeiert zu werden, was für jeden gesunden Menschen nicht der Rede wert ist, und da sie leider nicht aufhörte mit ihren aggressiven Lobgesängen bekam ich einen Heulkrampf, der die arme Frau absolut hilflos zurück ließ.

Ja, so ähnlich darf man sich das vorstellen – wie gesagt eineinhalb Stunden lang. Am Ende klärte sie mich dann über die weitere Vorgehensweise auf… wobei plötzlich heraus kam, dass ich im falschen Raum war und dies nicht das Erstgespräch gewesen war, für das ich kommen sollte, sondern der obligatorische ZWEITE Termin, der zur Anamnese da ist. Woraufhin sich auf ihren Gesicht ein Ausdruck nackter Panik zeigte – ohne vorherige Vorbereitung hätte man mich nämlich gar nicht einem so hohen emotionalen Stress aussetzen dürfen.
Und ich? Heulte natürlich wieder, denn in diesem Moment war mir vollkommen klar, dass ich jetzt vermutlich wieder monatelang würde darauf warten müssen, bis es weiter geht.

Letztendlich war dieser Fehler dann doch leicht wieder auszubügeln, aber das Ganze hat mich dennoch sehr aufgewühlt, wofür meine Mitbewohner damals leider absolut kein Verständnis hatten. „Joah, dumm, aber is doch jetzt gut, ne? We kann man sich über sowas nur so aufregen“ lautete der Tenor bei beiden. Auch nicht wirklich hilfreich. Und im Rückblick erscheint mir dieser Fehlstart symptomatisch für meine gesamte Therapie.

Der Anfang: Die erste Therapeutin

Mein drittes Gespräch fand dann mit der richtigen Therapeutin statt, die für mich eingeteilt war. Normalerweise hat man fünf Sitzungen mit einem Therapeuten, bis man sich entscheiden muss, ob man mit ihm klar kommt oder nicht. Außerdem muss anderes organisatorisches Zeugs geregelt werden, bis der Antrag auf Bewilligung bei der Krankenkasse eingereicht werden kann.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie groß die Hemmschwelle ist, einen Therapeuten abzulehnen, wenn man so lange Zeit auf einen warten musste. Die Therapeutin, die mir zugeteilt wurde, war ebenfalls recht jung und wirkte damit auf mich auch nicht sonderlich imposant. Kann man scheiße finden, aber ich kann mir nun mal nur beschränkt aussuchen, welche Art Mensch auf mich besonders kompetent wirkt. Personen, die jünger sind als ich, haben es da nun mal schwerer.

Aber gut, ich war mir meiner eigenen Vorurteile bewusst und wollte es mir einfach mal ansehen. Leider gab es ziemlich am Anfang schon einen heftigen Bruch, der mich am gesamten Konzept „Therapie“ zweifeln ließ.

So fragte sie mich nach meinen bisherigen Strategien, um mit schlimmen depressiven Phasen umzugehen. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich dann, sofern noch in der Lage dazu, einen bzw. mehrere Freunde zur Hilfe rufe und mit ihnen zusammen einen trinke und dabei so lange jammere, bis es mir irgendwann besser geht. Ja, Alkohol – dass das nicht ideal ist, weiß ich selber. Aber wenn es nun mal das einzige ist, was funktioniert?

Ich dachte, das hätte ich ihr begreiflich gemacht. In der nächsten Stunde eröffnete sie mir dann, dass die Krankenkasse mir vermutlich für die Bewilligung der Therapie als Auflage stellen würde, die gesamte Zeit über abstinent zu bleiben.

Ich: erstmal sprachlos, weil das für mich aus dem Nichts kam. Die Krankenkasse stellt natürlich nur solche Auflagen, wenn die Therapeutin ihr etwas entsprechendes kommuniziert. Aber wieso?

Es folgten Diskussionen. Und hier offenbarte sich mir ein so dermaßen unfaires Dilemma, dass ich die Therapie am liebsten sofort beendet hätte. Denn macht mal jemanden unter diesen Voraussetzungen begreiflich, dass ihr kein Alkoholproblem habt. Es ist unmöglich. Auch jetzt werden das einige lesen und sagen „Klar, typisch Alkoholikerin, diese Ausflüchte.“ Aber denkt das bitte mal durch. Ich hätte mit der Auflage nicht mal im Sommer im Garten sitzen und dabei ein Radler trinken dürfen. Was ja wohl überhaupt nicht schwer sein sollte, wenn ich kein Alkoholproblem habe. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ich doch keins habe, warum muss ich mich dann so gängeln lassen? Aber das zu kritisieren – diese Gängelung – ist das nicht schon wieder der Beweis dafür, DASS ich ein Problem habe???

Seht ihr das Dilemma? Ich steckte im Prinzip in einer nicht-falsifizierbaren Aussage fest, denn jede Argumentation gegen diese Auflage konnte als Beweis für ihre Notwendigkeit gedeutet werden. Eine Situation, die mir ganz entschieden gegen den Strich ging. Dazu kommt die andere Ebene: Ich weiß verdammt noch mal selber, dass Alkohol nicht gut ist. Aber wenn die Alternative in diesen schlimmen Phasen nun mal wäre, mich selbst zu verletzen oder gar umzubringen – weil ich sonst nun mal keine wirksamen Skills habe? Es ist keine gesunde Selbsthilfe, aber wenigstens IST es Selbsthilfe, die mir diese Frau nun nehmen wollte, obwohl ich ganz eindeutig NICHT wegen Alkohol eine Therapie angefangen habe.
Was übrigens zusätzlich einfach nur ein Schlag in die Fresse war. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr wegen einiger sehr belastender Handicaps, die euer ganzes Leben dominieren, Hilfe bei einem Experten suchen würdet – und diese Person bohrt dann nach einer ganz anderen Sache, stürzt sich darauf und problematisiert sie, statt sich um das zu kümmern, weswegen ihr gekommen seid?

Versteht ihr, wie ohnmächtig ich mich fühlte? Es gab nichts, was ich tun oder sagen konnte, um aus dieser Nummer rauszukommen. In diesem Moment empfand ich zum ersten Mal, was es in unserem System heißt, psychisch krank zu sein. Ich kam mir nicht ernst genommen vor, bevormundet, unmündig, abhängig. Ist es da ein Wunder, dass mein Glauben an den Nutzen einer Therapie in diesem Moment heftig erschüttert wurde?

Ich grübelte nach der Sitzung einen ganzen Tag lang über diese dämliche Auflage. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, bestand darin, ihr einfach zuzustimmen und so zu tun, als würde ich mich daran halten… also zu lügen. Etwas, was mir tief zuwider ist. Allgemein, aber besonders eben im therapeutischen Kontext, denn was bringt die ganze Scheiße bitte, wenn ich nicht das Maul aufmachen und die Wahrheit sagen darf?

Glücklicherweise hatte meine Therapeutin wohl auch noch ein bisschen nachgedacht, denn sie rief mich einen Tag nach der Sitzung tatsächlich an und verkündete mir, dass die Auflage vom Tisch wäre. Aber der Bruch war passiert und auch damit nicht zu kitten.

Danach ging es… schleppend. Nachdem wir meine Problemfelder eingekreist hatten, konzentrierte meine Therapeutin sich darauf, mich durch den Rest meines Studiums zu schleifen, denn meine völlige Antriebslosigkeit hat genau das immer verhindert.
An sich war ich also froh über die Hilfe. Gleichzeitig wurde ich das Gefühl jedoch nicht los, dass ich nicht dafür eine Therapie angefangen habe. Es stellte, wie schon befürchtet, eine reine Symptombekämpfung dar, denn diese Antriebslosigkeit ist nur Resultat meiner Depression, aber nicht der Grund dafür (wobei das natürlich manchmal ineinander greift und meine Schwierigkeiten dahingehend häufig in einer Episode schwärzesten Selbsthasses münden). So war es denn auch ganz nett, dass wir Arbeitspläne aufstellten und Maßnahmen gegen Prokrastination bzw. für mehr Motivation besprachen, aber die Wurzel des Übels – meine Kindheit und was da alles falsch gelaufen ist – blieb unbehandelt. Weil die Therapie nun mal auf eine Änderung des VERHALTENS ausgerichtet ist, nicht zur Behandlung der URSACHEN desselben.

Leider funktionierte nicht mal das wirklich. Die Maßnahmen, die Pläne, die Skills, nichts schien länger als ein paar Tage zu wirken. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Problem ansprach, kam die selbe Aussage: „Es braucht Zeit, bis dem Patienten das geänderte Verhalten verinnerlicht hat, danach wird es einfacher.“ Das war die einzige Form der Anleitung, die ich bekam. Leider habe ich diesen Punkt nie erreicht.

Ich gab der Therapieform die Schuld. Eine befreundete Therapeutin versicherte mir zwar, dass mit wachsender Erfahrung die Grenzen zwischen den Therapieformen verschwimmen. Genau diese Erfahrung war bei meiner Therapeutin allerdings anscheinend noch nicht gegeben. So kam es dann auch mehr als einmal vor, dass ich von belastenden Erinnerungen berichtete und… null Rückmeldung dazu bekam. Stattdessen wurde eilig zurück geschwenkt Richtung Verhaltensmodifikation, oft ohne auch nur mit mehr als einem Satz auf das eben Gehörte zu reagieren.

Diese, ja… „Hilfslosigkeit“, muss man es wohl nennen, meiner Therapeutin zog sich wie ein roter Faden durch die restliche Therapie, in der sich dann auch eine Stunde kaum von der nächsten unterschied. Ich versuche wirklich, nicht unfair zu sein und glaube auch, dass sie mir ernsthaft helfen wollte, aber ich hatte nun mal nicht das Gefühl, dass mir irgendwas davon etwas gebracht hat. Deshalb reagierte ich mit der Zeit auch immer gereizter. So blaffte ich einmal, nachdem sie die Frage „Wie fühlen Sie sich in diesem Moment?“ gestellt hatte, angepisst zurück: „Genauso wie vor zwei Minuten, als Sie mich genau dasselbe schon mal gefragt haben!“ – was mich zugegebenermaßen immer noch aufregt, wenn ich drüber nachdenke.
Mir kam es schlicht so vor, als würde die gute Frau ein vorgegebenes Programm abspulen bzw. versuchen, mir eine Therapie nach Schema F überzustülpen, was bei mir aber einfach nicht funktionierte. Zurück blieb Frust, möglicherweise auf beiden Seiten, und nach mehreren Monaten das Gefühl, dass wir uns so rein gar nichts mehr zu sagen hatten. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich wie durch den Fleischwolf gedreht und stöhnte schon Tage vor dem nächsten Termin, weil ich schlicht überhaupt keinen Bock darauf hatte.

Dazu kamen dann Kleinigkeiten, die mich damals unglaublich aufregten. So fragte sie mich am Anfang einer Sitzung, wie ich denn nach der letzten Stunde, die ich heulend und aufgelöst verlassen hatte, zurecht gekommen wäre. Ich antwortete etwas lapidar, dass ich mich danach dann irgendwann wieder eingekriegt hätte, spätestens im Bus hätte ich mich ja zusammen reißen müssen, da mir Heulen vor Fremden logischerweise ziemlich peinlich ist. Daraufhin kam ihr die fixe Idee, dass Busfahren ja der perfekte Skill für mich wäre und davon ließ sie sich auch nicht mehr abbringen. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann schon gar nicht mehr groß diskutiert, da ich gemerkt hatte, dass es sinnlos ist. Aber natürlich ist Busfahren für mich KEIN super Skill, das habe ich zu diversen Gelegenheiten davor und danach erfahren müssen.

Nach mehreren Monaten, ich hatte noch etwas über die Hälfte der Sitzungen frei, eröffnete sie mir, dass sie demnächst den Standort wechseln und ich einen anderen Therapeuten bekommen würde. Keine ideale Situation mitten in der Therapie, aber nach meinen Erfahrungen mit ihr auch kein Weltuntergang. Ich schöpfte neue Hoffnung: Vielleicht war der nächste Therapeut ja besser?

Das Ende: Der zweite Therapeut

Der nächste Therapeut war nicht besser. Er war schlimmer.

Äußerlich entsprach er zunächst eher meinen Kriterien für seriöse Ausstrahlung, denn er war deutlich älter als ich. Aber schon die erste Sitzung, die wir abends abhielten, ließ mich ziemlich sprachlos zurück.

Er hatte zwar meine Akte gelesen, aber natürlich mussten wir alle nochmal durchkauen. Problemfelder, bisherige Strategien, etc.pp. Bereits beim Thema „Antriebslosigkeit“ hatte er aber völlig andere Ansichten als ich.
Ich glaube, es ist inzwischen deutlich geworden, wie sehr ich darunter leide. Er sah das aber nicht so. Er war sehr vom Yin&Yang-Konzept überzeugt (Teil seiner „fernöstlichen Lehren“, die er in die Therapie mit einbringen wollte) und projizierte es hemmungslos darauf. Es gäbe nun mal einerseits Menschen wie mich und andererseits aktive, leistungsstarke Menschen, die mitunter überhaupt nicht abschalten können, also totale Workaholics sind – das wäre ja auch nicht schön. Ich könne also froh sein, dass ich nicht zu diesem Typ gehöre.
Was soll man dazu bitte noch sagen? Meine Antriebslosigkeit hat mir mein Abi versaut, mein Studium auf die doppelte Länge aufgebläht, mir Schulden eingebracht, meinen Träumen im Weg gestanden, mein halbes Leben versaut. Und das soll ich jetzt feiern, weil andere Leute bis zum Burnout ackern? Was soll denn bitte DARAN hilfreich sein?

