Wie man lernt, richtig beschissen zu flirten!

Jemand schon mal was von „PickUp“ gehört?

Damit ist nicht dieser muffige Schokoriegel gemeint, sondern eine Bewegung, die aus den USA zu uns rüber geschwappt ist und immer mehr Anhänger findet. Dabei geht es um das für gewisse Kerle einzig interessante Thema: Ficken!

Aber vor dem Ficken steht die Eroberung, sprich, das richtige Flirten. Genau diese Kunst versuchen einige selbsternannte Meister auf dem Gebiet, die sich tatsächlich „PickUpArtists“ (kurz PUA) nennen, ihrem atemlos lauschenden Publikum – teils gegen viel Geld – zu vermitteln.

Grundlage dieses Konzepts, das sich durch lächerlichen Fachsprech selbst den Anstrich angeblicher Wissenschaftlichkeit gibt, ist die Annahme, dass wir alle Opfer von Evolution und Biologie sind und rein gar nichts dagegen tun können. Weder Sozialisation, noch Kultur können uns das austreiben. Damit ist unser ganzes Leben völlig auf Fortpflanzung ausgelegt, somit auch jede hervorragende Leistung eines Mannes in egal welchem Gebiet nur dazu da, sich als Alphamann zu profilieren und überhaupt hat Michelangelo die Sixtinische Kapelle ja nur angemalt, um die Chicks zu beeindrucken! (Wobei, war der nicht schwul?)

Die Prämisse von PU in aller Kürze:
Frauen sind Neanderthalerinnen, die nur darauf warten, vor dem Typen, der am lautesten mit seiner Keule rasselt, verzückt auf die Knie zu sinken. Bedauerlicherweise (für PUAs) sind diese Urtriebe bei Frauen von einer Patina aus Erziehung, Kultivierung und fehlgeleiteter Emanzipation überzogen, die Frauen tatsächlich weisgemacht hat, es gäbe mehr im Leben als nach dem perfekten Mann zu suchen, dem sie dann Kuchen backen und die Höhle heimelig gestalten können. Aber PUAs haben das durchschaut und die Fähigkeit, die versteckten Evo-Knöpfchen zu finden und zu drücken, zur Kunst erhoben! Halleluja!

Es ist ganz einfach: Da Frauen nur auf Alphamänner stehen, muss man sich selbst als einer präsentieren, um zum Schuss zu kommen. Dominanz und Status sind alles!

Das Schöne an diesem Konzept aber ist, dass man schnell jeden Typen zum „Alpha“ labern kann, der Erfolg bei Frauen hat. Klar, Anzüge tragen, Ferrari fahren, überhaupt mit Geld um sich werfen und sich einen Scheißdreck darum scheren, was andere von einem halten, ist natürlich das ultimative Ziel, aber wenn irgendein langhaariger Loser ohne Job und Geld eine klarmacht, dann ist langhaarig, erfolglos und Pleite sein halt in dessen Peer-Group auch irgendwie Status. Niemals nicht kann das vielleicht einfach nur daran liegen, dass der Typ gut aussieht. Denn das kann man ja nur sehr eingeschränkt beeinflussen, womit sich kein Geld verdienen lässt!

Das macht diese Theorie im Grunde absolut nicht falsifizierbar, da alles Status sein kann und jeder erfolgreiche Flirt durch PU erklärt wird. Selbst Basics, die schon unsere Großeltern wussten (beispielsweise, dass man gepflegt besser ankommt, als wenn man zehn Meter gegen den Wind stinkt) werden von PU vereinnahmt und so präsentiert, als hätte man die Relativitätstheorie entdeckt.

Nach dieser Vorrede fragt ihr euch bestimmt, wie das in der Praxis aussieht. Bedauerlicherweise kann ich davon ebenfalls berichten.

Fangen wir von hinten an. Letzten Dienstag bin ich nach dem Deutschland-Brasilien-Spiel (7:1 YEAH!) noch bei uns in der Kneipe an der Theke gelandet. Davor ein Typ, den ich noch nie zuvor gesehen habe und der irgendwann begann, mich anzubaggern. Leider kann ich das Gespräch nicht mehr im Wortlaut wiedergeben (*hust* Ein Tor ein Schnaps *hust*), aber dass sich bei mir sehr schnell ein Gefühl von absoluter Ablehnung einstellte, ist mir noch sehr gut im Gedächtnis.

PUAs glauben, Frauen seien die Herrscherinnen des Schlafzimmers, denn Eier sind teuer, Sperma ist billig blabla und außerdem haben Frauen ja eigentlich eh kaum ne eigene Libido. Dies führe bei Frauen zu der Vorstellung, dass Männer Bittsteller sind, die um Sex betteln, da sie den ja so viel nötiger haben als Frauen.

Ein echter Alpha interessiert das natürlich nicht! Alphas können ja jede haben. Wer also den Eindruck vermittelt, überhaupt kein Interesse an der Frau ihm gegenüber zu haben, macht sich selbst umso interessanter. Logisch, ne? Umgesetzt in ein konkretes Flirtverhalten äußert sich das in einem „Mädel, ich als ultimativer Macker bin ja so viel besser als du“-Gehabe. Das kann erreicht werden durch eine enervierend süffisante Haltung oder auch schlicht Beleidigungen.

Dieser Typ schaffte es also, mich massiv anzumachen und mir gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass er mich für eine absolute Idiotin hält (die vermutlich froh sein soll, von diesem Gottesgeschenk an die Weiblichkeit überhaupt beachtet zu werden). Am meisten habe ich noch im Gedächtnis, dass er alles hinterfragte, was ich von mir gab. Wirklich ALLES. Darunter auch Aussagen zu meinem Alter (abgesehen von meiner Mutter dürfte ich selbst die Person sein, die am besten weiß, wie alt ich bin), zu meinem Studium (nicht zu den Inhalten, sondern tatsächlich, WAS ist studiere!) und so weiter. Gönnerhafte Kommentare zu meinen Dartkünsten (ich ließ mich zu einem Spiel breitschlagen… und war BESSER als er) hätten den Sack dann zugemacht, wäre er nicht schon vorher zu gewesen.

Das Tragische daran ist, dass ich den Kerl wirklich süß fand, rein optisch gesehen. Genau mein Typ! Ein freundliches Gespräch hätte ihm alle Optionen eröffnet. Aber nee, lieber führt Mann sich wie ein Arschloch auf, weil voll Alpha und so. Doch leider wird man durch Arschloch-Benehmen nicht zu einem guten Flirter, sondern zu einem Arschloch!

pickup_artist

Aber weiter im Text. Reden wir über den einzigen PU-Anhänger, den ich im echten Leben je getroffen habe und der zu seiner Obsession auch offen stand. Es handelte sich um den Freund einer Ex-Kollegin, der sich für PU zu interessieren begann, als sie gerade frisch zusammen waren.
Klar, dass sie das irgendwie scheiße fand!

Dieser Typ versuchte nun tatsächlich, als Anzugträger zum Alpha zu werden. Natürlich war ihm klar, dass einige körperliche Gegebenheiten eher auf Alpha hindeuten. Evolution halt.
So saß ich mit beiden in einer Bar und bekam mit, wie sie sich anfingen zu streiten. Das Thema war schnell ermittelt, als sich meine Ex-Kollegin mit blitzenden Augen zu mir drehte und zische: „Kannst du dem bitte mal sagen, dass er groß genug ist?!“
Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Alter, du bist groß genug.“
Er lächelte über so viel Naivität. „Aber es wäre besser, wenn ich NOCH größer wäre.“
„Wie groß bist du denn?“
„Eins-dreiundachzig.“
„Ähm, das reicht doch?!“
„Fünf Zentimeter mehr wären aber besser,“ erwiderte er im jammerigsten Tonfall.
Ich facepalmte innerlich und wusste genau, worauf das hinauslief, aber ich fragte dennoch nach, wieso er das für besser hielt.
Die Antwort natürlich: „Frauen stehen auf große Männer!“
Und das ist IN STEIN GEMEISSELT!!! Das ist EVOLUTION, Baby!!!
Wir begannen zu diskutieren (sinnlos). Irgendwann fragte er mich, wie groß denn meine Exfreunde gewesen wären.
„Die waren alle über eins-achtzig…“
„AHA!!!“
„… aber glaubst du, es ist cool, als so kleine Frau mit so jemanden zusammen zu sein und ständig blöde Sprüche abzukriegen, wie doof wir nebeneinander aussehen würden? Hätte ich es mir aussuchen können, wären sie mir kleiner lieber gewesen.“
Das galt natürlich nicht. Ich habe mich in all meine Freunde verliebt, weil sie groß waren und nicht etwa, weil mich ihre Persönlichkeit ansprach. Weil Evolution. Weißte Bescheid.