Seine Antwort war ein enervierend nachsichtiges Lächeln, das ich die folgenden Monate noch wirklich hassen lernen würde. Seine Aussage sei doch positiv gewesen. Ich könne wohl Lob nicht annehmen???
An dieser Stelle zeigte sich schon, dass dieser Mensch ein fundamental anderes Verständnis von Selbstliebe, seelischer Hygiene, eigentlich sogar dem Themenkomplex „psychische Erkrankung“ hatte als ich. Ich glaube nicht daran, dass Probleme weggehen, wenn man sie schönredet und „sich selbst annimmt“. Und es hat nicht zwangsläufig was mit Selbsthass zu tun, wenn ich Dinge an mir kritisiere, die nun mal einen erheblich negativen Einfluss auf mein Leben haben. Ich war zudem ein sehr aktives Kind, bis ich krank wurde. Meine Antriebslosigkeit empfinde ich als etwas feindliches, das meine echte Persönlichkeit überschattet und mich daran hindert, mein wahres Potential zu entfalten. Mich ritzen, weil es mich so dermaßen ankotzt, dass ich schon wieder einen Monat für die Wäsche gebraucht habe? Natürlich ist das scheiße. Aber das komplette Gegenteil soll so viel besser sein? Ist jeder Wunsch, sich zu verbessern, schon Hass?

Ach, ich sei ja zu hart zu mir.
„Ich bin nicht hart zu mir.“
„Aber Sie sind doch gerade wütend.“
„JA, ABER DOCH NICHT AUF MICH!!!“ – muss ich wirklich noch mehr sagen?

Mir schien es, dass sich dieser Typ bereits ein komplettes Bild von mir gebastelt hatte, bevor ich überhaupt zur Tür reingekommen bin. Und wenn ich irgendeinem Aspekt dieses Bildes widerspreche, kann das ja nur an fehlender Reflexion liegen.

Da wären wir wieder: Die Therapie, die nicht-falsifizierbare Aussage und ich. Und Unterstellungen, die erneut Dinge problematisieren und pathologisieren, für die ich nicht gekommen bin. Neu war hier nur, dass andere Probleme dafür kleingeredet wurden und das natürlich mit den schönsten, blumigsten Allgemeinplätzen: Man müsse „sich annehmen“, „sich akzeptieren“, „sich verzeihen“ etc.pp. Und DAFÜR hat dieser Mensch studiert?

Ich hatte also einen Vertreter des Standpunkts „Du bist voll okay so, wie du bist, auch wenn du in dieser Form kaum lebensfähig bist“ vor mir. Dazu kam eine paternalistische Art und Weise, die mir das Gefühl gab, für ein dummes, kleines Mädchen gehalten zu werden.

So hielt er mir in der selben Sitzung noch einen Vortrag – anders kann man das nicht nennen. Er nutzte das Whiteboard, um mir ein psychologisches Konzept zu erklären, das mir bereits bekannt war und brauchte dafür ungelogen mindestens 20 Minuten, in denen er ohne Punkt und Komma redete und mich kein einziges Mal zu Wort kommen ließ. Nach etwa der Hälfte war ich zu gleichen Teilen tödlich gelangweilt und fassungslos von so viel sinnlosen Mitteilungsbedürfnis, zumal die 50-Minuten-Sitzung meinem Empfinden nach schon deutlich überzogen war (im Raum gab es keine Uhr und ich fand es unhöflich, auf mein Handy zu sehen).
Danach schien er sich selbst in Schwung geredet zu haben, denn er bombardierte mich dann noch mit zusammenhangslosen Fragen, die ewigtiefe neue Fässer aufgemacht hätten, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Fragen wie „Glauben Sie an Gott?“ oder, mein Favorit, denn der Gesichtsausdruck und der gewollt provokative Ton dazu waren großartig: „MÖGEN Sie sich eigentlich???“
An dieser Stelle brach ich die Sitzung ab, nur um danach sehen zu müssen, dass er um fast eine Stunde überzogen hatte – etwas, was ich ihm in der nächsten Sitzung vorwarf. Er rechtfertigte sich damit, dass er sich nun mal besonders viel Zeit für mich hatte nehmen wollen und deshalb direkt zwei Sitzungen zusammen gelegt habe – was einfach nicht okay ist, wenn es nicht abgesprochen ist.

Aber das war symptomatisch für ihn: Paternalismus bis hin zur leichten Übergriffigkeit. Das äußerte sich auch in jeder Sitzung bereits zu Anfang, wenn er mich, den Kopf leicht gebeugt, von unten augenzwinkernd ansah und mit vorgeschobenen Schnütchen fragte, wie es mir ginge, eine Haltung also, die man eher einnimmt, wenn ein Grundschulkind am Schniefen ist, weil es nicht noch ein Eis bekommt. Er gab mir schlicht das Gefühl, nicht krank, sondern einfach nur ein bisschen überempfindlich zu sein.

Auch mit ihm hatte ich also wieder das Gefühl, keinen Schritt weiter zu kommen, zumal seine Methoden durchschaubar und unterkomplex waren und er gerne Dinge wiederholte, die ich eine Sekunde vorher bereits gesagt habe (nicht um mich zu spiegeln, sondern weil er anscheinend glaubte, er müsse mir Sachen erläutern, die ich selbst von mir gegeben habe). Dennoch konnte ich mich zu einem Abbruch nicht durchringen, bis ich eines Tages einen schlimmen depressiven Schub bekam.
Grund war mein Stiefvater, der sich ganz außergewöhnlich zierte, als es darum ging, mich bei seinem Geburtstag dabei zu haben, eine Situation, die mich leider frappierend an eine Episode mit meinem Erzeuger erinnerte. Dies ließ mich psychisch völlig zusammen brechen. Es dauerte Stunden, bis ich endlich aufhören konnte zu heulen und kein Skill half (nicht mal Busfahren!).
Dieser Kollaps bestätigte mir meine anfänglichen Befürchtungen: Eine Verhaltenstherapie ist nicht das richtige für mich, denn nicht mein Verhalten ist Auslöser für solche Zusammenbrüche.

Nach dieser Erkenntnis war ich entschlossen, die Therapie abzubrechen. Nur ließ mich mein Therapeut zunächst nicht.

Natürlich hätte ich einfach nicht mehr hingehen können, aber als Mensch in einem Patient-Therapeuten-Verhältnis sind ganz einfache Dinge plötzlich unverhältnismäßig schwer. Wenigstens erklären wollte ich mich ihm, vielleicht sogar seine Einschätzung dazu hören. Also erzählte ich ihm, was passiert war, umriss dazu auch kurz die Geschichte mit meinem Vater und teilte ihm meine Gewissheit mit, dass Verhaltenstherapie bei so etwas nicht hilft. Statt darauf einzugehen, stellte er weitere Fragen zu meiner Familie, nur um am Ende zufrieden festzustellen, dass das ja mal eine richtig gute Sitzung gewesen wäre, weil ich mich endlich geöffnet hätte.
An dieser Stelle bin ich dann ein bisschen ausgerastet. Nichts davon war mir in irgendeiner Weise unangenehm gewesen, vor meinem Therapeuten zu äußern. Nichts davon hatte ich bewusst versteckt, im Gegenteil. Erst später fiel mir zudem ein, dass ich GENAU DIE SELBE GESCHICHTE meiner ersten Therapeutin SCHON MAL erzählt hatte – und sie NICHTS dazu gesagt hatte.
War es also allein meine Schuld, dass die Therapie bei ihm, bei beiden bisher nicht gelaufen war? Meine angebliche Verschlossenheit? Diesen Eindruck erweckte er bei mir.

Der Abschied war frostig, eine Sitzung sollte noch folgen, in der er nicht mit einem Wort auf meinen Wunsch abzubrechen einging. Erst am Ende vertröstete er mich wieder auf die nächste Sitzung, um die abschließenden Formalia zu klären. Und auch diese Sitzung hätte er wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt, wenn ich das nicht von Anfang an abgeblockt hätte. Woraufhin die zwei schlimmsten Aussagen folgten, die dieser Mensch sich in all den Stunden mir gegenüber geleistet hatte.

Erstens: Ich nannte ihm weitere Beispiele für Situationen, in denen nicht mein Verhalten Trigger für depressive Schübe war, darunter auch die Tatsache, dass ich die gesamte Taufzeremonie meines Neffen als heulendes Nervenbündel verbracht habe, da mich Kirchgänge wie dieser daran erinnern, dass ich familiär nicht eingebunden bin. Woraufhin er antwortete: „Hm, dann bringt meine Idee wohl nichts… ich wollte Ihnen vorschlagen, dass Sie sich Gott zuwenden.“ – Wozu ich mir jetzt einfach mal jeglichen Kommentar spare!

Und zweitens sprach er von meiner Erkrankung als „Erkrankung“. Kein Scheiß. Er malte beim Sprechen Anführungszeichen in die Luft. Und spätestens das wäre der Punkt gewesen, an dem ich mich zum Abbruch entschlossen hätte, wenn ich diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hätte.

Und jetzt?

Das war letztes Jahr Ende Juli. Seitdem bin ich wieder ohne Therapie. Ich habe gute Phasen, aber auch tiefschwarze. Dazwischen lebe ich vor mich hin und habe kaum je das Gefühl, einen erfüllenden, produktiven, erfolgreichen Tag gehabt zu haben, denn alles in mir bremst mich aus.

Die Therapie hat mir eigentlich nichts gebracht. Zwischendrin sorgte meine Therapeutin dafür, dass ich Antidepressiva bekam, was eine gewisse Zeit lang nötig gewesen war, aber inzwischen habe ich sie wegen den Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Ansonsten bleibt nicht viel außer Frust und der grauenvolle Gedanke, dass die ganze Odyssee jetzt wieder von vorne anfängt.

Heißt: WIEDER die Überwindung, überhaupt bei einem Therapeuten anzurufen, WIEDER monatelange Wartezeiten, wenn ich nicht direkt abgewiesen werde, WIEDER die Frage, ob der neue Therapeut überhaupt zu mir passt. Aber eigentlich stehe ich nicht einfach wieder am Anfang, sondern habe noch einen Malus obendrauf bekommen: eine abgebrochene Therapie. Obwohl das zu Beginn meiner Therapie anders klang, hat mein Therapeut mir nicht viel Hoffnung auf eine erneute Bewilligung gemacht.

Dazu kommt das Ende meines Studiums, nach dem ich jetzt in der Luft hänge und nicht weiß, ob ich überhaupt noch hier wohne, wenn endlich ein Therapieplatz für mich frei wäre. Die hochgelobte Flexibilität, die Arbeitgeber heute verlangen, kollidiert extrem mit dem gewaltigen Maß an Planungssicherheit, das man braucht, wenn man sich für eine monatelange Therapie an einem bestimmten Standort entschließt.

Also noch mehr warten. Darauf, dass ich mein Leben soweit geordnet kriege, dass Zeit bleibt für meine seelische Gesundheit. Auch wenn es natürlich genau meine Krankheit ist, die dafür sorgt, dass ich überhaupt nichts auf die Reihe kriege.

Das System der Krankenkassen, die weiterhin viel zu wenige Kassensitze mit viel zu langen Wartezeiten zur Verfügung stellen und damit wissentlich eine Situation in Kauf nehmen, die für viele Menschen eine Therapie unmöglich macht (und manche damit das Leben kostet), fickt mich also noch immer. Wenn dieser Müll wenigstens wirtschaftlich einen Sinn machen würde… Aber nicht mal das ist ja der Fall.

Leider fällt mir an dieser Stelle kein knackiger Schluss ein. Wie auch, denn die Suche nach Hilfe ist ja noch lange nicht beendet. Auch wenn die Hoffnung darauf jeden Tag mehr schwindet.

Edit: Mir ist jetzt erst wieder eingefallen, dass Erzählmirnix vor Jahren mit mir ein Interview geführt hat, in dem es u.a. um dumme Therapieerfahrungen ging.
Weil das so gut passt, hier der Link

Alles neu! (Schon WIEDER.)

2016 und immer noch keine fliegenden Autos.

2015 ist vorbei – das vielleicht bisher intensivste Jahr meines Lebens. Zwei Themen haben dieses Jahr für mich dominiert. Davon war eines besonders unerfreulich: meine Depression.

Schon vorher hatte ich immer wieder am Rande erwähnt, dass ich an Depressionen leide. Seit diesem Artikel, der hundertfach geteilt worden ist, wusste es dann schließlich jeder: Eure Awareness kotzt mich an!

Seitdem habe ich Höhepunkte und Tiefpunkte erlebt. Schön war mit Sicherheit, dass ich nur wenige Monate nach diesem Beitrag tatsächlich endlich einen Therapieplatz bekommen habe. Leider war dieser eine Art Kompromiss: Ich wollte eigentlich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie, bekommen habe ich aber eine Verhaltenstherapie, auch wenn ich das in meinem Fall für reine Symptombekämpfung halte und meine tatsächlichen Probleme viel tiefer gehen.