Schuldig blieb er mir eine Erklärung darüber, ob sich diese Faustregel irgendwann umkehrt, wenn eine gewisse Größe überschritten ist. Ab, keine Ahnung, 2 Meter 10 ist es doch schon echt eher gruselig als attraktiv. Was soll ich mit einem Mann, der einen halben Meter größer ist als ich? Weil es ja so lustig ist, zum neunzigsten Mal „Standgebläse“-Witze zu hören?

Weiter im Text. Nach diesem erhellenden Gespräch, in dem ich erfuhr, dass PUAs besser wissen, was ich will als ich selbst, kam irgendwann der nächste Typ angerannt.

Nein, eigentlich SPRANG er mir eher in den Weg. Es war in meiner Stammdisco. Ich befand mich auf dem Weg in den Raucherbereich, als sich plötzlich ein Typ vor mich warf und sofort anfing, auf mich einzureden.
Ich kann leider auch hier nicht wiedergeben, was es genau war. Dieses Mal nicht, weil ich betrunken war (kaum), sondern weil es schwer ist, sich so viel Bullshit auf einmal zu merken. Wasserfallartig texte dieser Kerl mich zu und redete offensichtlich nur, weil er ein Wortminimum zu erfüllen hatte!
Kurz zuvor hatte ich dieses Video gesehen:

Olli Schulz lässt sich von einem solchen Checker demonstrieren, wie man Frauen aufreißt – und das ist wirklich Gold! Man weiß kaum, was peinlicher ist: Die Selbstdarstellung dieses Typen (Devil! *hysterisch kreisch*), die Tatsache, dass er in seinen Videos klingt, als würde er in der 5. Klasse ein Referat halten, auf das er sich nicht vorbereitet hat oder den traurigen Umstand, dass er Sprüche wie „Kennste das noch, ne Post, wo man diese viereckigen Dinger abgibt“ tatsächlich für witzig hält. SO – PEINLICH. Sowas erinnert mich immer an meinen Lieblingsdozenten der Erziehungswissenschaften, der uns mal den dringenden Tipp auf den Weg gab: „Versuchen Sie nicht lustig zu sein, wenn Sie es nicht sind!“

Aber ich habe dadurch gelernt, dass die Strategie vieler PUAs darin besteht, eine Frau einfach sinnlos vollzulabern, bis sie entkräftet aufgibt und in seine Arme sinkt. So ein Exemplar schien ich vor mir zu haben.
Ich fragte also, während er gerade Luft holte: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Die einzig richtige Antwort wäre jetzt gewesen: „Hä?“ Stattdessen lachte er unbeherrscht, versuchte, den Spruch irgendwie zu überspielen (der endgültige Beweis, dass ich mit meiner Einschätzung recht gehabt hatte) und redete weiter mit der Geschwindigkeit einer AK-47.
Da er mir überhaupt nicht die Möglichkeit bot, zu Wort zu kommen, musste ich dann leider unhöflich sein und wortlos gehen.

Den tollsten Vertreter dieser Spezies traf ich dann aber noch etwas später in der selben Disco. Bis dahin war das ein hammergeiler Abend gewesen. Ich war mit Mitbewohner David unterwegs, die Musik war ultragenial, wir tanzten viel, ich fühlte mich superwohl. Einfach ein richtig schöner Abend!
Irgendwann verzog ich mich für eine Zigarette, während Mitbewohner David weiter auf der Tanzfläche abging. Ich stand da, die Kippe in der Hand und war einfach richtig happy. Das war der Zeitpunkt, als einer dieser Möchtegern-Aufreißer auf mich zu kam und meinen Blick suchte. Ich lächelte ihn knapp an – nicht, weil er mir gefiel, sondern weil ich gelernt habe, dass man das so macht, wenn man ein menschliches Wesen vor sich hat.

Das war leider für ihn ein Signal, mich anzulabern. Und was er sagte war: „Wow, du siehst ja so richtig unzufrieden aus!“

Mir fiel ALLES aus dem Gesicht. Wie gesagt – mir ging es gerade richtig gut! Alles war toll! Und dann kommt dieser Kerl und erzählt mir, ich würde unzufrieden aussehen?!

Natürlich – der meinte das ja gar nicht so! Ich sah im Gegenteil ZU zufrieden aus! Was natürlich nicht geht… eine zufriedene Frau ist eine selbstsichere Frau und selbstsichere Frauen lassen sich nicht von PUAs abschleppen! Es galt also, mich zu verunsichern. Ihr wisst schon, Dominanz zeigen, damit er einen auf Alpha machen kann!

Aber statt völlig zusammen zu brechen, was wohl sein Ziel gewesen war, wurde ich ein bisschen sauer. „Ähm, Hallo? Was ist denn das bitte für ein Spruch?“ ging ich direkt auf Konfrontationskurs. Das brachte ihn ins Schwimmen, auch wenn er versuchte, Contenance zu bewahren. Ich war aber so von den Socken, dass ich ein Mädel hinter mir anhaute. „Stell dir vor, was der gerade zu mir gesagt hat!“
Sie hörte es sich an und wirkte ebenso verblüfft. „Also wirklich, sowas sagt man doch nicht,“ meinte sie tadelnd.
Er versuchte, das Ganze als Witz hinzustellen („Du siehst unzufrieden aus“ – höhö, superwitzig). Da war mir schon klar, dass ich hier jemanden vor mir hatte, der ein Programm abspulte. Und diese Erkenntnis war immerhin interessant genug, dass ich nicht direkt flüchtete. Mal sehen, was der sonst noch so probierte.

Ich hätte es mir nicht schlimmer ausmalen können. Wir, naja, „unterhielten“ uns über das Studium (ich antwortete einsilbig). Als ich auf Nachfrage meinte, dass ich gerne wieder zurück nach Hause will, wenn ich fertig bin, antwortete der doch tatsächlich: „Klar, du machst definitiv den Eindruck, total heimatverbunden zu sein!“
Von der völlig idiotischen Überschwänglichkeit abgesehen: Wir kannten uns ZWEI Minuten. Steh ich drauf, von einem komplett Fremden zu hören, was ich für eine Persönlichkeit habe?

An dieser Stelle dann wieder mein Standardspruch: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Wieder kein „Hä?“. Wie lame.

Damit war für mich die Sache gegessen. Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Spielchen und wollte wieder tanzen gehen. Ich machte ihm klar, was ich von PU hielt und verabschiedete mich.

Später sah ich ihn an der Tanzfläche stehen und mich beobachten. Er winkte mich zu sich. Dumm, wie ich bin, ging ich hin und wandte den Kopf, weil ich dachte, dass er mir etwas sagen wolle. Stattdessen packte er meine Hand. Ich, konsterniert, wollte sie wegziehen, doch er umklammerte mein Handgelenk so fest, dass ich mich wirklich losreißen musste. „Darauf steht wirklich keine Frau!“ teilte ich ihm mit, als ich das geschafft hatte.

Seine Antwort: „Scheiß auf dich!“ – und ein beleidigter Abgang.

Tja, PUAs und ihre verletzten Gefühlchen.

All das war nicht gerade dazu angetan, meine Begeisterung für PU zu erhöhen. Abgesehen davon, dass ein Mann, der sein ganzes Leben danach ausrichtet, mit möglichst vielen Frauen möglichst viel Sex zu haben, in meinen Augen so tiefsinnig wie eine Regenpfütze ist, wirkt die Verzweiflung, die sich in der Nutzung kleiner PU-Psychospielchen äußert, für mich so ziemlich als das Gegenteil von „Alpha“.

Da ist mir ein Olli Schulz lieber, der nicht nur witziger ist, sondern die ganze Scheiße auch noch richtig peinlich findet!

Zum Weiterlesen von der fabelhaften Maren, die in dem Thema viel tiefer drin ist (und sich gerne unheimlich witzig der Demontage dieser Bewegung widmet):
Was PickUp so scheiße macht
Was PickUpArtists so scheiße macht

Und Onyx hat auch ne krasse Geschichte über einen PUA auf Lager:
Der vielleicht dümmste Anmachspruch der Welt!

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