Trotzdem: Wenigstens hatte ich endlich einen Therapieplatz und eine Therapeutin, die ich nach einem holprigen Start nun doch ziemlich gut leiden kann. Zwar habe ich immer noch öfters das Gefühl, dass sie viel nach Lehrbuch abspult und nicht so richtig checkt, was meine wirklichen Baustellen sind, aber inzwischen habe ich gelernt, bei solchen Gelegenheiten einen klaren Cut zu machen und einfach klipp und klar zu sagen, dass sie mir mit ihrer Rumreiterei auf Themen, die mir scheißegal sind, auf den Sack geht. Schon etwas netter natürlich… aber dennoch.

Nachdem die großen, schwarzen Tiefs zum Winter hin Überhand nahmen und sich die Selbstmordgedanken häuften, entschloss ich mich dann auch für eine medikamentöse Behandlung. Auch hier hat mir meine Therapeutin sehr geholfen, weil sie mir sehr kurzfristig einen Termin besorgen konnte.

Und seitdem habe ich kein einziges richtiges Tief mehr erlebt. Stattdessen: Tage, an denen ich zwar MERKTE, dass ich OHNE Tabletten total abgestürzt wäre, aber sich das alles MIT Tabletten voll im Rahmen des Erträglichen bewegte. Gleichzeitig wurde ich umgänglicher, fröhlicher und fand plötzlich wieder Interesse an diversen Sachen. Überhaupt bin ich viel fitter und die bleierne Müdigkeit, die mich oft so erstarrt hat, ist einfach weg.

Problem ist einzig die richtige Dosierung. Von richtig schlimmen Nebenwirkungen bin ich zwar nicht betroffen, aber trotzdem wird mir von der niedrigsten Dosierung ziemlich schlecht, was dazu führt, dass ich zwar fit bin und was tun KÖNNTE, aber dann doch NICHTS tue, weil ich mich bei Krankheiten wie ein kleines Baby verhalte und pausenlos nur rumplärren könnte, während ich mich auf der Couch einrolle und im Endeffekt doch nichts tun kann.

Diese Übelkeit ist mit der mittleren Dosierung seltsamerweise weg und mit der höchsten Dosierung plötzlich wieder da. Ich habe keine Ahnung wieso!

Gleichzeitig habe ich die letzen Monate gemerkt, dass mich die Tabletten ZU chillig machen. So hätte ich dann zwar immer noch megaviele wichtige Sachen zu erledigen und auch die nötige Energie dafür – aber ich tue es nicht, weil es mir plötzlich irgendwie scheißegal ist. Womit ich schließlich doch nichts tue. Wenn ein Dilemma weh tun würde, würde ich nur noch brüllen!

Ich habe im letzten Jahr mehr Artikel zu diesem Blog nicht geschrieben als tatsächlich geschrieben. Mein Entwurfsordner quillt vollkommen über und das sind nur die Ideen, die ich nicht wieder vergessen habe, weil ich mich nicht sofort damit befasste. Das ist etwas, was mir selber tierisch auf den Sack geht.

Allerdings war Neujahr… ich weiß nicht. Viele Leute machen sich ja nur allzu gern darüber lustig, dass man Vorsätze fasst. Ich dagegen denke: Wer Vorsätze macht, schafft sie vielleicht nicht, aber wer keine macht erst recht nicht!!!
Meine Vorsätze bestanden daraus, endlich all das aufzuarbeiten, das sich in letzter Zeit angesammelt hat und gleichzeitig die Dinge zu erledigen, die noch vor mir liegen. Klingt erstmal unspannend und irgendwie meh.

Aber Leute: ES KLAPPT. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber seit dieser Woche bin ich so dermaßen motiviert wie noch nie in meinem ganzen verschissenen Leben!! Ich TUE DINGE!!! Und das sogar SOFORT!!! Und, verdammt nochmal: ES KLAPPT!!!

Vielleicht war es der berühmte Klick, der passieren muss, aber ich habe diese Woche mehr wichtige Dinge erledigt als im ganzen letzten Monat. Dabei war ich gestern sogar komplett außer Gefecht gesetzt, weil ich meine Tabletten aus Versehen überdosiert habe und mir kotzübel war. Wird mir sicher NIE wieder passieren. Aber das Beste: Während meine Tage früher häufig so aussahen wie der gestrige – der praktisch nur aus Rumgammeln bestand, weil ich zu nichts anderem fähig war – habe ich mich gestern unfassbar gelangweilt!! Ich KONNTE zwar nichts tun, WOLLTE es aber unbedingt!! Und das ist doch der absolute Hammer!!!

Mehr noch: Ich FREUE mich auf kommende Arbeit! Wenn Mitbewohner Dave demnächst auszieht, wollen Mitbewohner David und ich die Wohnung so richtig auf den Kopf stellen und so kommt es plötzlich, dass ich es gar nicht erwarten kann, das Wohnzimmer umzudekorieren! Und sein altes Zimmer einzurichten!! Und sogar das blöde Kühlfach endlich abtauen zu können!!!

Ich weiß nicht, was mit mir los ist und wieso, aber es gefällt mir! Und auch meine Therapeutin hat gesagt, dass ich Optimismus und Tatendrang ausstrahle! Dann muss es ja stimmen – die Frau ist vom Fach!!!

Ich habe also berechtigte Hoffnung… nein, vergesst das. Ich WEISS, dass ich mein Leben auf die Reihe kriegen werde. Ich WEISS es.

Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!

Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!

Am Dienstag habe ich mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten bei dem Gedanken ertappt, glücklich zu sein 🙂 So starte ich das neue Jahr nicht nur als Teil einer neuen Beziehung 😀 sondern auch mit frischer, nie dagewesener Energie! Mit dem Versprechen an mich selbst: I WILL GET SHIT DONE – und dazu gehört hoffentlich auch einiges meiner alten Blogartikel-Karteileichen!

Euch allen ein superschönes neues Jahr!

Awareness: Ein Nachtrag an meine Leser

Noch ein Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und zum Nachfolgeartikel Awareness – und jetzt? Dieser richtet sich an die vielen Leser, die dadurch – oft erstmalig – zu meinem Blog gefunden haben.

Lange habe ich mich nicht geäußert, auch wenn mich immer noch fast täglich Kommentare zu den Artikeln erreichen – ob nun hier im Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail. Die Resonanz auf meine Artikel hat mich absolut überwältigt und ich habe mich über jeden gefreut, der sich dafür bedankt hat oder wichtige Anmerkungen hinterlassen hat.

Leider habe ich es nicht geschafft, auf alle Kommentare zu antworten (sogar auf die meisten nicht). Einerseits, weil mich die pure Masse erschlagen hat, andererseits aber auch, weil ich im echten Leben grade sehr viel Stress habe und damit einfach keine Zeit. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein fettes DANKE! hinterlassen an alle, die sich die Zeit genommen haben, sich damit auseinander zu setzen. Ihr seid toll!

Einige Kommentare enthielten auch Fragen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vor allem aber möchte ich einiges ergänzen und erzählen, wie es mir momentan geht.

Zuerst mal ein bisschen mehr zu meinem Werdegang. Mein erster Artikel enthielt ein gewaltiges Plothole, von dem ich sicher war, dass es mir zur Last gelegt werden wird. Tatsächlich ist es aber nur einen Kommentatorin aufgefallen und die kam auch noch ziemlich spät. Leute, ihr müsst mehr aufpassen! ^^
Das Plothole äußert sich in folgender Frage: „Woher weißt du eigentlich, dass du depressiv bist?“ – denn ohne Facharzt keine Diagnose. Das ist eine gute Frage, auf die ich näher eingehen will.

Als ich mich an die Konzeption des Artikels machte, war der Teil, der sich mit meinem persönlichen Werdegang beschäftigt, viel länger. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich einiges davon rausgeschmissen, um den ohnehin schon viel zu langen Artikel zu straffen. Ich entschied mich für die Phase der letzten paar Jahre, die mir wegen dem erfolglosen Kampf für einen Therapieplatz besonders enttäuschend im Gedächtnis geblieben ist.

Tatsächlich war ich aber einer ambulanten Therapie bereits einmal sehr nahe. Dem voraus ging eine ziemlich beschissene Jugend, während der sich meine Depression manifestierte. Ich schätze heute, dass ich wirklich ernsthaft depressiv bin seit meinem 13. oder 14. Lebensjahr. Damit einher ging Soziale Phobie, SVV (selbstverletzendes Verhalten) und spätestens nach dem Abitur auch eine dicke Adoleszentenkrise. In dieser Phase wurde von mir erwartet, einen Berufsweg einzuschlagen, obwohl es mir damals aufgrund der Depression unmöglich war, sinnvolle Entscheidungen dahingehend zu treffen oder mich darum zu kümmern. Dies führte zu (weiteren) gewaltigen Stress mit meiner Familie.

Mit 20, immer noch ohne Studienplatz oder Lehrstelle, offenbarte ich schließlich nach langem Ringen meinen Eltern meine Vermutung, depressiv zu sein. Wenn ich dadurch Hilfe erwartet habe, dann wurde diese Hoffnung enttäuscht – meine Eltern taten gar nichts. Aber da das böse D-Wort nun endlich ausgesprochen war, versuchte ich, mich um einen Therapeuten zu kümmern, von denen es auf dem Land leider noch weniger gibt als in der Stadt.
Der erste Therapeut entpuppte sich als Neurologe, der mir Fluoxetin verschrieb, das ich wegen gewaltiger Nebenwirkungen jedoch schnell wieder absetzte. Ansonsten konnte er, da ohne Therapeutenausbildung, nicht viel für mich tun, aber er regte für mich an, in eine Psychosomatische Klinik zu gehen, um die Zeit zu überbrücken, bis ich einen ambulanten Therapeutenplatz bekomme.

Um dort aufgenommen zu werden, sollte ich in der Klinik ein Gespräch mit dem Oberarzt führen – das meine Mutter eine Woche vorher ohne meine Zustimmung absagte. Das hätte sie selbstverständlich, da ich volljährig war, nicht gedurft, aber offensichtlich kann sie sehr überzeugend sein.
Der Grund ist wohl in ihrer absoluten Panik zu suchen, ich könnte irgendwie „nicht normal“ sein. Das passte nicht in ihr Konzept und ihre Familienplanung, also schleppte sie mich stattdessen zu Heilpraktikern und schickte mich zu einer ambulanten Gruppentherapie in ein Krankenhaus, das so weit weg lag, dass ich fast eine Stunde Auto fahren musste – und das im tiefsten Winter, obwohl sie mich sonst nie fahren ließ, wenn das Thermometer den Nullpunkt auch nur kratzte. Außerdem war es IHR Auto, das ich dafür nutzen musste, obwohl das bedeutet hätte, dass sie einmal in der Woche mit dem Bus zur Arbeit hätte fahren müssen. (Die Gruppentherapie entpuppte sich aber bereits beim Anmeldegespräch als absoluter Fail und die Therapeutin war selbst der Ansicht, dass ein stationärer Aufenthalt besser für mich wäre, also blieb es bei diesem einzigen Besuch.)

Mit all dem wollte meine Mutter mich über ihr absolut übergriffiges Verhalten hinweg trösten, aber ich ließ das nicht mit mir machen und vereinbarte einen neuen Termin in der Klinik, was sich aber Dank Feiertagen, Jahreswechsel etc. weiter nach hinten schob.

Dennoch konnte ich wenige Monate später in die Psychosomatische Klinik gehen, wo die Diagnose „Depression“, die mein Neurologe gestellt hatte, nochmal bestätigt wurde.

Ich sollte sechs Wochen dort bleiben, was später auf acht Wochen verlängert wurde. Leider kann ich nicht sagen, dass mir irgendetwas davon geholfen hätte. Ich war dort für Wochen die einzige Depressive und zudem die mit Abstand Jüngste. Ich saß dort mit Menschen mit Panikattacken, Leuten, die um Angehörige trauerten und nicht zuletzt einigen Patienten, die an Schmerzen litten, für die keine körperlichen Ursachen ermittelt werden konnten (Psychosomatik eben), aber überhaupt nicht verstanden, weshalb sie deshalb über GEFÜHLE REDEN sollten. Mit anderen Worten: Ich habe mich sehr, sehr unwohl gefühlt. Erst Recht, da alle um mich herum sehr schnell gesund zu werden schienen, aber anscheinend niemand meine Erkrankung nachvollziehen konnte. Ich wurde von Pflegern dafür kritisiert, dass ich soviel schlief und nicht aufstand, wenn plötzlich zehn Leute bei der morgendlichen Visite vor mir standen und wissen wollten, wie es mir geht. Bei der Gruppentherapie heulte ich meist durchgängig die ganze Sitzung lang, aber da die Therapeutin der Meinung war, dass ich mich schon selber melden müsse, wenn ich über was reden wollte, blieb es meistens dabei, also heulte ich, während ich zum 20. Mal die traurige Geschichte einer viel zu früh verstorbenen Ehefrau hören musste oder die verständnislosen Fragen einer Frau, die offensichtlich nicht kapiert hatte, warum man sie wegen ominöser Ohrenschmerzen in die „Klapse“ schickt.
Die Therapeutin dagegen, die meine Einzelsitzungen leitete, schien hingegen schlichtweg überfordert. Ihr offensichtlich rein verhaltenstherapeutischer Ansatz erschöpfte sich in Phrasen wie „Und wenn Sie versuchen, das nicht so anzugehen, sondern so oder so?“, mit denen ich damals einfach nichts anfangen konnte. Alternativen hatte sie aber nicht, also gab sie mir am Ende die resignierte Bemerkung mit auf den Weg, gegen diesen „Berg aus Traurigkeit“ einfach nicht anzukommen.

Ich verließ die Klinik also mit dem erhebenden Gefühl, ein hoffnungsloser Fall zu sein, und der traurigen Gewissheit, dass die Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, zum endgültigen Bruch mit meiner Familie geführt hatte. Seitdem habe ich außerdem eine bereits geschilderte Abneigung gegen Gruppentherapien, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Diese Klinik war für mich nicht der richtige Ort gewesen – aber am meisten verbittert mich, dass man sich dort nicht für mich um eine ordentliche Nachsorge gekümmert hat. Diese Leute hatten die Zeit, die Ressourcen und die Expertise, mir an meinem Studienort (denn direkt an den Klinikaufenthalt schloss sich endlich mein erstes Semester an, das ich aber vollständig an mir vorbei gehen ließ) oder auch Zuhause einen ambulanten Therapieplatz zu besorgen, aber dahingehend ist NICHTS passiert. Ich wurde nach dem Maximum der möglichen Zeit ungeheilt praktisch auf die Straße geworfen und bin seitdem ohne Behandlung. Die Suche danach habe ich ja schon erschöpfend geschildert.

Es ist schwer zu sagen, ob es mir heute besser oder schlechter geht als damals. Einerseits hat sich vieles bei mir verbessert. Meine Soziale Phobie, damals ganz massiv, habe ich selbstständig und unter großen Anstrengungen alleine in den Griff gekriegt. Das habe ich geschafft, indem ich mich bewusst immer wieder in für mich unangenehme Situationen gebracht habe, bis sie nicht mehr unangenehm waren – klassische Desensibilisierung. Übrig geblieben ist eine gewisse Social Akwardness, die aber vielleicht auch einfach Teil meines Charakters ist und mit der ich leben kann. Auch hat mir meine Arbeit als Kellnerin, der ich seit vier Jahren nachgehe, was vor neun Jahren völlig unmöglich gewesen wäre, mehr Selbstbewusstsein verschafft.
Dennoch sind die schwarzen Phasen, so scheint es mir zumindest, heutzutage wesentlich schwärzer als damals. Sie suchen mich allerdings auch nicht mehr so häufig heim – wenn aber doch, dann voll in die Fresse. Eine solche Phase hatte ich diesen Winter, was ich als die schlimmste Zeit meines Lebens in Erinnerung habe.

Momentan sieht es also so aus, dass es mir besser geht, ich aber dennoch weiterhin eine Therapie suche. Dank des vielen positiven Feedbacks sehe ich das allerdings nicht mehr so pessimistisch wie noch vor kurzem.
So sollte ich erwähnen, dass die Passagen, die sich mit der Therapeutensuche beschäftigten, alle im Präsens geschrieben waren, aber der letzte Teil davon – der, in dem ich diesen blöden Anamnesebogen vor mir habe – bereits drei Monate zurück liegt. Ich habe das dämliche Teil nicht nur ausgefüllt (mit ein bisschen Hilfe meiner Mitbewohner), sondern sogar geschafft, es zur Post zu bringen. Ich habe also schon die Hälfte der sechsmonatigen Wartezeit rum und vielleicht ergibt sich da ja was.
Andere Vorschläge wie Tagesklinik oder die Empfehlung, es doch mal in der Psychiatrie zu versuchen, sind leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar. Ich erhalte zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei finanzielle Unterstützung von irgendjemanden oder irgendeinem Amt, weshalb ich arbeiten gehen MUSS, allein um meine Wohnung und mein Essen zu bezahlen. Auch halte ich eine Psychiatrie (und eine Tagesklinik ist meist einer Psychiatrie angeschlossen) immer noch für den für mich letzten Ausweg, der für mich nur im absoluten Notfall in Frage kommt.

Was sich jedoch geändert hat: Die vielen Tipps bezüglich sozialpsychatrischem Dienst, der einem bei der Therapeutensuche helfen kann, möchte ich definitiv in Anspruch nehmen, sobald mein aktueller Real-Life-Stress etwas nachgelassen hat. Das soll mein zweites Standbein sein, falls es mit der oben angesprochenen Therapie nicht klappt. Und außerdem hat sich eine sehr nette Expertin bei mir per Twitter-DM gemeldet und es geschafft, mir meine absolute Abneigung gegen Psychopharmaka zu nehmen. Möglicherweise kann sich dadurch ja auch einiges verbessern. Zumindest ist es nach 10 Jahren ein neuer Versuch wert.

Ihr seht, so krass am Boden bin ich momentan nicht, auch weil sich unlängst einige positive Entwicklungen im Real Life ergeben haben, die mich sehr aufgebaut haben. Dennoch fühle ich mich seit meinen Artikel etwas unsicher gerade im Hinblick auf diesen Blog. Ich habe seitdem einige Twitter-Follower dazu gewonnen, aber allein die Followerzahlen meines Blogs gingen danach von ca. 160 hoch auf über 210!! Verglichen mit manch anderen Bloggern mag das nicht viel sein, aber es ist immerhin eine Erhöhung um ein fettes Drittel. Gleichzeitig zeigen mir meine Statistiken, dass unmöglich alle diese neuen Abonnenten in meinem Blog quergelesen haben können, um zu sehen, was ich eigentlich sonst so von mir gebe.

Ich befürchte, die könnten am Ende alle enttäuscht sein, wenn ich plötzlich wieder zu meinen normalen Themen zurück kehre und höchstens einmal im Monat etwas schreibe, was über einen kurzen Lacher oder einen Rant über einen doofen Film hinaus geht. Und Depressionen waren hier bisher sehr selten Thema, was eigentlich auch so bleiben soll, da ich vermutlich schon viel zu viel erzählt habe und das Gefühl nicht mag, nur noch darüber definiert zu werden. Ich möchte wirklich nicht von Leuten, die mit mir vorher ganz ungezwungen Quatsch gemacht haben, plötzlich wie ein rohes Ei behandelt werden.

Deshalb sitze ich jetzt hier und grüble über Blogideen. So fehlt ja immer noch mein Reisebericht aus den USA, den ich unbedingt schreiben wollte. Außerdem hatte ich eigentlich vorgehabt, zur Feier meines jüngsten Nebenbroterwerbs (DJ!) ein paar Mixtapes zu veröffentlichen, wobei ich als erstes einen von mir so betitelten „Depressive“-Mix vorgesehen hatte, aber nach diesen letzten Wochen habe ich keine Ahnung, wie sowas wohl ankommen würde. Ohnehin neige ich dazu, über meine Depression Witze zu reißen, was bestimmt auch einige sehr seltsam finden.

Andererseits kann ich sowieso nicht aus meiner Haut, also werden sich meine Themen wohl nicht wirklich ändern. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu aber leider nicht sagen, außer, dass ich hoffe, euch nicht allzu sehr zu enttäuschen ^^

Awareness: Ein Nachtrag an meine Kritiker

Dies ist ein weiterer Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und richtet sich an diejenigen, die ihn kritisiert haben. Alle anderen bitte hier entlang.

Liebe Leser, liebe Kritiker: Ich habe einen Fehler gemacht.

Aber bevor ihr euch jetzt freut: Nein, dies wird keine Entschuldigung für meinen Artikel. Er war mir sehr wichtig und ich stehe hinter jedem Wort. Dennoch habe ich einen Fehler gemacht. Und auch, wenn ihr so tierisch gut darin seid, über Nonmentions zu hetzen und mir Dinge zu unterstellen ohne den geringsten Willen, vielleicht mal nachzufragen, ob die leise Möglichkeit besteht, dass ihr vielleicht etwas falsch verstanden habt, damit ich mich erklären kann, sei mir auf meinem eigenen Blog eine Klarstellung gestattet. Diese geht so:

Dies ist mein Blog. Die Artikel, die ich hier schreibe, ordne ich in Geiste in zwei Kategorien. Die erste Kategorie nenne ich „banal“ – es geht um Dinge (meist Filme, Musik, lustiger Alltag) die mich interessieren, die aber, so ehrlich muss man sein, nicht gerade weltbewegend sind, auch wenn es mir Spaß macht, Beiträge darüber zu schreiben und es hoffentlich ein paar Leuten Spaß macht, sie zu lesen.
Die zweite Kategorie nenne ich „Debattenbeitrag“ – und hier ordne ich Artikel ein, die ich in irgendeiner Weise für relevant halte, so beschränkt das auch manchmal sein mag.

Es befinden sich Artikel in dieser Kategorie, die ich selber nicht besonders gelungen finde. Andere dagegen schon. Mein „Awareness“-Artikel gehört zu letzteren.

Nun kann ich nach ein paar Jahren bloggen ungefähr abschätzen, wie gut ein Artikel ankommt oder auch nicht. An normalen Tagen, an dem ich gar keinen Artikel veröffentliche, bekomme ich etwa 200-300 Klicks, an Tagen mit Artikel bis zu doppelt so viel. Mein bisher bester Artikel erreichte, wenn ich mich recht erinnere, knapp tausend Klicks am Tag seiner Veröffentlichung. Das mag für diverse etablierte Blogger ein Fliegenschiss sein, aber für meine Verhältnisse war das sehr viel.

Was ich damit sagen will: Ich war und bin stolz auf meinen Artikel und ich wusste auch, dass er gut ist, aber nichts, was ich bisher blogtechnisch veranstaltet habe, hätte mich darauf vorbereiten können, wie sehr dieser Artikel einschlägt. Oder um das zu illustrieren:

Blogstatistik

Normalerweise gehe ich davon aus, dass meine Artikel von Bloggerfreunden und einigen Followern auf Twitter geklickt und gelesen werden. Mit anderen Worten: Leuten, die mich ein bisschen kennen. Und hier lag mein Fehler. Ich habe schlicht unterschätzt, wie relevant der Artikel tatsächlich war (und es ist mir scheißegal, ob das jetzt arrogant klingt). Ich konnte nicht damit rechnen, dass er so oft geteilt wird und ein Stefan Niggemeier ihn auf Facebook verlinkt und dass er deshalb hauptsächlich Leser erreicht, die mich NICHT kennen und deshalb einige davon gewisse Inhalte falsch einordnen (wollen).

Ich stelle darum hiermit klar:

Ich habe weder etwas gegen den Hashtag #notjustsad, noch sollte der Artikel ein Angriff gegen seine Initiatorinnen sein, da ich diesen im Gegenteil für den Hashtag sehr dankbar war, und erst Recht nicht wollte ich damit Menschen verhöhnen, die unter diesem Hashtag von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen berichtet haben.

Tja, aber das glaubt ihr mir jetzt nicht, stimmt’s? Das Label „Feind“ passt ja auch so gut. Aber wenn ihr mich und meine Onlineaktivitäten schon nicht kennt, dann wäre ein bisschen Recherche ja vielleicht ganz hilfreich gewesen. Dabei wäre man beispielsweise auf diesen Tweet gestoßen:

Oder den hier:

Oder den:

See? Ich habe VON ANFANG AN unter diesen Hashtag getwittert. Die (vollständige?) Liste findet man ganz einfach bei Twitter, wenn man sich denn die Mühe macht, danach zu suchen. Meine vielen Retweets sind da leider nicht enthalten, ich weiß nicht, wie man die ermitteln kann. Warum um alles in der Welt sollte ich jetzt Leute dumm anmachen, die den Hashtag benutzen? Ich habe ihn doch selber benutzt!! Das gilt im Übrigen auch für den vergleichbaren, aber zu meinem Thema an sich viel passenderen Hashtag #isjairre, der leider nicht so viel Würdigung erfahren hat.

Falls das immer noch nicht reicht: Ich habe mich auch regelmäßig an ähnlichen Hashtags beteiligt. #Aufschrei war sogar der Grund, weshalb ich mich überhaupt bei Twitter angemeldet habe!!! Zudem habe ich ihn, wenn nötig, immer verteidigt (nachzulesen beispielsweise hier, hier und hier).

Und um dem Ganzen noch ein Krönchen aufzusetzen, habe ich SOGAR SELBST mal einen aktivistischen Hashtag erfunden, der wenigstens kurze Zeit munter benutzt worden ist.

So. Sehe ich mit diesem Hintergrund für euch wie eine Person aus, die Leute blöd von der Seite ankackt, weil sie Hashtags erfinden oder sich gar nur des schröcklichen Verbrechens schuldig machen, darunter zu twittern?!

Hätte ich gewusst, dass der Artikel so populär wird, hätte ich ihn anders geschrieben. Nicht, weil ich nicht hinter der harten Kritik stehe, die ich darin äußere, sondern weil ich nicht davon ausgehe, dass diese ganzen mir unbekannten Leser auf Twitter aktiv sind und den Hashtag #notjustsad kennen. Twitter ist und bleibt in Deutschland ein Minderheitenmedium. Ich hätte die ein oder andere Erklärung mit eingeschoben, aber an meiner Kritik hätte sich nichts geändert, auch wenn mir die zahlreichen Kommentare egal ob auf meinem Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail von Betroffenen, die sich bei mir bedankt haben, deutlich zeigten, dass die meisten sich nur von dem Teil „persönlicher Erfahrungsbericht“ angesprochen gefühlt haben. Das ist für mich völlig ok, beweist mir aber auch, dass die Kritik, ich hätte ALLE Betroffene damit beleidigt, absolut substanzlos ist!

Meine einzige Sorge bei dem Artikel war, dass sich Leute angesprochen fühlen könnten, die mir in den letzten schlimmen Monaten durch liebe Worte, virtuelle Hugs oder besorgte Nachrichten beigestanden haben. Das hat mir sehr gut getan, auch wenn ich oft nicht darauf reagieren konnte, und ich fürchtete sehr, dass sich von DIESEN Leuten jemand attackiert fühlen könnte. Deshalb habe ich den Disclaimer gesetzt:

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

 

Und that’s it. Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, man könnte dahinter einen Angriff gegen #notjustsad und seine Nutzer vermuten.

Jetzt könnte ich hier einen Cut machen und es mir am Arsch vorbei gehen lassen, dass manche den Artikel falsch verstanden haben. Aber einiges, was ich an Kritik dazu gelesen habe (und ich habe bewusst nicht viel dazu gelesen – wenn man schon zu feige ist, mich persönlich anzusprechen), ist so himmelschreiend blöd, dass ich ein paar Perlen herauspicken will.

Damit also nochmal zu dem Vorwurf, ich hätte ALLE Betroffenen beleidigen wollen, die den Hashtag benutzt oder Tweets, die darunter geschrieben wurden, retweetet haben. Das ist Schwachsinn. An wen ich adressiere, wird bereits in einem der ersten Absätze klar, wenn man denn willig ist zu verstehen:

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Diese Sätze stammen von mir, sind aber ganz klar NICHT aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben und jeder, der das nicht erkennt, sollte vielleicht die 7. Klasse Deutsch wiederholen. Glaubt ihr ernsthaft, irgendein Betroffener würde von „diesen armen Depressiven“ reden? Oder sich gar GUT fühlen, wenn er einen solchen Tweet teilt?
Ich sage euch, wie ICH mich bei jedem Retweet gefühlt habe: absolut beschissen. Weil die Tweets Dinge ansprachen, die ich kenne und unter denen ich leide. Das zu retweeten hat KEINEN Spaß gemacht und hat mir auch keine moralische Erleichterung verschafft!

Stattdessen habe ich damit Menschen ansprechen wollen, die glauben, sie hätten durch ein oder zwei Retweets ihre gute Tat des Tages vollbracht und sich ganz arg cool dabei fühlen, Dinge zu wissen (sprich, aware zu sein), die eigentlich jedes Schulkind wissen sollte. Euch ist bewusst, dass eine Depression NICHT NUR TRAURIGKEIT bedeutet? Herzlichen Glückwunsch: DAS IST KEINE LEISTUNG!!!
Es können hier gar keine Betroffenen gemeint sein, denn diese sind sich logischerweise ihrer Probleme aware, ob sie wollen oder nicht!

Die Awareness dieser Menschen – und erzählt mir BITTE nicht, dass es solche Leute nicht gibt!! – ist nichts dolles, sondern Scheiße! Selbstzentrierte „Ach was bin ich doch so ein guter Mensch“-Scheiße! Ein reines Kreisen um sich selbst, pure Selbstbeweihräucherung, die, wenn überhaupt, Betroffenen nur aus Versehen tatsächlich nutzt – und darum ist es eine völlig falsche Art Awareness, die ich weder akzeptieren, noch abfeiern muss!

Es wurde mir darüber hinaus zur Last gelegt, ich sei mit einem bestimmten Artikel dazu nicht einverstanden gewesen. Das ist ebenfalls Bullshit. Ich war mit fast KEINEM Überblicksartikel dazu so richtig einverstanden, egal ob in Blogs oder, für mich wesentlich massiver, in Onlinemedien! Diese waren, ich schrieb es bereits, „beiläufig, oberflächlich und an den tatsächlichen Problemen vorbei“.

Ich könnte hier jeden beliebigen Artikel dazu rauspicken, egal ob Spiegel, Focus, FAZ etc. pp.. Am besten haben mir ja die gefallen, die ganz „kompakt“ in einem Satz aufgezählt haben, was für Symptome mit Depressionen einher gehen. Darunter natürlich die Evergreens: „Schlaflosigkeit“ (tja, ich habe genau das Gegenteil!), „Antrieblosigkeit“ (mein großes Hauptthema, das in dieser Kürze aber nur zu der dämlichen Frage führt, warum ich es dann schaffe, einen so langen Text darüber zu schreiben) oder „verminderter Appetit“ (mein Liebling, da völlig unzutreffend. Ich höre sie schon ungläubig stammeln: „Wenn du depressiv bist, warum bist du dann so fett?“).
Viele dieser Symptome treffen nur auf einen Teil der Betroffenen zu und viele Symptome äußern sich bei einen Teil in umgekehrter Weise. Es ist genau diese Art Halbwissen, das für mich keine Awareness darstellt, sondern das Gegenteil! Und wenn das Ganze, wie bei fast jedem Artikel dazu, dann noch von einem semiinformierten Autor, der gerade Geld dafür bekommen hat, seinen Lesern einen Wikipedia-Besuch zu ersparen, mit einem lieblos hingeklatschten Link zum Sorgentelefon (das übrigens zu meiner Zeit immer besetzt war) garniert wird, fühle ich mich als Betroffene nicht nur nicht wirklich repräsentiert, sondern offen beleidigt!

Dann haben sich einige offensichtlich an dieser Passage gestoßen:

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem.

Ich las, ich würde damit einerseits allgemein Leute beleidigen, die sich in Psychiatrien einweisen lassen, und Menschen mit Schizophrenie und Psychosen im Besonderen. Ähähä – nein.

Kurze Anekdote: Ich war mal in einer Drogenrehaklinik. Nicht als Klientin, sondern als Praktikantin. Dort traf ich ein Mädchen, das die 9-monatige Reha nach drei Tagen abbrach und deshalb von den Therapeuten total gehatet wurde.
Dabei war das Mädchen dort einfach nur falsch. Sie hatte mit Sicherheit psychische Probleme und brauchte Hilfe, aber in dieser Klinik war sie eine Kifferin unter Junkies. Männern, die sich mit Beschaffungskriminalität strafbar gemacht haben, Frauen, die sich (teilweise von frühster Jugend an) prostituieren mussten, um ihre Sucht zu finanzieren. Ein Teil bestand aus verurteilten Gewaltverbrechern, deren Gefängnisstrafe vom Gericht mit der Auflage zur Bewährung ausgesetzt worden war, eine Drogentherapie zu machen, ein Teil hatte ansteckende Krankheiten wie HIV oder Hepatitis C, jeder einzelne entstammte einer völlig anderen Lebenswelt.
Versteht mich nicht falsch: Alle Klienten hatte eine schwere Vergangenheit hinter sich und die meisten waren furchtbar liebe Menschen, die einfach nie eine Chance im Leben hatten. Aber das Mädchen passte da nicht rein. Sie hat, Herrgott nochmal, nur gekifft. Vermutlich ist sie von ihren Eltern dorthin verfrachtet worden, die nicht sehen wollten, dass ihr Substanzmissbrauch lediglich ein Symptom für eine andere psychische Erkrankung war. Sie steckte da mit Hardcore-Drogensüchtigen mit Lebensgeschichten wie aus einem Thriller, die noch dazu auf sie herab blickten, und fühlte sich so unwohl, dass sie es nicht mal eine Woche ausgehalten hat.

Versteht ihr, was ich damit sagen will? Sowohl das Mädchen als auch die anderen Klienten brauchten Hilfe, VERDIENTEN Hilfe, aber das heißt noch lange nicht, dass man sie ZUSAMMEN behandeln sollte und kann!!

Man legt eine Frau, die gerade ihr Baby verloren hat, im Krankenhaus nicht mit einer frischgebackenen Mutter auf ein Zimmer, man steckt 60jährige Alkoholiker nicht in eine Klinik für Magersüchtige, man behandelt traumatisierte Missbrauchsopfer nicht zusammen mit Pädophilen. Komischerweise leuchtet DAS jedem ein. Warum darf also ICH nicht für MICH bestimmen, was ich ertragen kann und was nicht?

Hier äußert sich eine weitere abartige Scheinheiligkeit dieser sogenannten Awareness, die einerseits weit über’s Ziel hinaus schießt, als auch völlig an der Sache vorbei geht: der diskriminierte Mensch als ewig unschuldiges Opfer. Und das ist wiederum diskriminierender (wenn ihr es so wollt „ableistischer“) als viele andere Diskriminierungserfahrungen.

Ich bin kein besserer Mensch, weil ich Depressionen habe. Im Gegenteil. Ich weiß, dass ich dadurch schwieriger werde, meinem Umfeld einiges abverlange. Als ich vor einigen Monaten so richtig am Boden war und mein Mitbewohner mich hilflos trösten wollte, antworte ich auf die Frage, woran ich gerade denke: „Wem ich mein ganzes Zeug vermache.“
Klar ist es scheiße, dass ich armes krankes Ding in diesem Moment an Selbstmord dachte – aber es war auch scheiße, ihn mit einem solchen Spruch zu belasten. Nun ist es von meiner Seite aus absoluter Standard, auch in den schlimmsten Momenten seinen Freunden beizustehen, aber dennoch kann man sich deswegen nicht alles erlauben! Genau das scheinen jedoch einige für uns Betroffene in Anspruch zu nehmen – dass wir in Watte gepackt und jedes noch so belastende Verhalten unsererseits nicht hingenommen werden kann, sondern hingenommen werden muss.

Und DAS ist diskriminierend. Ich leide NUR an Depressionen. Mein Verstand funktioniert hervorragend. Ich WEISS, wenn ich mit einem solchen Verhalten zuweit gehe und möchte KEINE Sonderrechte auf Kosten der Gesundheit anderer. Das bedeutet für mich nur, dass ich nicht für voll genommen werde. Und DAS ist beleidigend!

Aber genau diese Haltung macht mich nun offensichtlich nicht mehr zum unschuldigen Opfer, sondern zur verachtenswerten Täterin, die es doch tatsächlich wagt zu sagen, dass psychisch Kranke anstrengend sein können.

Aber eine Psychiatrie ist kein Mädchenpensionat. Ich habe mehrere als Besucherin von innen gesehen und von noch mehr ist mir berichtet worden. Natürlich ist eine Psychiatrie für viele die letzte Rettung und daher absolut notwendig und jedem, der sich einweisen lassen will, gebe ich meine besten Wünsche auf den Weg. Aber ich fühle mich dort nicht wohl. ICH fühle MICH dort nicht wohl. Und ja, das liegt auch an Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen, die ich weder komplett erfassen, noch in Situationen, in denen es mir so richtig dreckig geht, ertragen kann. Schizophrenie ist eine oft (nicht immer) schwere Krankheit mit Wahrnehmungsstörungen, mit der ich selbst in meiner besten Verfassung nicht umgehen kann. Und eine Psychose, ob drogeninduziert oder nicht, ist einfach ein krasser Ausnahmezustand für alle Beteiligten, womit ich ebenfalls nicht klar komme. Von gesunden Menschen, die einfach nur zu viel gesoffen haben, aber deswegen die halbe Nacht randalieren oder kotzen, gar nicht erst zu reden. In einem solchen Umfeld kann ich mich nicht meiner eigenen Genesung widmen, in einem solchen Umfeld stünde ich permanent unter Stress, den man sonst nur professionell ausgebildetem Personal zumutet.

Ich weiß nicht, wie oft schon rumgejault wurde, weil Veranstaltung X oder Barcamp Y keine „Safe Spaces“ bietet, und das längst nicht nur von Personen mit Beeinträchtigungen, sondern körperlich und geistig völlig gesunden Menschen, die trotzdem aus welchem Grund auch immer keine Lust hatten, mit bestimmten Personengruppen einen Raum zu teilen. Wer seid IHR, MIR als einer Betroffenen einer psychischen Erkrankung dieses Recht in einem Raum, der auf Heilung ausgelegt ist, abzusprechen!? Wer seid IHR, dass ihr MICH dazu zwingen wollt, mich in meinen schlimmsten Momenten mit schwerwiegenden Störungen auseinander setzen zu müssen, mit denen ihr als Nichtbetroffene niemals in Berührung kommen werdet?! Und wer seid IHR, MIR wegen dieses realistischen Blicks auf diese Störungen, gegen den ihr die Augen verschließt und das Awareness nennt, und meiner eigenen Einschätzung meiner Fähigkeit, damit umzugehen, DISKRIMINIERUNG vorzuwerfen?!

Was, zur Hölle, erlaubt ihr euch?! Um es mal in eurem Jargon zu sagen: CHECKT MAL EURE VERDAMMTEN PRIVILEGIEN!!!

Und damit wären wir bei den größten Heuchlern von allen angekommen. Die, die ich ganz besonders ansprechen wollte. Die, die an andere moralische Maßstäbe anlegen, die bis zum Mond reichen, aber selber so unreflektiert und anmaßend sind wie Scheiße.

Das größte Problem nämlich, das einige mit meinem Artikel zu haben schienen, war dieses: Ich bin ich. Ich habe eine Meinung. Diese Meinung deckt sich nicht mit ihrer Meinung. Und darum bin ich The Ultimate Evil, schlimmer als Hitler und die AfD zusammen.

Warum sonst, liebe Leute, spielt es auch nur die geringste Rolle, dass ich feministische Positionen vertrete, die andere nicht teilen? Was um alles in der Welt hat das damit zu tun, dass ich als Depressive nicht die Hilfe bekomme, die ich brauche? Was steckt dahinter, wenn nicht purer Hass gegen alles, was nicht mit diesen Leuten auf einer Linie ist?

Es ist das und GENAU DAS, was ich schon in meinem Artikel schrieb: „Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politische Programm passt.“

Und das ist die pure Heuchelei. ICH halte „Definitionsmacht“ und „Privilegientheorie“ für unzureichende Konzepte – aber IHR nicht. IHR müsst euch an euren eigenen moralische Ansprüchen messen – und versagt dabei kläglich. Eine Betroffene, die von Diskriminierungserfahrungen berichtet, jede Kompetenz abzusprechen, weil sie bei einem anderen Thema anderer Meinung ist, ist reine Bösartigkeit und genau die Art beschissene Awareness, die einzig dem Selbstzweck dient, sich toll und gut zu fühlen. Aber ihr seid nichts davon. Ihr seid keine guten Menschen. Euch sind andere Leute E-G-A-L. Und wenn es jemanden wie mich braucht, das auszusprechen und dafür die Twitterprügel zu kassieren, dann ist das eben so. Es ist nur der eindrückliche Beweis für eure Scheinheiligkeit, wenn ihr euch jede Debatte unter den Nagel reißt, sobald ein Thema aufkommt, und sie mit eurer Scheißmeinung füllt, bis jeder, der das nicht schluckt, der Feind ist und mit allen Mitteln bekämpft gehört.

Ein großes Thema dieser Meinungsführerinnen ist stets die „Intersektionalität“. Intersektionalität am Arsch. Es reicht ja nicht, depressiv zu sein, nein, man muss depressiv sein UND euren Feminismus teilen, sonst hat man von euch GAR NICHTS zu erwarten. Das ist kein Aktivismus, das ist Faschismus in Reinform!!

Das halte ich im Übrigen auch für den Grund, warum die Klassismusdebatte in Deutschland nie so wirklich in Gang gekommen ist. Von Klassismus betroffene Menschen sind nämlich nicht so fancy gebildet wie ihr, wählen in der Regel keine Studiengänge, bei denen man nicht sicher sein kann, danach einen Job zu bekommen und verstehen die ganzen Pseudoprobleme nicht, die ihr aus eurer Literatur ableitet, weil sie sie nicht gelesen und wichtigere Probleme haben oder, Gott bewahre, sie HABEN sie gelesen und kommen zu einem anderen Urteil als ihr. Dabei ist Klassismus Bildungskiller Nummer Eins in Deutschland. Nicht das Geschlecht, nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe – nein, es ist Klassismus. Aber die Betroffenen machen sich halt nicht so gut, die geben gar Widerworte, das sind keine guten Opfer, die man vorführen kann, also weg mit ihnen, auf zum nächsten Thema, die sind eh scheiße, ne?!

Es wurde über mich gehetzt, Anschuldigungen erhoben und mir auf eine Art und Weise die Möglichkeit geraubt, mich zu erklären, die mich sprachlos machen würde, wenn ich das jetzt nicht schon so oft beobachtet hätte. Keine Sau hat es interessiert, wie es MIR dabei geht. Glücklicherweise bin ich auf dem Loch wieder rausgekrochen, in dem ich den halben Winter lang saß, aber das ist nicht EUER Verdienst, wie überhaupt gar nichts, was Betroffenen hilft, euer Verdienst ist, weil ihr euch nur um euch selbst und die Bestätigung eurer Filterbubble dreht. Ich kann nur heilfroh sein, dass mich diese Scheiße nicht in einer schlimmen Phase erwischt hat. Nicht, dass das EUCH interessieren würde.

Und das war der letzte Tropfen in diesem Fass, das bereits randvoll war mit radikalfeministischer Scheiße der selbsternannten Twitterelite, die Menschen, sobald sie auch nur ein Jota von ihrer Meinung abweichen, mit Hohn und Hass überziehen und sich dafür von ihren Lemmingen feiern lassen.

Aber ich mache da nicht mit. Kapiert einfach, dass ich mich nicht an euren moralischen Maßstäben messen lasse, weil ich nämlich andere habe. Ich habe mich eurer Maßstäbe teilweise in meinem Artikel bedient, um zu demonstrieren, was ihr damit anrichtet, und dafür hattet ihr nichts als Verleumdung und Hass übrig, ohne die geringste Reflexion darüber, dass ihr euch damit gerade selbst fickt. Deshalb seid ihr nichts als Heuchler. Umso mehr, wenn ihr die Unzulänglichkeiten des Gesundheitssektors, die ich mit dem Artikel thematisiert habe, jetzt totschweigt, nur weil der aktuelle Anstoß dazu von MIR kam.

Und jetzt lasst meinetwegen den Mob los, twittert, wütetet und empört euch. Es interessiert mich nicht. Ich habe die nächsten Tage im Real Life zu viel zu tun, um mich mit eurer Scheiße zu befassen. Tobt euch aus auf Kosten einer psychisch Kranken und teilt morgen einen traurigen Tweet, wenn ihr euch dann besser fühlt. Aber erwartet dafür von MIR keinen Respekt, ihr ach so awaren scheinheiligen Pseudos, denn ihr kotzt mich immer noch an!

Fickt euch und Tschüss!

Awareness. Und jetzt?

Dies ist ein Nachtrag zu Eure Awareness kotzt mich an! Als solcher ist er aber eigentlich viel, viel wichtiger als der Ursprungsartikel. Ich freue mich über Feedback.

Leute: WOW. Noch nie ist ein Artikel von mir in nur zwei Tagen so oft geteilt und damit auch (hoffentlich, trotz der Länge) so oft gelesen worden wie „Eure Awareness kotzt mich an!“ Und noch nie habe ich so viel ausschließlich positives Feedback bekommen (auch, weil die, an die er gerichtet war, ihn beharrlich ignorieren – aber das ist ne andere Geschichte).

Ich freue mich total über das Interesse. Es zeigt mir aber auch, dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich frage mich, wie viele von uns es da draußen gibt, die von blinden Aktivismus genervt sind und sich nicht vertreten fühlen. Die viel wichtigere Probleme haben – wie dieses, trotz fehlender Hilfe von Seiten unseres Gesundheitssystems einfach den nächsten Tag zu überleben.

Es hat gut getan, mich auszukotzen, aber das reicht mir nicht. Was wirklich nötig ist, fernab von Awareness, die nicht über ein banales #notjustsad hinaus geht, wäre eine wirkliche Diskussion: darüber, wie man es ändern kann. Und dann auch tatsächlich einen Weg einzuschlagen, DER es ändert. Das habe ich bisher leider nicht wahrgenommen, aber DAS lässt sich ja ebenfalls ändern.

Mir ist es völlig egal, ob eine solche Diskussion über mich oder meinen Blog geschieht, solange sie nur bitte, bitte geschieht. Ich fasse im folgenden trotzdem meine spärlichen Ideen zusammen. Und dann hoffe ich, dass sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, die klüger sind als ich – damit sich was bewegt.


Fehlende Kassensitze

Jemand meinte gestern auf Twitter als Kommentar zu meinem Artikel, dass Therapeuten fehlen. Das stimmt so allerdings nicht (und habe ich auch nicht behauptet). Was fehlt, sind Therapeuten, die einen Kassensitz haben und ihre Behandlung daher über die Krankenkassen abrechnen. Diese Kassensitze sind nun aber, wie erschöpfend dargelegt, viel zu knapp bemessen – UND DAS WISSEN DIE KRANKENKASSEN. Sonst würden die ja nicht an ihre Therapeuten appellieren, keine Bescheinigungen auszustellen, die genau das bestätigen. Sie wissen es und sie tun NICHTS. DAS ist der eigentliche Skandal, DAS ist eines Shitstorms gewaltigen Ausmaßes würdig, DAS gehört auf eine politische Agenda!

Wo sind also die Politiker, die sich dafür einsetzen, die wirklich Druck machen können? Jeder Mensch in Deutschland ist gesetzlich gezwungen, krankenversichert zu sein – aber dann sollte man die Kassen auch zwingen, Leistungen in dem Maße zu erbringen, wie sie nachgefragt werden!

Natürlich gibt es auch noch die privaten Therapeuten, die ohne Kassensitz praktizieren, aber selbst solche, die bereit sind, für weniger Begütete günstiger zu arbeiten, verlangen Minimum 50 Euro pro Sitzung, was demnach bei einer Therapie, die idealerweise einmal die Woche stattfindet, schon mal locker 200 Euro im Monat ausmacht. Kein Mensch in der Ausbildung kann das bezahlen, kein Student, kein Arbeiter mit Familie. 200 Euro sind verdammt viel Geld. So ausgelutscht es ist: Gesundheit sollte keine Frage des Geldbeutels sein.

Wirtschaftlichkeit

Ich hasse es, bei einem solchen Thema utilitaristisch zu argumentieren. Aber natürlich ist unser Gesundheitssystem trotz aller Menschenfreundlichkeit wirtschaftlichen Überlegungen unterworfen. Doch das ist kein Argument GEGEN mehr Kassensitze. Es ist eines DAFÜR.

Ein depressiver Mensch, der keine Therapie beginnt, kostet natürlich kurzfristig erstmal gar nix, aber langfristig ist jede unbehandelte psychische Erkrankung eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und den Staat an sich. Irgendwann häufen sich unweigerlich die Krankentage. Notfallhilfe, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man sofort interveniert, ist auch nicht billig. Ein einziger Tag in einem Krankenhaus oder einer Psychiatrie, der vielleicht wegen eines Unfalls durch SVV (Selbstverletzendes Verhalten) oder gar eines Selbstmordversuchs nötig ist, ist so teuer, dass man davon locker mehrere Sitzungen bei einem Therapeuten bezahlen kann.

Ach ja – Selbstmord? Todesursache Nummer Eins bei jungen Menschen, die den Staat bis dahin Kindergeld, Geld für Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, vielleicht sogar Studium und Ausbildung gekostet haben, ohne dass sie davon mittels ihrer Arbeitskraft auch nur einen Cent zurück geben können – weil sie nämlich TOT SIND.
Ja, das klingt ekelhaft, wenn man es so sagt, aber es muss gesagt werden, um diesen idiotischen Tunnelblick sogenannter „wirtschaftlicher Überlegungen“ als das zu demaskieren, was er ist: Bullshit, den selbst ein Kleinkind durchschauen könnte.

Und dann ist da ja noch diese kleine Sicherheitsfrage. Ja, ich rede hier von Andreas Lubitz, der fast 150 Menschen mit in den Tod riss. Auch wenn ich stark bezweifle, dass der NUR an Depressionen gelitten hat – Depressive wollen sich in der Regel, wenn überhaupt, nur selbst schaden – sind wir uns doch hoffentlich alle eilig, dass dieser Mensch psychische Probleme hatte, die mit der richtigen Behandlung vielleicht hätten geheilt werden können, bevor es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich haben wir hier ein Extrembeispiel, aber ich will nicht wissen, wie viele Menschen (vor allem Kinder) indirekt unter unbehandelten Erkrankungen Dritter leiden, ebenfalls krank werden, wieder Geld kosten. Psychische Erkrankungen sollten KEIN Stigma sein – aber das heißt noch lange nicht, dass wir alle harmlose Engelchen sind, die niemanden absichtlich oder unabsichtlich verletzen können. Das schreibe ich als Kind einer Mutter, die ebenfalls depressiv ist.

Betroffenen zeitnah Therapien zur Verfügung zu stellen ist demnach billiger, als es nicht zu tun – auch DAS wissen die Krankenkassen. Und auch hier tun sie NICHTS. Vielleicht stecken dahinter ja irgendwelche Schreibtischtäter, die nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung denken. Vielleicht ist es auch einfach bequemer, ein beschissenes System beizubehalten als die Mühe auf sich zu nehmen und ein besseres zu entwerfen. Ich weiß es nicht. Aber ändern muss es sich.

Mangelnde Qualität

Der Punkt ist vielleicht ein bisschen gemein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Therapeuten diesen Weg (der bedeutet, nach einem abgeschlossenen Studium noch eine zeit- und kostenintensive Ausbildung zu absolvieren) gewählt haben, weil sie wirklich den Drang haben, Menschen zu helfen. Trotzdem haben die zwei Totalausfälle, von denen ich berichtet habe, mich mehr zurück geworfen als alles andere (über Therapeut Nr. 2 hätte ich mich sogar gerne beschwert… wenn ich denn gewusst hätte wo).
Eine liebe Bloggerkollegin, selbst Therapeutin, schilderte vor kurzem treffend, dass die Qualität der Behandelnden und damit auch die Behandlung an sich steigen müsste, wäre sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Momentan scheinen sich dagegen einige Therapeuten auf ihrem Kassensitz auszuruhen, der ihnen Dank der schon angesprochenen Unterversorgung fortwährend und ohne die geringste Mühe Nachschub an neuen Patienten verschafft.
Wie wäre es, wenn Therapeuten wirklich um Patienten kämpfen müssten, Erfolge vorweisen müssten? Das findet momentan schlicht nicht statt. Dazu diese unsägliche Praxis, Kassensitze zu VERKAUFEN – womit ein solcher nicht von Qualität, sondern nur von einem dicken Geldbeutel zeugt.
So wirklich habe ich auch keine Ahnung, wie man es besser machen könnte. Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten? Ein zusätzlicher Test? Kassensitze zeitlich begrenzt auf Probe mit anschließender Evaluation? Ich weiß nicht, was hier die beste Methode wäre, um die wirklich fachlich und menschlich besten Kandidaten auszuwählen. Ich weiß nur: Geld ist es mit Sicherheit nicht.

Betreuung

Das ist ein für mich schwieriger Punkt. Es ist mir peinlich, mir selbst und anderen eingestehen zu müssen, dass ich nicht mal in der Lage bin, ein paar Telefonate zu führen. Und doch ist das der Punkt, der nicht nur bei mir am meisten hakt.

Viele waren sehr schockiert über diese Zahl: neun Jahre. Neun gottverdammte Jahre, fast mein gesamtes Erwachsenenleben. So lange suche ich schon nach einem ambulanten Therapieplatz. Aber selbst mit unserem trägen Gesundheitssystem ohne genügend Kassensitze könnte ich schon längst austherapiert sein – wäre ich am Anfang nur am Ball geblieben.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die mich hier hindert. Es ist schlicht und ergreifend die psychische Belastung, die mit dieser Suche einher geht. Vielleicht habt ihr ja schon mal wegen einer Grippe bei eurem Arzt angerufen und euch während genau diesen zwei Minuten Gespräch mit der Sprechstundenhilfe elender gefühlt als sonst im gesamten Krankheitsverlauf. Tja, so geht es mir auch. Vergessen wir die leichte (fast überwundene) Soziale Phobie, die ich ebenfalls mein Eigen nennen darf und die Telefonate allgemein recht unangenehm macht, vergessen wir auch den Stress und die Übermüdung, die mit dem Jonglieren Dutzender verschiedener Sprechzeiten einher geht: Muss ich bei einem Therapeuten anrufen, ist der Tag gelaufen. Oft kamen mir schon die Tränen, bevor überhaupt jemand abhob, und wenn man mich dann auch noch aufforderte, „kurz zu erzählen“, was mein verdammtes Problem ist, ging die Sirene erst richtig los.

Es schlaucht. Es triggert. Es macht mich fertig. Und für was? Wie man sieht: für nichts.

Damit stehe ich nun wirklich nicht alleine. Ja, es ist peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man in diesem einen speziellen Fall tatsächlich jemanden braucht, der einen ans Händchen nimmt, weil man sonst immer wieder aufgibt. Aber genau so jemanden sollte es geben. Was mir vorschwebt, ist eine Art Betreuer, der vielleicht sogar selbst Therapeut sein könnte, aber ein Sacharbeiter (mit entsprechender Fortbildung) würde ja auch schon reichen. Dieser Person schildert man im persönlichen Gespräch EINMAL seine Situation, statt sie zehnmal wiederholen zu müssen und SIE erledigt dann die Therapeutensuche. Ist genügend Vorwissen vorhanden, kann dabei ja auch schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen werden (es bringt wohl wenig, einen fünfzigjährigen Alkoholiker zu einem Therapeuten zu schicken, der sonst vor allem Essstörungen bei Jugendlichen behandelt. Aber woher soll man sowas als Betroffener wissen? Die wenigsten Therapeuten haben Internetauftritte.). Auch eine vorläufige Diagnose wäre hierbei schon möglich, wenn auch nur im sehr, sehr beschränkten Rahmen.
(Auch wäre ein System denkbar, das ähnlich wie die Programme funktioniert, die an Unis zur Anmeldung für Veranstaltungen verwendet werden. Damit wäre für den verantwortlichen Betreuer beispielsweise ersichtlich, welcher Therapeut noch freie Kapazitäten hat, am besten zum Profil des Patienten passt o.ä. Hier würde sich allerdings die Frage nach einem adäquaten Datenschutz stellen.)

Wie schwer kann es sein, solche Betreuer zur Verfügung zu stellen? Und falls es sowas schon gibt: Warum weiß ich nichts davon?

Veränderung – aber wie?

Hier kommen wir zum Hauptpunkt und hier bin ich leider ratlos. Ich besitze keinen Einfluss, habe kein politisches Amt und kenne keinen Weg, irgendetwas zum Besseren zu wenden außer, mich fortwährend lautstark zu beschweren.

Genau das scheint allerdings bei dieser Thematik momentan ein riesiges Problem zu sein. Die so hochgejubelte Awareness, die ich kritisiert habe, ist beiläufig, oberflächlich und geht an den wirklichen Problemen vorbei. Sie fokussiert sich einzig auf den Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen mit dem ach so hehren Ziel, die dann irgendwann gesellschaftlich völlig akzeptierten, nun viel selbstbewussteren Betroffenen auf diese Weise zu motivieren, sich Hilfe zu suchen – und übersieht dabei völlig, dass es keine Hilfe gibt. Das ist entweder, wie schon gesagt, einfach nur heuchlerische Selbstprofilierung – oder pure Unwissenheit.

Gegen Heuchelei kann man als Außenstehender nun leider nicht viel tun. Gegen Unwissenheit aber schon. Ja, nennt mich bekloppt, aber ich plädiere hiermit für Awareness! Keine Awareness hinsichtlich der traurigen Tatsache, dass selbst im 21. Jahrhundert viele erwachsene, gebildete Menschen „psychisch krank“ immer noch mit „unzurechnungsfähig“ gleichsetzen oder glauben, Depressive wären einfach nur weinerliche Jammerlappen. Klar tut das weh. Trotzdem: Vergesst diese Idioten. Ich rede von Awareness dahingehend, wie schwer es uns selbst völlig ohne Stigmatisierung gemacht wird, gesund zu werden. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet, darüber ist viel zu wenig bekannt. Aber genau das muss sich ändern.

Ich kenne keinen Weg, etwas zu ändern, außer mich zu beschweren. Das habe ich hiermit getan. Aber wir Betroffenen sind viel zu leise… weil wir alle krank sind. Weil wir häufig schon froh sind, morgens aus dem Bett zu kommen. Deshalb müssen sich viel, viel mehr Leute beschweren und nach gangbaren Lösungen suchen – Leute mit Energie, Grips und Macht.

Gründe dafür habe ich nun wirklich genug genannt. Konkrete Hindernisse, die es aus dem Weg zu räumen gilt, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie das gehen soll. Aber ich hoffe auf eine echte Debatte über das Thema „Versorgung psychisch Kranker“ – hinausgehend über die mitleidige Feststellung, was wir doch alles für arme, kleine Hascherl sind.

Es ist ein unmenschliches, ineffektives und darüber hinaus auch noch wahnwitzig kostenintensives System, das eine grundlegende Reform benötigt. Wenn das geschafft ist, kommt das Ende des Stigmas übrigens ganz allein. Nichts würde mich glücklicher machen, als in zehn Jahren auf irgendeinen saublöden Spruch über Depressionen zu antworten: „Weißt du was? Ich war auch mal depressiv und kuck, wie gut es mir heute Dank der richtigen Therapie geht!“

Bis dahin gibt es noch zu viel zu tun, um uns an Kleinigkeiten aufzuhängen. Ich hoffe, ihr seid dabei.

Eure Awareness kotzt mich an!

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

Dieser Tag beginnt, wie der letzte endete: mit Tränen.

Viel weinen oder gar nicht, viel fressen oder wenig, viel schlafen oder sich rumwälzen.

Manchmal schlafe ich 10 Stunden am Tag. Eine kleine Flucht, die mir bleibt. Ich träume meist intensiv, oft totalen Schwachsinn, aber wenigstens ist es nicht langweilig. Ich schlafe so viel, dass mir der Rücken weh tut. Oft lege ich mich ins Bett, weil ich nicht mehr sitzen kann. Und stehe ich morgens, das heißt mittags, aus dem Bett auf, geht’s nach einem Abstecher ins Bad erst mal auf die Couch – zum Ausruhen. Ausruhen vom Aufstehen. Das ist kein Witz.

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Und jetzt?

Sagt mir nicht “Bitte such dir Hilfe!” Es gibt keine Hilfe. Ich möchte, dass ihr das kapiert: Es gibt keine Hilfe. Eine Depression ist nicht wie ein fauler Zahn, der einem sofort einen Notfalltermin beim Zahnarzt verschafft. Nee, hier fault nur die Seele, das ist was anderes.

Anrufen, Therapeutentermine vereinbaren. Irgendwo kommt ein Stückchen Elan her und ich greife zum Hörer. Die Therapeuten habe ich mir vorher aus einer Liste ausgesucht.
Dabei die Frage: Kann ich da überhaupt Ansprüche stellen? Wenn man so lange warten muss, nimmt man dann nicht das, was man kriegen kann? Auch wenn man persönlich von einem rein psychoanalytischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt ist? Brauche ich einen abgehobenen Freudianer, der mir erzählt, dass all meine Probleme im Endeffekt darauf zurück zu führen sind, dass meine Mutter mich nicht stillen konnte? Ach ja, und irgendwas mit Penis?

Es gibt Therapieplätze und davon viel zu wenige. Wenn ich morgen irgendwo da anrufe, habe ich mit Glück einen Termin in einem halben Jahr.
Nicht, dass ich morgen einfach irgendwo anrufen könnte. “Einfach irgendwo anrufen” ist nämlich nicht. Depressionen gehen mit Antriebsschwäche einher. Das Internet sagt dazu “Prokrastinieren”. Dieses Scheiß-Internet. Antriebsschwäche fühlt sich eher so an wie in einem Eisblock eingeschlossen zu sein. Ein Eisblock auf meiner Couch, den starren Blick auf einen Stapel Dreckwäsche gerichtet, die dringend gewaschen werden muss, weil ich nichts mehr zum Anziehen habe und es anfängt zu müffeln und mit jedem Tag wächst der Berg trotzdem weiter, aber ich sitze einfach nur da und starre. Manchmal werde ich nachts wach, denke an überfällige Bücher oder was auch immer gerade ansteht und bekomme Herzrasen. DANN könnte ich es sofort machen, aber dann ist ja Nacht, da ist die Bibliothek zu. Und am nächsten Morgen hat sich das Eis wieder um mich geschlossen.

Ich habe die Liste vor mir, die mir mein Hausarzt gab mit den besten Wünschen. Ich habe die Therapeuten markiert, die meine favorisierte Methode anbieten. Zehn Therapeuten. Zwölf verschiedene Sprechstundenzeiten.
Mir laufen wieder die Tränen. Ich lausche den Ansagen vom Band, notiere mir die Sprechstundenzeiten, darunter so Perlen wie “Montags zwischen viertel vor 9 und 9″. Ich habe einen Schritt gemacht und er war umsonst ohne den nächsten.
Der nächste Schritt. Der nächste Schritt. Zwei bis achtzig Wochen später, Montagmorgen. So lange habe ich gebraucht, bis ich rechtzeitig aufstehen konnte. 8 Uhr fünfundvierzig. Es klingelt. Niemand geht ran. Ich probiere es noch drei Mal. Nichts.

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem. Krankenhäuser, die Psychiatrien angeschlossen haben, schicken dort am Wochenende gerne Komasäufer hin. Die sind nämlich laut und kotzen, das nervt, also raus aus dem Krankenbett, ab zu den Psychos, und diese zwar zu hart feiernden, aber ansonsten völlig gesunden Menschen müssen am nächsten Tag Fragen zu ihrer nicht vorhandenen Suchtproblematik beantworten, weil die in der Ambulanz behauptet haben, die hätten eine Suchtproblematik, weil sie die ja sonst nicht in die Psychiatrie hätten abschieben können.

Nein, da will ich nicht hin.

Ich komme durch, bekomme einen Termin. Endlich. Therapeutin: Ein Megafail. Ich soll erzählen, also erzähle ich und mittendrin unterbricht sie mich und verbietet mir, weitere Taschentücher zu nehmen, weil sie später noch Gruppentherapie hat und das ihre letzte Packung Kleenex ist. Wir verabreden einen zweiten Termin. Sie sagt ihn ab, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse schreibt, den meine Mutter erreicht.

#NotJustSad. Depressive sind nicht einfach nur traurig. Wow. Haltet die Druckerpressen an, wir haben hier die banalste Schlagzeile der Welt.
Ihr habt studiert? Könnt Wikipedia bedienen? Warum wisst ihr das dann nicht? Und der Rest, die ganzen Arschlöcher, die einen für unzurechnungsfähig erklären oder für kleine Mimosen… denkt ihr, die lassen sich von einem Hashtag beeindrucken oder ein paar Artikeln?
Aber man liest es ja doch und fühlt sich voll aware, haut ein paar Internetadressen raus (“Hilfsangebote”) und weiter zum nächsten Skandälchen. Vielleicht hat ja jemand offizielles irgendwo “Schwule” gesagt und “Homosexuelle” gemeint, sowas geht doch nicht, Shitstorm on.

Zweiter Therapeut. Schlaffer Händedruck, ausdrucksloses Gesicht. Er sieht mich während der gesamten Sitzung nicht an und gibt mir am Ende eine Liste mit Therapeuten. Ich frage, warum er mir nur Frauen empfiehlt, mir ist das egal, ich habe keine Missbrauchserfahrung oder sonstiges, was es mir unmöglich macht, zu einem männlichen Therapeeuten zu gehen. Er nennt die Frage sinnlos. Ich deute an, dass ich aufgetaucht bin, weil ich ja bei IHM Therapie machen wollte. Er schnarrt: “Abgelehnt!” Ich bin fassungslos, springe auf, stammle irgendwas. “Unglaublich… in diesem Land…!”
Ich bin schon an der Tür. Er antwortet stoisch: “Dann wandern Sie doch aus.”

Ich weine auf dem Weg nach Hause, denke, dass diese Ignoranz mich hätte umbringen können, wäre ich gerade suizidal. Ein Teil von mir wünscht, ich wäre es.

Nur sehr wenige Behandlungsmethoden werden von der Krankenkasse anerkannt und übernommen. Eine neue Behandlungsmethode zur kassenärztlichen Legitimation zu verhelfen – ein jahrelanger Prozess, selbst wenn der Erfolg nicht wegzudiskutieren ist. Als würde man jemanden mit Schmerzen Aspirin verabreichen, weil irgendwie noch nicht abschließend geklärt ist, ob dieses ominöse Morphium auch tatsächlich wirkt.
Die Lösung besteht darin, sich einen Therapeut zu suchen, der beides kann: Die Behandlung, die von der Kasse bezahlt wird und die Behandlung, die tatsächlich am besten für einen ist. Der Therapeut therapiert dann nach der einen Methode, schreibt aber für die Kasse die andere auf die Abrechnung. So fickt man das System. Das System wollte es doch so.

Termin 3. Therapeutin, sympathisch, perfekt. Leider für mich nix frei. Aber sie empfiehlt mir Therapeuten und streicht sie für mich an.
Anruf. “Wir KÖNNEN Sie auf die Warteliste setzen, aber das dauert ein halbes Jahr!”
“Ist okay. Bitte setzen Sie mich drauf.”
“Wir haben SEHR viele Anfragen und viele kriegen zwischenzeitlich anderswo einen Therapieplatz, ohne sich bei uns abzumelden. Das ist sehr aufwendig und ärgerlich für uns. Bitte rufen Sie deshalb in drei Monaten wieder an, um zu bestätigen, dass Sie immer noch warten.”

Haha. In drei Monaten nochmal anrufen. Klar. Easy. Was spricht dagegen. “Einfach so”.

Ich bedanke mich, lege auf und notiere diese Frist in dem Wissen, dass ich sie niemals einhalten werde.

Nein, eigentlich will das System nur eines: mich tot sehen. Mich und andere wie mich. Wir kosten zuviel. Natürlich koste ich momentan überhaupt nichts, so ohne Therapieplatz, und so soll das auch bleiben. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – nicht bei unseren Krankenkassen. Künstliche Verknappung.
Wer als Therapeut Patienten auf Rechnung der Krankenkassen behandeln will, braucht einen Kassensitz. Ein Kassensitz muss er sich aber erst kaufen gegen viele, viele tausend Euro. Und selbst wenn er so viel Geld mal einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, kriegt er wahrscheinlich keinen, weil es ja nicht zu viele Therapeuten mit Kassensitz geben soll, denn so viel Bedarf besteht ja nicht. Also wird die Anzahl der Kassensitze klein gehalten, obwohl ein Bedarf nach Therapeuten mit Kassensitz eindeutig da ist. Angebot und Nachfrage – sonst gäbe es ja keine Wartezeiten von einem halben Jahr. Es sei denn, man ist reich und bezahlt die Behandlung selber.

Wusstet ihr nicht, ne?

Anderer Therapeut. “Die Wartezeiten für Einzeltherapie sind gerade sehr lang. In der Gruppentherapie sind aber noch Plätze frei!”
Ich mag keine Gruppentherapie. Ich hasse es, vor Fremden zu weinen. Und es interessiert mich nicht, ob Peter seit dem Tod seiner Frau keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht oder Paula in der Schule immer gemobbt worden ist. Ich fühle mich herzlos, wenn ich das denke, aber es ist so. Ich habe keine Kraft für andere. Ich habe keine Kraft für eine kaputte Gruppe.

Ich komme auf die Warteliste. Ich soll das in einem halben Jahr nochmal bestätigen. Haha.

Wenn ein Therapeut mit Kassensitz nichts mehr frei hat, kann der einen genau das bescheinigen. Sammelt man genug dieser Absagen, kann man damit zur Krankenkasse gehen. Dort knallt man denen das als Beweis auf den Tisch, dass sie mit der Berechnung des Bedarfs an Kassensitzen Scheiße gebaut haben. Die Krankenkasse bezahlt dem Patienten dann einen Therapeuten ohne Kassensitz. So bluten sie dann doch für ihre selbst erzeugte Knappheit.

Vor ein paar Jahren ging von den Krankenkassen eine Anweisung an ihre Therapeuten, solche Bescheinigungen nicht mehr auszustellen. Man wollte den Leuten keinen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, auch wenn alle anderen Therapeuten schon ausgelastet waren. Dagegen haben sich die Therapeuten dann aber gewehrt. Unethisch sei das. Recht hatten sie.

Wusstet ihr nicht, ne?

Therapieambulanz. Wurde mir bereits ein Dutzend mal empfohlen. Geht schneller, ist für harte Fälle besser. Ich bin skeptisch: eine Ambulanz? Was für Ansätze verfolgen die? Können die überhaupt was?
Jahre später. Therapieambulanz, jetzt endlich. Tägliche Sprechstundenzeiten. Keiner geht ran. Aber wenigstens gibt es eine Emailadresse. Protokoll, Ausschnitt:
“Wir senden Ihnen die Unterlagen zu. Die Wartezeit beträgt sechs Monate.”
“Mir wurde gesagt, bei euch geht es schneller. War das eine Fehlinformation?”
“Ja, das war leider eine Fehlinformation.”

#NotJustSad, ja, lest das und denkt, wie schlimm das doch alles ist. “Du bist ein toller Mensch! Such dir bitte Hilfe!”
Alles klar, Leute. Wie wär’s mit einem Hashtag #NotSoEasy. Not so easy at all.

Und jetzt stellt euch vor, man würde einem Querschnittsgelähmten die Reha verweigern und was für ein Skandal das wäre. Aber ihr sagt, das wäre dasselbe. „Ableismus“. Von „to be able“ – „fähig sein“. Die Diskriminierung von behinderten Menschen, die gewisse Dinge nicht so können wie gesunde Menschen. So wie ein blinder Mensch nicht sehen kann. So wie ein gelähmter Mensch nicht gehen kann.

So wie ein depressiver Mensch nicht… was? Was, zur Hölle?

Es war selbstverständlich absolut ableistisch von mir, als selbst Betroffene anzumerken, dass ich mich gegen diesen Begriff verwehre. Nicht als behindert gelten zu wollen kann ja nur bedeuten, dass ich was gegen Behinderte habe, ableistisch bin – unaware. Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politsche Programm passt.

Ich habe selbstverständlich absolut nichts gegen Behinderte. Die meisten Behinderten möchten ihre Behinderung nicht als tatsächlichen Makel verstehen. Recht haben sie. Und jede offene, freie Gesellschaft MUSS in der Lage sein, Behinderten und ihren Besonderheiten einen Platz bereit zu halten, eine Möglichkeit, ein zufriedenes Leben zu führen, auch ohne Sehvermögen oder funktionierenden Beinen.

Dagegen meine Depression. Oh, dafür sollte man dich nicht verurteilen und dieser Typ in diesem Flugzeug, also, dass die einfach behaupten, der sei depressiv gewesen, das KANN ja gar nicht sein! Shitstorm! Sieh nur, ich akzeptiere deine Besonderheit! Ich bin aware!

Oh mein Gott, ihr Arschlöcher, hier für euch eine Durchsage: Ich hasse meine Depression. Ich hasse sie, weil sie mein Leben zerstört, mein Leben bedroht und das letzte was ich will ist, dass ihr sie „akzeptiert“. Ich will, dass ihr sie genauso hasst wie ich und wie hoffentlich kein Behinderter seine Behinderung hasst!!!

„Aber nein, das verstehst du falsch. Ableismus, okay, damit wird meist auf Behinderungen rekurriert, aber, naja, „able“ heißt „fähig“ und umfasst alles, was damit irgendwie zu tun hat.“

Okay, ich bin also nicht fähig, morgens auf dem Bett aufzustehen, mich an Dingen zu erfreuen, glücklich zu sein. Ich bin außerdem nicht fähig, japanisch zu sprechen oder mit Computern umzugehen und einmal habe ich in einem Anfall selbstzerstörerischer Leichtsinnigkeit eine Glasscheibe eingeschlagen, musste ein paar Tage einen Verband tragen und war nicht fähig, meine Hand zu benutzen. Ableismus, Diskriminierung aufgrund fehlender Befähigung? Meine Güte, Wikipedia hat angerufen: Sie hätten gerne eine Definition, die nicht auf alles passt.

Einmal hat mir jemand, sicher in bester Absicht, mitfühlend geschrieben, wie schwer das sicher alles ist, so als Depressive. Allein, wie man auf der Arbeit diskriminiert wird. Und ich musste stumm kichern. Depression, das ist keine Behinderung, denn Depressionen kann man verstecken, jedenfalls bis es zu spät ist. Und kein depressiver Mensch geht damit in seinem echten Leben bei fremden Menschen hausieren.

Millionen Menschen leiden an Depressionen, hundert- und tausendmal mehr Betroffene als bei anderen „Besonderheiten“, für die ihr schicke neue Namen für Diskriminierungsformen erfindet, aber psychische Erkrankungen sortiert ihr bei Ableismus unter „ferner liefen“. Danke für diese Bestätigung meiner heimlichen Überzeugung, unwert zu sein. Danke für nichts.

Mich über Unwichtigkeiten ereifern, jetzt tue ich es schon selber. Nennt das, was man uns antut, halt „Ableismus“, ignoriert Stimmen von Betroffenen.
Natürlich ist es DAS, was mich eigentlich stört – nicht ein dämliches Wort. Betroffene werden nur gehört, wenn das, was sie zu sagen haben, zur Agenda passt. Und die Agenda heißt: Shitstorm. Moralische Empörung. Political correctness.

„Hab den Mathetest verhauen. Bin voll depri.“ Oh, das hat die Tussi jetzt NICHT gesagt, so ne Ignoranz, einfach medizinische Fachbegriffe zweckentfremden, wissen die Leute denn nicht, wie sich Betroffene bei sowas fühlen, Shitstorm, auf sie! Wir sind AWARE!!!

Ich lese „depri“ und fühle nichts. Weil es so unbedeutend ist. Umgangssprache. „ABER WORTE SCHAFFEN REALITÄT UND SPRACHE KANN BELIEBIG GEWANDELT WERDEN!“ – Ja, und deswegen heißt „depri“ hier „down“ und „Ich leide an Depressionen“ heißt „Ich leide an Depressionen“. So wie „Wenn ihr wirklich helfen wolltet, hättet ihr besseres zu tun als euch über so eine unwichtige Scheiße aufzuregen, ihr Idioten!!“ meint… nun, genau das. (Nur darf man „Idiot“ ja auch nicht mehr sagen. Das beleidigt Idioten. Aber möglicherweise ist es ja doch beleidigender, bei „Idiotie“ an geistige Behinderungen zu denken statt an Idioten.)

Währenddessen setzt irgendeine von euch eine Triggerwarnung über eine sexistische Werbung oder nennt eine prekäre Lebensituation „traumatisch“ und nein, das deckt sich ja so überhaupt nicht mit der medizinisch-psychiatrischen Definition, aber keine Sau interessiert’s, wer genug Fans hat, hat die Definitionsmacht, Scheiß auf Betroffene, außer die trinken mit dir einen Club Mate nach der Vorlesung und teilen deine Artikel auf Twitter. Nein, ich kritisiere keine Begrifflichkeiten, ich kritisiere diese unerträgliche Bigotterie und öde Irrelevanz eurer Awareness in Angesicht einer Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt.

Man hat mir einen Anamnesebogen geschickt. Ich habe ihn vor mir, sechzig Seiten mit vielen intimen, distanzlosen, triggernden, ja wirklich triggernden Fragen und ich heule wieder. Fragen, steril formuliert, schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne persönlichen Kontakt, niemand, der meine unmittelbare Reaktion sieht und mich auffangen könnte. Ich bin überfordert, denn ich weiß nicht, wie der Scheiß genau ausgewertet wird. Wenn meine Verfassung aber zu schlecht scheint, nehmen sie mich nicht. Gehen Sie in die Psychiatrie, da haben die all die tollen Drogen und ein schönes Zimmer, das Sie mit einem Komasäufer teilen können, der die ganze Nacht kotzt und sich einscheißt und morgen wieder weg ist.

Und wenn Sie nicht gehen und auch den Fragebogen nicht zurück schicken können, weil das schon wieder ein zu großer Schritt ist, weil wir Ihnen nicht helfen, weil Ihnen in diesem großen reichen Land niemand hilft, am allerwenigsten die, die es am lautesten behaupten, denn diese hysterischen Heuchler ohne auch nur das geringste Verständnis dafür, was es heißt, wirklich NICHT NUR TRAURIG und damit ALLEIN GELASSEN zu sein kreisen nur um sich selbst in ihrer billigen Imitation eines Menschen, dem andere nicht scheißegal sind – wenn Sie also letztendlich zusammenbrechen, dann tun Sie uns wenigstens den Gefallen und sterben leise.

Ich bin Robin, ich suche seit neun Jahren einen Therapieplatz und eure selbstgefällige Awareness kotzt mich so dermaßen an.


Wegen der großen Resonanz habe ich noch einige Ergänzungen nieder geschrieben. Darüber, was falsch ist, darüber, was sich ändern muss. Eure Ideen? Bitte lest hier: Awareness. Und jetzt?

Edit: Und noch zwei Nachträge:
1. Für die, die den Artikel mochten
2. Für die, die sich darüber aufregen